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Unverhoffte Impf-Berechtigung: Was es mit Einladungen für junge Gesunde auf sich hat

Begehrte Termine: Der Brief von Gesundheitsministerin Behrens gilt wie ein Attest.
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Begehrte Termine: Der Brief von Gesundheitsministerin Behrens gilt wie ein Attest.

Wenn sich 17-Jährige gesund fühlen, aber aufgrund einer angeblichen Vorerkrankung Post vom Gesundheitsministerium bekommen mit der Einladung, sich impfen zu lassen, stellen sich nicht nur die Betroffenen Fragen. Sind allein fehlerhafter Patientendaten der Grund?

Landkreis Diepholz – Seit Mitte April haben hunderttausende Niedersachsen Post durch ihre Krankenkasse bekommen. Inhalt ist ein Schreiben der Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD): „Als Niedersächsische Gesundheitsministerin liegen mir Ihre Gesundheit und Ihr Schutz besonders am Herzen. Daher freue ich mich, dass nun auch Personen mit bestimmten Vorerkrankungen einen Impftermin erhalten können.“

Mit dem Schreiben können sich die Empfänger wie mit einem Attest für einen Impf-Termin anmelden. Gerichtet war der Brief an Menschen, die aufgrund einer Erkrankung oder Behinderung mit hoher Priorität gegen Corona geschützt werden sollen. Also an Personen aus der zweiten von vier Prioritätsgruppen, die die Reihenfolge regeln, solange nicht ausreichend Impfstoff für alle vorhanden ist.

Aber einige der so Angeschriebenen haben sich durchaus gewundert: Warum soll ausgerechnet ich für einen Platz vorne in der Warteschlange berechtigt sein. Da war zum Beispiel ein 17-Jähriger aus Bruchhausen-Vilsen, dessen Mutter der Kreiszeitung berichtete: „Wir waren sehr überrascht“.

Oder ein 48-Jähriger aus Syke. Er erklärt sich das Einladungsschreiben damit, dass er seit Jahren unter einer Allergie leide, „die auf die Bronchien“ gehe. Er geht davon aus, damit unter die Personen mit chronischen Lungenerkrankungen zu fallen, wie sie in der Impf-Verordnung aufgelistet sind.

Die Auswahl haben die Krankenkassen getroffen

Nachdem mehrere solcher Fälle bekannt geworden waren, hagelte es einmal mehr negative Schlagzeilen für die holprig angelaufene niedersächsische Impf-Kampagne. Neue Runde im Impf-Chaos durch Einladungen an junge Gesunde aufgrund fehlerhafter Patientendaten, hieß es. Und von Verunsicherung wurde berichtet: Weiß das Ministerium in Hannover womöglich mehr über den Gesundheitszustand der Angeschriebenen als diese selbst?

„Das Land Niedersachsen hat keine Kenntnis über die jeweilige Erkrankung der Patientinnen und Patienten“, stellt Ministeriumssprecher Manfred Böhling klar. Die Auswahl, wen sie anschreiben, haben vielmehr die gesetzlichen und privaten Krankenkassen getroffen, auf Grundlage der Datenbanken, die sie ohnehin führen.

Wenn, dann scheint der Fehler also in jenen Datenbanken der Krankenkassen zu liegen. Allerdings betont Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen: Die „Feststellung, dass Menschen ohne Vorerkrankung angeschrieben worden sind, ist nicht korrekt. Zumindest sind konkrete Vorerkrankungen bei den Krankenkassen gespeichert.“ Natürlich könne es sein, dass sich zahlreiche Angeschriebene subjektiv nicht krank fühlten.

Krankenkassen erhalten und speichern Diagnosen in einem Schlüssel, dem sogenannten ICD-10-Code

Die Krankenkassen erhalten und speichern Diagnosen in einem Schlüssel, dem sogenannten ICD-10-Code. Diese Codes haben die Kassen mit den Vorerkrankungen abgeglichen, die in der Impf-Verordnung aufgeführt sind. Deshalb lautet eine Vermutung: Zahlendreher oder Schreibfehler in diesen mehrstelligen Codes könnten die Fehlerquelle sein.

Die AOK hat allein 500 000 Versicherte informiert. Deren Niedersachsen-Sprecherin Ulrike Serbent schließt verdrehte Codes jedoch aus: „Wir haben die Richtigkeit der Datenselektion natürlich überprüft, dabei haben sich keine Fehler ergeben.“ Weil es sich beim Datenabgleich um einen automatisierten Prozess handele, seien sogenannte Zahlendreher demnach ausgeschlossen. Auch gehe die AOK grundsätzlich davon aus, „dass die ärztlich codierten Diagnosen richtig sind“.

Serbent verweist darauf, die Prioritätsgruppen 2 und 3 mehr als 2 800 ICD-10-Codes umfassen. Und darunter seien nicht nur schwerste Erkrankungen, sondern „auch Volkskrankheiten, an denen Millionen Menschen leiden“. Daher sei es auch möglich, „dass Versicherte eine Einladung erhalten, die es nicht erwartet hätten.“

Wer ist wann dran, um die erhoffte Spritze zu erhalten?

Ob und in welchem Umfang also tatsächlich Impf-Berechtigungen an Menschen ohne entsprechende Vorerkrankung gegangen sind, lässt sich bei mehr als 500 000 Schreiben schwer beziffern. Festhalten lässt sich allerdings: Bei den Krankenkassen sind Diagnose-Codes gespeichert, die den Krankheiten aus der Impfverordnung entsprechen. „Über die Anzahl der ,fehlerhaften‘ Briefe ist hier nichts bekannt“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium.

Dessen Bitte lautet: Wenn „es in Einzelfällen“ zu Benachrichtigungen von Personen gekommen sei, die keine entsprechenden Vorerkrankungen haben: Mit der Anmeldung zum Impftermin noch ein wenig warten.

Aber wer lässt sich die Chance, frühzeitig an begehrten Impfstoff zu kommen, schon entgehen? Nachfragen von unberechtigt Eingeladenen seien bei der AOK Niedersachsen nicht eingegangen. „Bei uns melden sich gegenwärtig lediglich Versicherte, die sich freuen, ein Attest zu haben und einen Termin ausmachen zu können.“ Auch der Allergiker aus Syke hat sich mit seinem Schreiben einen Platz auf der Warteliste gesichert.

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