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Waldgebiet des Jahres 2022: Auszeichnung für Erdmannwälder bei Bassum

Bunt zeigt sich der Erdmannwald und lässt die Artenvielfalt erahnen, die sich im „Waldgebiet des Jahres 2022“ verbirgt.
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Bunt zeigt sich der Erdmannwald und lässt die Artenvielfalt erahnen, die sich im „Waldgebiet des Jahres 2022“ verbirgt.

Bassum/Sulingen – Ein vielfältiges Mehrgenerationenhaus mit exotischen Einsprengseln – so könnte man das vom Bund Deutscher Forstleute (BDF) ausgewählte „Waldgebiet des Jahres 2022“ charakterisieren. „Wir haben uns für die sogenannten Erdmannwälder im niedersächsischen Forstamt Nienburg südlich von Bremen entschieden“, erklärt Bundesvorsitzender Ulrich Dohle. Dieses erstreckt sich von Bassum bis Sulingen.

„Seit 130 Jahren haben hier vier Generationen von Forstleuten – beginnend mit Oberförster Erdmann – Wälder aufgebaut, die durch kahlschlagfreie Mischwaldstrukturen, Baumartenvielfalt, Altersdurchmischung sowie Bodenpfleglichkeit und natürliche Baumverjüngung beispielgebend für moderne Waldbauprogramme waren und sind“, begründet Dohle einen der Aspekte der Wahl.

Mitentscheidend war für den BDF, dass die Erdmannwälder die Klimaschäden der letzten vier Jahre in Form von Stürmen, Dürre und Käferbefall nahezu unbeschadet überstanden haben. Dohle: „Diese seit 130 Jahren intensiv von Forstleuten gestalteten Wälder geben uns wichtige Hinweise, wie klimastarke Wälder in Zukunft aussehen können.“

Radweg macht Erdmannwälder erlebbar

Für die Öffentlichkeit sind die auseinanderliegenden Erdmannwälder seit Mai dieses Jahres mit einem 78 Kilometer langen Radweg erlebbar. Dabei und auch bei anderen Projekten arbeitet das Team aus dem Forstamt Nienburg mit anderen Institutionen und Akteuren aus der Region zusammen. „Akzeptanz und Vertrauen in der Region durch Kooperation und Öffentlichkeitsarbeit zu gewinnen, ist für uns ein weiteres Kriterium bei der Vergabe des zehnten Waldgebietes des Jahres“, unterstreicht Ulrich Dohle.

Waldgebiete, in denen Forstleute Mischwälder schon vor langer Zeit angelegt haben, können den Forstleuten bei der heutigen „Herkulesaufgabe“ des Waldumbaus als Orientierung dienen. „Zu diesen Wäldern zählen auch die Erdmannwälder, die durch Vielfalt an Baumarten und Strukturen überzeugen und mehr denn je Vorbild für stabile, vielfältig nutzbare Wälder sind“, führt Dohle die Kür der Erdmannwälder zum Waldgebiet des Jahres 2022 aus.

Mitmach-Projekt Erdmannwald 2030

Henning Schmidtke, Leiter des Forstamtes Nienburg, freut sich über die Auszeichnung der Erdmannwälder und die dort tätigen Forstleute: „Wir nehmen diese Anerkennung als Ansporn zur Weiterentwicklung der Erdmannwälder und planen ein Mitmach-Projekt Erdmannwald 2030.“ Im Gespräch mit der Kreiszeitung verrät der Leiter, worum es sich bei dem Projekt handelt und wie der „beste Wald Deutschlands“ noch besser werden kann.

„Als sich abzeichnete, dass die Erdmannwälder ausgezeichnet werden, haben wir uns zusammengesetzt. Uns kam die Idee, eine Aktion zu starten, bei dir wir nach dem Vorbild von Erdmann im 21. Jahrhundert neue Mischwälder anlegen. Noch heute gibt es große Flächen von Kiefer-Reinbeständen. Wir wollen diese Wälder mit Unterstützung umbauen, so wie es Erdmann vor 130 Jahren getan hat“, erklärt der Leiter des Forstamtes Nienburg.

