Von Chiapas nach Groß Henstedt

Zwei Bassumer unterstützen zapatistische Delegation bei Europa-Reise

Ralf Schauwacker.
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Demonstration in Madrid: Ralf Schauwacker zeigt eigene Film-Aufnahmen.

Groß Henstedt – „Ihr habt uns nicht erobert“: 500 Jahre nachdem die europäische Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents begann, sind Abgesandte aus dem mexikanischen Chiapas zu einer umgekehrten Reise aufgebrochen. Ihr Besuch führt die Vertreter der zapatistischen Bewegung auch durch mehrere deutsche Städte, darunter Bremen. Zu ihren Unterstützern zählen der Filmemacher Ralf Schauwacker und seine Frau, die Lehrerin Susanne Wenthe, die auf dem Bassumer Plendelhof leben. Warum sie die Bewegung unterstützen, erzählen sie im Interview. Die Fragen stellte Dierck Wittenberg.

Herr Schauwacker, Frau Wenthe, warum ist es Ihnen wichtig, auf die Reise der Zapatistas aufmerksam zu machen?

Ralf Schauwacker: Weil schon länger klar ist, dass unser System, wie wir im Moment leben, die Erde zerstört und zu großen Ungleichgewichten führt. Die Zapatistas mit ihren poetischen-politischen Ansagen erscheinen mir als eine Initialzündung dafür, neuen Schwung reinzubringen, um Sachen zu ändern. Es sind immer positive, nach vorne gerichtete Ansagen, die mich zumindest inspirieren: „Wir sind für eine Welt, in die viele Welten passen.“ Also gegen Ausgrenzung, gegen Sexismus, aber man will ja nicht immer dieses Gegen sagen, deswegen: „Für eine Welt, in die viele Welten passen.“

Wie läuft die Reise der Delegierten ab?

Susanne Wenthe: Es ist ja eine öffentliche politische Reise. Mit ungefähr 200 Leuten in diesen Zeiten von Mexiko nach Europa zu kommen, das ist ein Riesenunternehmen für die Zapatistas und die zusätzliche Delegation vom mexikoweiten indigenen Rat CNI. Das geht los beim Pässebesorgen. Sie haben schon im März versucht, Pässe in Mexiko-Stadt zu kriegen und haben sehr rassistische Erfahrungen gemacht: Dass sie da vier-, fünfmal auftauchen und viel mehr Unterlagen vorbeibringen mussten als weiße Mexikaner. Und dann: Coronabedingt gab es Schwierigkeiten bei der Einreise. Paris hatte nicht geklappt, weil das zu der Zeit nicht mit Frankreichs Einreisebestimmungen zusammenpasste. Deshalb ist im Juni nur eine Vordelegation mit sieben Leuten gekommen, die in Vigo angelegt hat. Die anderen 170 Delegierten sollten am 13. August in Madrid sein. Das war der einzige Termin, der schon lange feststand, aber zu diesem Zeitpunkt war es nicht möglich, nach Spanien einzureisen. Aber es gab eine große internationale Demonstration, von 3 000 Leuten war die Rede.

Wie sind Sie dabei involviert?

Schauwacker: Es gibt eine internationale Vernetzung, zu der wir dazugehören. Die haben gesagt: Wir kommen zu euch, wir wollen hören, was ihr so macht, um sozusagen die Erde zu retten, und wollen uns mit euch austauschen. Dazu besuchen die Gruppen Europa. Die ersten 170, die gekommen sind, die bleiben circa drei Monate da. Dann sind die Visa zuende. Und dann kommt die nächste Gruppe. Das muss alles organisiert werden.

Sie waren in Spanien und sind bei weiteren Stationen dabei?

Schauwacker: Ich war in Vigo, wo ich auch gefilmt habe, und in Madrid. In Wien war ich nicht, weil ich hier arbeiten musste. Von den 170 Leuten reisen jetzt 65 in Deutschland herum.

Wenthe: Es sind 13 Equipos, also kleine Gruppen. Die sind zweieinhalb Wochen in Deutschland, am 10. Oktober reisen sie weiter in andere Teile Europas.

