Voll integriert: 2003 kämpft eine ganze Stadt für Faki

1992 Flüchtling – heute erfolgreicher Unternehmer

+
Eine Erfolgsgeschichte haben Faki und Bedrija Kurbardovic geschrieben: Nach ihrer Flucht nach Deutschland, der erzwungenen Ausreise und schwierigen Jahren haben sie am Ende mit viel Fleiß und Beharrlichkeit ein Taxi-Unternehmen gegründet.

Bassum - Von Anke Seidel. Krieg. Quälende Angst um das Leben. Flucht. Und Hoffnung auf eine neue Heimat. Faki Fahrudin Kurbardovic hat diese Ausnahmesituation mit seiner Familie erlebt: 1992 im ehemaligen Jugoslawien.

Mit seiner Frau Bedrija und den beiden Kindern Armin und Ajtena, gerade mal zwei und ein Jahr alt, flieht er aus seiner Heimat. Heute ist der 49-Jährige ein erfolgreicher Taxi-Unternehmer mit sechs Fahrzeugen und zwölf Angestellten. Dafür hat er gekämpft wie ein Löwe. Genau der ist heute das Wahrzeichen an seinem 2014 erbauten, beeindruckenden Firmengebäude an der Bassumer Industriestraße.

Anders als viele Flüchtlinge, die heute nach Deutschland strömen und überall herzlich willkommen sind, musste Fahrudin Kurbardovic, von allen Faki genannt, kämpfen.

Er muss das Land 2003 wieder verlassen, obwohl 1500 Bassumer Bürger sich mit ihrer Unterschrift und persönlich für ihn einsetzen, weil er zu ihrem Mit-Bürger geworden ist: „Faki muss bleiben!“ Doch vergeblich kämpfen sie dafür, dass der Schuhmacher aus dem ehemaligen Jugoslawien, der längst die Bassumer E-Jugend trainiert, für den TSV Bassum Tor um Tor schießt und voll integriert ist, bleiben darf – und nicht in seine vom Krieg verwundete Heimat zurückkehren muss: Tutin. Ein Ort, der im schwer umkämpften Gebiet zwischen Bosnien, Serbien und Montenegro liegt.

Aber die Ausländerbehörde kennt kein Erbarmen – und verfügt die Abschiebung. Seit 1994, also fast zehn Jahre, hat Faki bis zu diesem Zeitpunkt mit seiner Familie in Bassum gelebt und ist vielen zum Freund geworden. Das zählt nicht, nur das Gesetz.

Zuerst hat die Familie im Flüchtlingsheim „Rosendiele“ gewohnt, dann, nach einigen Jahren, eine kleine Wohnung bekommen. Die Kinder sind hier aufgewachsen.

Die jungen Bassumer Familien treffen sich an jedem Sommer-Wochenende im Freibad – Familie Kurbardovic ist mitten unter ihnen.

Dass die Behörde die Familie abschieben will, sorgt in der Stadt Bassum für Empörung und Entrüstung. Um das Schlimmste abzuwenden, bleibt dem Familienvater nur ein Ausweg: Am letzten Tag vor der Abschiebung unterschreibt er, dass er Deutschland mit seiner Familie freiwillig verlässt. Und geht zurück. In eine Heimat, die ihm völlig fremd geworden ist. Nachbarn und Freunde von damals gibt es nicht mehr. Eine neue Generation prägt den Ort. Die Familie, die ein Jahrzehnt in Deutschland gelebt hat, kommt in ein fremdes Land. Die Kinder sprechen Deutsch. Es gibt keine Arbeit. Nichts. Die Familie muss wieder ums Überleben kämpfen.

Die Bassumer antworten derweil auf die Entscheidung der Behörde mit der stillen Suche nach einem Arbeitsplatz für Faki. Der ist bald gefunden – auf einer Baustelle.

Weil Faki Deutschland freiwillig verlassen hat, kann er nach einem Jahr zurückkehren nach Bassum. Aber seine Frau und die Kinder müssen in Tutin bleiben. „Wir sind beide Sternzeichen Löwe“, schmunzelt Faki heute – trotz der schmerzlichen Erinnerungen an die damalige Zeit. Denn fünf Jahre bleibt die Familie getrennt. Fünf Jahre, in denen das Familienleben aus seltenen Besuchen des Familienvaters in Tutin besteht. Fünf Jahre, in denen er in Bassum erst auf dem Bau, dann in der Gärtnerei Dunekacke und schließlich im Taxi-Unternehmen Heise arbeitet. Fünf Jahre. Dann endlich kann die Familie gemeinsam in Bassum leben.

Am 16. Februar 2010 eröffnet Faki sein eigenes Taxi-Unternehmen. Mit großem Erfolg: Die Bassumer bleiben ihm treu.

Immer wieder greift Faki im Gespräch mit dieser Zeitung zum Handy und sorgt bei den Fahrern für Klarheit. „Der Betrieb läuft 24 Stunden, also rund um die Uhr“, entschuldigt er sich. Dringend braucht er neue Fahrer – aber die sind zurzeit nicht so leicht zu finden. Trotzdem hofft er darauf, dass sich schnell gute Arbeitskräfte bei ihm melden.

Was fühlt er, wenn er in einer der wenigen Stunden Freizeit im Fernsehen die Flüchtlingsströme sieht, die nach Deutschland drängen und jetzt herzlich aufgenommen werden?

„Jeder Mensch hat im Leben seine Chance verdient“, antwortet der Unternehmer. Sein Gesicht kann nicht verheimlichen: Eine Narbe ist geblieben. Die Narbe, von der Behörde damals unerwünscht in Deutschland gewesen zu sein – und als voll integrierter Einwohner kein Bleiberecht gehabt zu haben, obwohl ihn so viele Menschen in Bassum schätzen.

„Jeder Mensch hat seine Chance verdient“, bekräftigt Fakis Ehefrau Bedrija (43). „Aber jeder muss arbeiten gehen. Jeder muss sein Geld selber verdienen.“

Genau darauf hat das Ehepaar seine vier Kinder vorbereitet. Armin (23) arbeitet im Taxi-Unternehmen, Ajtena (22) in einer Zahnarzt-Praxis und Amina (20) bei einem Rechtsanwalt. Die jüngste, Almina (16), möchte Bankkaufrau werden.

www.fakis-mietwagen.de

Mehr zum Thema:

Unglücksfähre "Sewol" vor Südkorea auf Lastschiff verladen

Unglücksfähre "Sewol" vor Südkorea auf Lastschiff verladen

Nach Anschlag in London: Polizei lässt Festgenommene frei

Nach Anschlag in London: Polizei lässt Festgenommene frei

"Schwung und Kraft": Vettel jagt Hamilton in Australien

"Schwung und Kraft": Vettel jagt Hamilton in Australien

Neue Bewegung in Aufarbeitung der Germanwings-Katastrophe

Neue Bewegung in Aufarbeitung der Germanwings-Katastrophe

Meistgelesene Artikel

Hochkarätige Akteure prügeln sich im Dreyer Sportcenter Dassbeck

Hochkarätige Akteure prügeln sich im Dreyer Sportcenter Dassbeck

Sarina Kynast wird Spargelkönigin der Samtgemeinde Kirchdorf

Sarina Kynast wird Spargelkönigin der Samtgemeinde Kirchdorf

Palliativstützpunkt: Vorstand schließt Kassenprüfer aus

Palliativstützpunkt: Vorstand schließt Kassenprüfer aus

Große Resonanz auf den Infotag der Kreismusikschule

Große Resonanz auf den Infotag der Kreismusikschule

Kommentare