Kinder und Jugendliche schaffen eigene Stadt in Bassumer Minecraft-Projekt

Und im Rathaus eine Achterbahn

Eine digitale Statue zu bauen, dauert für einen erfahrenen Minecraft-Spieler 30-45 Minuten. Eine ganze Stadt inklusive Baumhaus zu errichten, kostet hingegen deutlich mehr Arbeitskraft. Die Kinder der Spielegruppe des Mütter-Kinder-Zentrums Bassum sind stolz auf ihre Leistung. 
Foto: Fruxz
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Eine digitale Statue zu bauen, dauert für einen erfahrenen Minecraft-Spieler 30-45 Minuten. Eine ganze Stadt inklusive Baumhaus zu errichten, kostet hingegen deutlich mehr Arbeitskraft. Die Kinder der Spielegruppe des Mütter-Kinder-Zentrums Bassum sind stolz auf ihre Leistung. Foto: Fruxz
  • Luka Spahr
    vonLuka Spahr
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Bassum – Die Stadtführung beginnt an einem sonnigen Tag im Schatten einer riesigen Statue. Ich werde von sieben Stadtführern begrüßt, die mir ihre Nachbarschaft zeigen wollen. Vielleicht liegt es an dem Stadtführer-Besucher-Verhältnis, dass es gleich zu Beginn sehr chaotisch ist. „Schubs mich doch nicht immer!“, ruft eine Gästeführerin, während ein anderer schon vorprescht und die Umgebung erklärt. Meine Stadtführer an diesem Tag heißen blackmini09, Fruxz, xXLollipopXx, Stobo, xxWinkyxx, huose76 und marchenfee – und nichts von ihrer namenlosen Stadt ist real.

Die große Statue mit dem Namen Steve, die Gebäude, die Wege: All das ist seit Anfang April auf einer einst grünen Wiese entstanden. Im Computer- und Handy-Spiel Minecraft geht es darum, eine eigene Welt aus Pixeln zu erschaffen. Der Kreativität beim Bauen sind in dem Spiel mit der Retro-Grafik keine Grenzen gesetzt. xXLollipopXx, Fruxz und Co. heißen in Wirklichkeit Fabian, Eleonora oder Cedric und kommen aus Bassum, Leeste oder anderen Teilen des Landkreises. Sie nehmen an einem Minecraft-Kurs des Mütter-Kinder-Zentrums Bassum teil, der durch die Corona-Pandemie ein wenig anders gelaufen ist, als geplant.

Eigentlich wollte die Medienpädagogin Brigitta Wortmann den Kindern und Jugendlichen im Kurs die Technikwelt rund um Minecraft näherbringen. Doch jetzt ist aus dem einwöchigen Kurs eine Online-Spielgemeinschaft geworden. Zweimal die Woche treffen sich die rund zehn Kinder zwischen 10 und 14 Jahren in ihrer namenlosen Stadt und reden per Videochat über virtuelle Gebäude, Frust wegen dem eingeschränkten Schulunterricht oder einfach über Gott und die Welt. „Es entsteht sehr viel Vertrautheit“, so Wortmann, die nach eigenen Worten eigentlich nur da ist, falls es mal zu einem der seltenen Konflikte kommt.

Auf der virtuellen Gästeführung, die laut den jungen Stadtplanern eigentlich drei bis vier Stunden dauert, geht es vorbei an riesigen Baumhäusern, einem rot-weißen Leuchtturm, schicken Häusern bis hin zu einem Rathaus. Es war eines der ersten Gebäude, das die Kinder entworfen haben – und es besitzt eine Achterbahn. „Jedes Rathaus sollte eine Achterbahn bekommen“, ist sich die Gruppe sicher und liefert damit eine interessante Anregung für den geplanten Rathaus-Neubau in der real existierenden Stadt Bassum.

Für die Führung durch eine schicke Villa nimmt marchenfee, alias Brigitta Wortmann, auf einmal eine Abkürzung durch das Fenster. Prompt höre ich die Reaktion durch meine Kopfhörer: „Brigitta, man nimmt die Tür!“

Neben den Live-Bildern aus dem Spiel sehe ich auf meinem Laptop-Bildschirm drei Gesichter. Das Videokonferenz-Tool Zoom ergänzt den rudimentären Chat im Spiel. Ein weiterer Vorteil: Katarina Wetzel vom Mütter-Kinder-Zentrum muss nicht mitspielen und kann einfach mal so in der Runde vorbeischauen. So wie an diesem Tag.

„Wir wollten schon länger einen digitalen Weg finden“, sagt Wetzel über die Kurse und Projekte des Vereins. Das sei jetzt sehr gut gelungen. Die Minecraft-Spielegruppe sei das erste Online-Projekt des Zentrums. Es wird finanziert durch die Stiftung Digitale Spielekultur. Als Wetzel weiter ausholen will, ruft auf einmal Spieler blackmini09 dazwischen: „Ich muss gerade in die Tasten schlagen, damit dass Baumhaus schnell fertig wird.“ Wortmann ermahnt, die anderen ausreden zu lassen. Aber es ist ein Kampf gegen Windmühlen. „Das ist schlimmer, als einen Sack Flöhe zu hüten“, sagt sie und ich sehe sie in dem kleinen Video-Fenster lachen.

Dann geht es weiter durch die Minecraft-Stadt. Die Gruppe zeigt mir ein detailgetreues Fernsehstudio mit VIP-Eingang. Unterwegs sehe ich einen Hasen, der vor mir auf den Weg kleine braune Pixel verliert. Wortmann erzählt währenddessen, dass es in der Stadt keine Schule gibt, dafür aber drei Achterbahnen. Es gibt einen Gerichtssaal, aber keine Polizei. Und eines der ersten Gebäude, dass die jungen Architekten entworfen haben, war ein Gefängnis. Warum? „Mir war langweilig und ich habe einfach geguckt, was noch gebaut werden muss“, so Stadtführer huose76.

„Wir waren schon am Anfang sehr auf Gerechtigkeit bedacht“, ergänzt Wortmann und beginnt dann von den Vorteilen der Spielgruppe zu schwärmen. „Man kann deutlich merken, wie stolz alle auf ihre Leistung sind.“ Die Kinder könnten sich komplett kreativ entfalten. Es gibt keine Grenzen; und das Wichtigste: „Hier kann jeder aussehen, wie er will.“ Die Kinder können bei Zoom das Video anschalten, sie können es aber auch ausgeschaltet lassen. Wortmann erzählt, sie wisse von manchen Kindern in der Gruppe gar nicht, wie sie überhaupt in echt aussehen – aber ihre Minecraft-Charaktere würde sie sofort auf der Straße erkennen.

Bedenken will Wortmann dabei gleich zerstreuen: „Nur weil das Ding virtuell ist, ist es nicht unreal.“ Sie schätze das Miteinander und die Gemeinschaft, und sofort stimmen ihr die anderen Spieler im Videochat zu. „Das gemeinsame Ziel ist das gemeinsame Spielen“, so die Medienpädagogin.

Zum Abschied gibt es noch ein Gruppenfoto, und ich werde noch mitgenommen auf eine Fahrt in der Achterbahn. Ich will Brigitta Wortmann noch eine Frage stellen, aber sie versteht mich nicht. Die Achterbahn rattert zu laut.

Von Luka Spahr

Say cheeeeese! Gruppenfotos sind in Minecraft kein Problem. Auch wenn die Aufstellung für den perfekten Schnappschuss ganz schön wuselig sein kann. Foto: Brigitta Wortmann

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