„Unerträgliches Bauernbashing“

Landvolk Mittelweser: Selbstbewusst, aber auch frustriert über Unkenntnis

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80 Prozent der Verbraucher seien zufrieden mit regionalen Lebensmitteln. 

Frustriert wedelt Tobias Göckeritz als Vorsitzender des Landvolks Mittelweser mit einem Hundert-Euro-Schein – und hält am Ende magere fünf Euro zwischen den Fingern. Beweisen will er damit, wie wenig den Landwirten am Ende zum Leben bleibt. Und zeigt an einem technischen Tonnen-Experiment des Chemikers Justus von Liebig: „Es geht einfach nicht mehr!“

Neubruchhausen - Konflikte zwischen politischer Weichenstellung, Entscheidungen auf „gefühlter Faktenbasis“, Unkenntnis und „unerträgliches Bauernbashing“, wie Göckeritz frustriert beklagt, prägen für ihn zurzeit die Lage – und damit auch die Verbandsversammlung des Landvolks Mittelweser am Freitag im Neubruchhauser Hotel „Zur Post“. Dialog, so appelliert Göckeritz an Politiker und Entscheidungsträger, „erfordert auch Aufnahmebereitschaft und ein gewisses Maß an Wissen“. Mit markigen Worten skizziert der Landvolk-Vorsitzende, unter welchen Zielkonflikten die Landwirtschaft leidet – und wie schmerzhaft.

Vor rund 150 Verbandsvertretern und Gästen hat Landrat Cord Bockhop zuvor versöhnliche Töne angeschlagen. Denn Landwirtschaft und Landkreis seien in vielen Bereichen Partner und im ständigen Dialog – bei der Tierhaltung genauso wie beim Thema Wasser: „Das verbindet uns.“ Es sei enorm wichtig, frühzeitig miteinander zu sprechen, „bevor neue Regelungen kommen“.

80 Prozent der Verbraucher zufrieden mit regionalen Lebensmitteln

Landvolk-Vorsitzender Christoph Klomburg hat die Polarisierung in der Gesellschaft im Blick: Menschen, die sich einerseits für den Klimaschutz einsetzen – andererseits jedoch boome der Luxus, Kreuzfahrten zum Beispiel.

80 Prozent der Verbraucher seien zufrieden mit den Lebensmitteln aus der Region, stellt der Landvolk-Vorsitzende fest – und wehrt sich dagegen, Landwirten „pauschal etwas zu verbieten, um dann die Produktion ins Ausland zu verdrängen“. Dann nämlich, so seine Botschaft, wäre eine Kontrolle nicht mehr möglich. Die Politik würde gut daran tun, so betont er mit Nachdruck, „nicht jede Studie ungefragt zu übernehmen“.

Landvolk-Vorsitzender Tobias Göckeritz.

Das politische Ziel, die Düngung um 20 Prozent des Pflanzenbedarfs zu reduzieren, empfindet Klomburg als schmerzhaft und widersinnig: „Die Pflanzen werden sich holen, was sie brauchen. Damit betreibt man Raubbau am Boden.“ Dass bei den Insekten die Artenvielfalt geschrumpft ist, bestreitet er nicht. Aber in den wenigsten Bereichen habe die Landwirtschaft ihre Flächen ausgedehnt, sondern vielmehr der Bau von Häusern und Straßen sowie die Versiegelung von Flächen zugenommen.

Landwirtin betreibt Blog „schillipaeppa“

Schon Kindern im Alter von vier bis sieben Jahren zeigen, wie moderne Landwirtschaft funktioniert: Das, so Geschäftsführer Olaf Miermeister, kann das Landvolk Mittelweser mit einem eigenen Kinderbuch erklären. Mehr als hundert Exemplare liegen zur Verteilung bereit. Miermeister fordert die Ortsvertrauensleute auf, mit einem solchen Buch die Kindergärten ihrer Region zu besuchen. Den Geschäftsbericht Miermeisters mit den Eckpunkten der wirtschaftlichen Lage des Landvolks, das mehr als 5 000 Mitglieder in den Landkreisen Diepholz und Nienburg in seinen Reihen hat, nehmen die Delegierten zur Kenntnis, bevor sie sich mit „schillipaeppa“ beschäftigen. 

Unter diesem Namen betreibt Susanne Günther einen „Blog in der Brandung“, wie die Landwirtin ihren Internet-Auftritt (https://schillipaeppa.net) selbst beschreibt. Als studierte Philosophin, gelernte Redakteurin und Landwirtin der Liebe wegen stellt sich die dreifache Mutter in Neubruchhausen vor – und beschreibt ihren Dialog mit den Verbrauchern sowie ihre Arbeit in den sozialen Medien. Zum Nachdenken will sie die Bürger bewegen. Vor allem über scheinbar Selbstverständliches: „Dass Deutschland ein erfolgreiches Industrieland sein kann, liegt daran, dass nicht mehr so viele Menschen auf dem Feld arbeiten müssen.“ Weil die moderne Landwirtschaft ihre Produktion enorm gesteigert habe: 2017 ernährte ein Landwirt 135 Menschen, 1949 waren es nur zehn gewesen.

Susanne Günther: Umfragen sind nur bedingt zu trauen

Im Kontext der Glyphosat-Diskussion hinterfragt Susanne Günther die „Chemophobie“ von Verbrauchern. Sie rät ihren Berufskollegen, die Betriebe zu öffnen, und zeigt Lehrer sowie Schüler und Journalisten in Schutzanzügen im Putenmaststall in Waldeck-Dehringhausen. Mit Schaubildern erklärt sie, warum Umfragen nur bedingt zu trauen ist – weil Befragte antworten, ohne Wissen zum Thema zu haben. „Trotzdem wird damit Politik gemacht“, beklagt die Landwirtin.

Sie schützt schwarze Schafe in ihrer Branche nicht – und rät dazu, mit Tierschutzfällen offensiv umzugehen: „Redet darüber!“ Allein Tierschützern will sie nicht das Feld überlassen, sondern schlägt vor, einen Ombudsmann für solche Sachlagen einzusetzen.

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