50 Hektar Wald wird umgestaltet

Eine Fläche von insgesamt rund 50 Hektar will das Team im Landkreis Diepholz ab dem kommenden Jahr umgestalten. Hierzu will das Forstamt Nienburg Förderer und Sponsoren mobilisieren. Für einen Euro könnte ein Quadratmeter Wald durch die Aktion umgepflanzt und strapazierfähiger gegenüber dem Klima gemacht werden. Schmidtke: „Wir stecken noch in den Vorbereitungen. Zwei Bereiche haben wir im Auge: Der Kiefernwald ,rauer Busch‘ bei Sulingen und ein vom Borkenkäfer geschädigtes Gebiet bei Bassum. Hierzu befinden wir uns noch im Gespräch mit der zuständigen Forstgenossenschaft.“

Vielfalt sorgt für Vielfalt: In den Erdmannwäldern leben nicht nur unterschiedliche Baumarten, sondern auch an diese angepassten Tier- und Pilzarten.

Den Vorteil eines Mischwaldes beschreibt Henning Schmidtke mit einem Beispiel: „Wälder aus nur einer Baumart sind wie Scheunen, die voll mit Stroh sind. Hält man ein Streichholz an dieses, steht die gesamte Scheune in Flammen. Bei einem Mischwald sind verschiedene Materialien in der Scheune. Wenn es zu einem Problem kommt, hat dieses nicht so weitreichende Folgen.“

Verbesserung bei der Holzernte

In der Bewirtschaftung sind Mischwälder wie der Erdmannwald aufwendiger. Sowohl die Pflege als auch die Holzernte seien aufgrund der vielen verschiedenen Baumarten komplizierter und anspruchsvoller. So gebe es Baumarten, die voneinander profitieren, aber auch welche, die miteinander um Licht oder auch Nährstoffe konkurrieren.

In Sachen Ernte könne sich der Wald des Jahres 2022 verbessern: „Wir wollen die Intensität der Befahrung bei der Holzernte verringern. Dadurch schützen wir den Boden, aber auch Ressourcen“, sagt Schmidtke.

Es gehe dem Forstamt Nienburg in Zukunft darum, die ausgezeichnete „bunte Torte“ der Erdmannwälder auch dauerhaft zu erhalten.

Gründer: Friedrich Erdmann.

Die Entstehung der Erdmannwälder

Zwölf Waldgebiete mit rund 2 000 Hektar (20 Quadratkilometer) umfasst die damalige Oberförsterei Neubruchhausen, zwischen den Kleinstädten Bassum und Sulingen gelegen. Dort findet der junge Oberförster Friedrich Erdmann bei Dienstbeginn im Jahr 1892 viele kränkelnde Kiefernwälder vor. Sogleich beginnt Erdmann einen für die damalige Zeit in Art und Umfang überaus vorausschauenden und einmaligen Waldumbau. Er sorgt für eine verbesserte Humusbildung der Waldböden und lässt kleinflächig Buchen, Eichen, und Weißtannen säen und pflanzen. Douglasien, Küstentannen, Lärchen, Roteichen und vereinzelte Exoten wie Esskastanie und sogar Orientbuche folgten. Die Erdmannwälder der damaligen Oberförsterei Erdmannshausen gehören heute zum Forstamt Nienburg und sind Teil der Niedersächsischen Landesforsten, deren ökologisches Waldumbauprogramm (LÖWE-Programm von 1992) deutlich von den Grundsätzen der Erdmann‘schen Waldwirtschaft beeinflusst wurde. Der Kern seiner Idee ist die Buche. Über 26 Jahre entwickelt Erdmann sein Konzept des „Waldbaus auf natürlicher Grundlage“, welches von seinen Nachfolgern mit Änderungen bis heute weitgehend fortgeführt wird. Seine Leitbilder und Ideen soll Oberförster Erdmann (1859 bis 1943) maßgeblich an alten Laub- und Laubmischwald-Resten in der Region abgeleitet haben.

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