„Und am Ende siegt immer das Gute“

Brigitta Wortmann ist seit 20 Jahren Märchenerzählerin

Brigitta Wortmann liebt es, Groß und Klein mit ihren Märchen zu verzaubern. - Foto: Kreykenbohm

Bassum - Von Julia Kreykenbohm. Gebannt hocken die Kinder des Kindergartens Rentei auf dem Fußboden. Vor ihnen sitzt eine Dame im mittelalterlichen Kleid an einer großen Harfe und lässt die Finger über die Saiten tanzen. Auf den zarten Klängen trägt sie die Kleinen von Bassum nach Russland, das Land, aus dem das Märchen stammt, das sie ihnen nun vorträgt. Dabei nutzt sie nicht nur ihre Stimme, die sie mal laut, mal leise, mal dunkel, mal schrill werden lässt.

Sie ahmt mit den Armen Flügel nach, deutet auf den Boden, wenn sie davon erzählt, wie aus diesem eine Eiche sprießt. Sie stampft mit den Füßen, wenn sich die Riesen nähern, schlüpft in die Rollen des Bauern oder des Bojaren und lässt sie lebendig werden – sehr zur Freude der Kinder, die an den Lippen der Märchenerzählerin hängen.

Seit 20 Jahren geht Brigitta Wortmann ihrer Passion nach, Menschen mit Geschichten zu verzaubern. Und sie hat ihre Entscheidung bis heute nicht bereut. „Ich habe immer gern Märchen gehört und gelesen und wollte beruflich etwas Neues machen. Als ich dann hörte, dass Märchenerzählerin auch ein Beruf ist, wusste ich: Das ist es!“ Für ihr Jubiläumsjahr hat sie ein besonderes Programm zusammengestellt, das im September beginnt und bis Oktober 2019 dauert (siehe Infokasten). „Darin sind Leute involviert, die mich inspiriert und begleitet haben“, sagt die 47-Jährige.

Ein Jahr dauerte ihre Ausbildung. „Man bekommt Stimmtraining, lernt, wie man erzählt und erfährt viel über Märchen, ihre Deutung und was sie auslösen können“, erzählt Wortmann. Das sei nicht unwichtig, denn sie hat schon Erwachsene mit Märchen zu Tränen gerührt, wie dem „Gemahl der Nacht“. „Eine Geschichte aus dem Orient, in der eine Frau nach vielen Verwicklungen die wahre Liebe erkennt.“

Von Traurigkeit ist bei den Kindergartenkindern nichts zu spüren. Sie lachen laut, als die Eiche in der Geschichte durch das Dach des Hauses wächst. Wortmann liebt das an ihrer Arbeit: „Die Menschen freuen sich, wenn ich komme. Ich bringe Freude, hinterlasse sie und nehme auch welche für mich mit.“ Sie schätzt an den Kindern, dass die ihre Gefühle nicht verbergen. Bei Erwachsenen genießt sie es, komplexere Geschichten zu erzählen und wunderbare Bilder entstehen zu lassen: „Märchen sind wie abstrakte Gemälde. Alle schauen es an, aber jeder sieht etwas anderes.“

In der Nacht vor ihrem ersten Auftritt im Mütterkinderzentrum Bassum habe sie kaum geschlafen, sich tausend Dinge ausgemalt, die schief gehen könnten: „Text vergessen, Stimme bleibt weg.“ Wortmann lacht. Letztendlich ist all das passiert – aber nicht bei diesem Auftritt, sondern im Laufe der Jahre. Wortmann hat gelernt, damit umzugehen. Doch nervös ist sie noch immer. Ihr Beruf habe ihr viele schöne Erlebnisse beschert, doch am deutlichsten ist ihr der Besuch in einem Altenheim in Erinnerung geblieben, wo sie vor an Demenz erkrankten Menschen auftrat. „Da war eine Frau, die anfangs sehr unruhig war und dann eine Stunde lang ganz entspannt da saß und lauschte. Ich habe ihr eine Stunde Ruhe und Frieden geschenkt.“ 70 Prozent ihrer Auftritte hat Wortmann vor Erwachsenen.

Die 47-Jährige zieht ein merkwürdiges Instrument hervor und lässt ein bedrohlich wirkendes Geräusch erklingen. „Wonach klingt das?“, fragt sie die Kinder. „Dinosaurier?“ „Geist?“ Es ist eine Donnertrommel, mit der Wortmann das indianische Märchen von Blitz und Donner erzählt. 120 Geschichten hat sie im Repertoire. Etwa eine Woche dauert es, bis sie ein neues Märchen gelernt hat. „Aber erst ab einem Jahr ist es ausgereift, dann sind Worte und Gefühle am Platz.“ Im kommenden Jahr im Mai will sie sich an etwas Neues wagen und selbstgeschriebene Märchen vortragen, gemeinsam mit dem Bassumer Musiker Michael Messner.

Das Wichtigste, was alle Märchen gemein haben, sei, dass am Ende das Böse weg ist. „Das beinhaltet den Wunsch nach einer heilen Welt, der uns befriedigt und bei der Stange hält. Wenn man nur dabei bleibt, siegt das Gute“, sagt Wortmann. Darum ist sie auch überzeugt, dass das Bedürfnis nach Märchen nie erlischt. Ihr kommt das entgegen, weil sie auch in den nächsten 20 Jahren noch als Märchenerzählerin umherreisen will. „Dann komme ich mit grauen Haaren und Schaukelstuhl“, sagt Wortmann und lacht.

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