Schauwacker: Für fünf, sechs Leute ist geplant, dass sie am 3. Oktober kurz hierher auf den Plendelhof kommen. (Das Interview wurde ein paar Tage vor dem 3. Oktober geführt, Anmerk. d. Red.). Davor ist ein großes Treffen im Wendland, wo alle dabei sind, mit Kultur und Workshops und Vernetzung. Danach sind sie dann drei Tage in Bremen. Das ist der Teil des Plans, mit dem wir hier zu tun haben.

Und um was für eine Botschaft geht es den Delegierten?

Schauwacker: Man kann sagen, dass die Zapatistas sehr viel Wert auf Symbolik legen. Der Tag der Demonstration in Madrid, das war 500 Jahre, nachdem die Spanier Mexiko überfallen und einen Genozid angerichtet haben. Die Delegierten sind auf der gleichen Strecke mit einem Schiff in die umgekehrte Richtung gefahren und sagen: Ihr habt uns nicht erobert, wir sind immer noch nicht erobert.

Was hat die Europa-Reise für einen Hintergrund?

Schauwacker: Vor mehr als 27 Jahren haben die Zapatistas ihr Gebiet befreit. Die haben Großgrundbesitzer rausgeschmissen und sich ihr eigenes Land zurückgeholt. Das hat sehr viel Solidarität auf der ganzen Welt mit sich gebracht. Auch sehr viel Vernetzung. Das ist nicht so ein folkloristisches Ding: Da sind diese Indianer und die guckt man sich mal an. Ganz im Gegenteil. Es ist ein Austausch. Das hat sehr viele Menschen auf der ganzen Welt inspiriert: Es geht doch auch anders. Die haben da ein basisdemokratisches Zusammenleben, lehnen jegliche Zusammenarbeit mit der Regierung und Parteien ab, haben ein eigenes Gesundheitssystem, ein eigenes Schulsystem – alles selbstorganisiert, alles basisdemokratisch organisiert.

Wenthe: Es ist auch ein politisches Projekt. Basisdemokratisch organisiert heißt: von unten nach oben. Oben gibt es nur Delegierte, das ist der Rat der Guten Regierung in den Gemeinden. Und das klappt, das klappt seit über 25 Jahren, und das ist beeindruckend. Weil die Zapatistas die Ohnmächtigsten waren, die, die am weitesten unten stehen. Was die für sich erreicht haben, ist Wahnsinn.

Waren Sie selbst schon in Chiapas?

Schauwacker: Wir wollten eigentlich letztes Jahr hin, und da einen Sprachkurs machen, aber das ging wegen Corona nicht. Man kann dort Spanisch lernen oder auch indigene Sprachen.

Wenthe: Ich war 1996, beim ersten encuentro intergalactico (dt. intergalaktisches Treffen, Anm. d. Red.). Da waren viele tausend Leute, das war toll. Und dann war ich nochmal 2010 da, kurz vor Weihnachten, Wir haben in einer Gemeinde der Zapatistas ein Buch übergeben, das wir übersetzt hatten, mit Texten und Erzählungen von da.

Haben Sie auch vor, dieses Thema als Filmemacher aufzugreifen?

Schauwacker: Das kommt drauf an, was ich da letztendlich rausholen kann. Ich mach gerne persönliche Interviews. Ich möchte persönliche Interviews mit den Zapatistas machen. Das ist nicht so einfach, weil die oft nur die Kommuniqués wiedergeben. Die sind ja Delegierte, das muss man auch so sehen. Ich möchte aber eigentlich zu diesen Sprüchen auch ihre Meinungen hören. Dazu habe ich auch Deutsche gefragt, die da viel Hoffnung reinlegen. In diesem Zusammenhang möchte ich letztendlich eine Art abendfüllenden Film machen. Ich arbeite nicht für dieses Fast-Food-Facebook-Zeug oder Instagram, sondern das wird ein Film, der wird – wenn er fertig wird – im Kino laufen.

Vor der Abreise: Mitglieder der Delegation in San Cristobal de las Casas, bevor sie sich über Mexiko-Stadt auf den Weg nach Europa machen.

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