Neue Dokumentation über Kombischiffe

Mit Waggons, Champagner und Diplomaten nach Fernost

+
Harald Focke hat die nur 18-jährige Geschichte der Kombischiffe und die Dynamik ihrer Zeit aufgearbeitet: „Ich wollte zeigen, dass alles noch gar nicht so lange her ist.“

Bassum - Von Anke Seidel. Salat Belle Nuit, gekochten Redsnapper und Champagner lassen sich die Passagiere im luxuriösen Speisesaal des Schiffes servieren, während auf dem Oberdeck Eisenbahnwaggons mit ihnen nach Fernost schippern: Welten prallen aufeinander auf den kombinierten Fracht- und Passagierschiffen.

Sie waren von 1950 bis 1968 der Beweis für der Versuch ihrer Reedereien, die stolze Tradition der Vorkriegs-Passagierschifffahrt neu zu beleben. Der Bassumer Autor Harald Focke hat ihre Geschichte dokumentiert.

Reisen in eine Welt, die es längst nicht mehr gibt

In seinem neuen Buch „Mit dem Kombischiff nach Rio und Fernost“ können die Leser mit den Augen mitreisen in eine Welt, die es in dieser Form längst nicht mehr gibt.

Das luxuriöse Traumschiff mit Schwimmbad, Piano-Bar und allem nur denkbaren Komfort – kombiniert mit dem Transport von Maschinen, Ölen oder Rohstoffen wie Kakao und Kaffee: Es war ein ungewöhnlicher Schiffstypus, den der Norddeutsche Lloyd und die Hapag damals auf dem Bremer Vulkan bauen ließen.

Nur etwas für Reiche und Diplomaten

„Es gab steuerliche Vergünstigungen für das Kombischiff. Das erklärt diese scheinbar unsinnige Entscheidung“, berichtet Harald Focke – und beweist das mit Zahlen: „Ein neues Passagierschiff hätte damals 75 Millionen Mark gekostet. Für ein Kombischiff brauchte man wegen der Steuervergünstigungen nur 25 Millionen.“ Deshalb ließen Norddeutscher Lloyd und Hapag jeweils drei solcher Schiffe bauen. Sie trugen so klangvolle Namen wie Schwabenstein, Hessenstein, Bayernstein (Norddeutscher Lloyd) oder Hamburg, Frankfurt und Hannover (Hapag). 91 Mann Besatzung waren an Bord, 87 Passagiere konnten mitreisen auf der Fernost-Route bis nach Japan.

Die sechs Kombischiffe der Hamburg Süd (gebaut in den Hamburger Howaldtswerken) waren mit 48 bis 52 Mann Besatzung deutlich kleiner und mit 24 bis 28 Passagieren nach Südamerika unterwegs. Deshalb trugen alle Santa im Namen – von Santa Ursula bis Santa Inès.

„Die Reise nach Japan kostete damals so viel wie ein VW“, schmunzelt Harald Focke. Sie dauerte drei Monate – und leisten konnten sie sich nur die Reichen und die Diplomaten. Deshalb steuerten die Kombischiffe der Fernost-Route den englischen Hafen Southampton an, um britische Passagiere an Bord zu nehmen. Denn das Empire schickte immer wieder Diplomaten mit ihren Familien in die ehemaligen Fernost-Kolonien. Viele nutzten die deutschen Kombischiffe aus einem besonderen Grund: „Sie hatten Kindergärten an Bord. So konnten die Eltern die Reise entspannt genießen.“

Wirtschaftliche Effektivität? Fehlanzeige!

Die Engländer waren gern gesehen. „Die Deutschen konnten ihre Schiffe gar nicht auslasten“, sagt Focke, „es war sehr, sehr schwer, Frachträume zu füllen und Passagiere zu generieren“. Denn die Schifffahrt hatte längst schlagkräftige Konkurrenz bekommen: Das Flugzeug verkürzte die Reisezeit extrem.

Trotz Glanz und Glamour als Magnet: Wirtschaftlich effektiv waren die Kombischiffe nicht. Großes Manko: Sie ließen sich nicht so schnell be- und entladen wie ein Frachter. „Man musste ja immer auf die Passagiere Rücksicht nehmen“, so der Autor.

Die Kombischiffe kreuzten in einer Zeit des Umbruchs über die Weltmeere. „Frachtströme und Frachtgüter änderten sich genauso wie die Transportmöglichkeiten“, beschreibt Focke die rasante globale Dynamik, die in nur 18 Jahren das Aus der Kombischiffe besiegelte. Nach ihrem Verkauf in fremde Länder schipperten sie – teils in zunehmender Verwahrlosung – ihrem Ende entgegen.

Erinnerungen im 1950er-Jahre-Charm

Geblieben sind Fotografien, Dokumente und bildhafte Szenerien einer luxuriösen Traumschifffahrt im unverwechselbaren, kultivierten 1950er-Jahre-Charme.

Harald Focke hat sie zusammen mit Frank Scherer so aufbereitet, dass eine längst vergangene Epoche wieder erfahrbar wird – diesmal im übertragenen Sinne.

„Mit dem Kombischiff nach Rio und Fernost“ (Harald Focke, Frank Scherer) ist im Oceanum-Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Eiskalt oder scharf: Rezepte mit Pflaumen und Zwetschgen

Eiskalt oder scharf: Rezepte mit Pflaumen und Zwetschgen

Kaktusfeigen richtig öffnen

Kaktusfeigen richtig öffnen

VW Tiguan Allspace im Test: Wegen des Erfolgs verlängert

VW Tiguan Allspace im Test: Wegen des Erfolgs verlängert

Beben auf Ischia: Verschüttete Kinder nach Stunden befreit

Beben auf Ischia: Verschüttete Kinder nach Stunden befreit

Meistgelesene Artikel

Barnstorfer Ballon-Fahrer-Festival: Happy End am Himmelszelt

Barnstorfer Ballon-Fahrer-Festival: Happy End am Himmelszelt

Beim Stockcar-Rennen legen Teilnehmer sich gegenseitig aufs Dach

Beim Stockcar-Rennen legen Teilnehmer sich gegenseitig aufs Dach

Gerätehaus in Leeste feierlich übergeben

Gerätehaus in Leeste feierlich übergeben

Wetterexperte zum Ballon-Fahrer-Festival: „Wind ist unser Hauptfeind“

Wetterexperte zum Ballon-Fahrer-Festival: „Wind ist unser Hauptfeind“

Kommentare