Polizeidienststellenleiter Friedrich Ludwig geht zum Jahresende in den Ruhestand

Der Umgangston wird rauer

Als Dienststellenleiter hat Friedrich Ludwig vor allem sehr viel Papierkram zu erledigen. Am liebsten aber ist er draußen bei den Bürgern. Foto: Frauke Albrecht

Bassum - Von Frauke Albrecht. In 45 Dienstjahren musste Friedrich Ludwig, Leiter der Polizeidienststelle Bassum, nicht einmal die Waffe auf einen Menschen richten. „Da hatte ich wirklich Glück“, sagt der 62-Jährige. Er musste zwar mehrere Tiere von ihrem Leid erlösen, aber noch keinen Schuss auf einen Menschen abgeben. Dennoch gab es brenzlige Situationen, Streitereien und körperliche Auseinandersetzungen, berichtet der Hauptkommissar. Die habe er allerdings immer mit Worten und einem selbstbewussten Auftreten lösen können. Er hofft, dass dies bis zu seinem letzten Arbeitstag in vier Wochen so bleibt. Zum Jahresende geht Friedrich Ludwig in den Ruhestand.

Was er dann macht, weiß er schon genau – drei ehrenamtliche Betätigungsfelder hat er sich ausgesucht, zusätzlich zu den Bassumer Schwerathleten. Er möchte bei der Bassumer Tafel helfen, den Altersdurchschnitt der Ü-60-Gruppe des Kultur- und Heimatvereins senken und zusammen mit Ursel Born von der Seniorenberatungsstelle älteren Menschen helfen, sich vor Kriminellen zu schützen.

„Ich bin auch gefragt worden, ob ich Bürgerbus fahren möchte“, so Ludwig. Aber das kommt für ihn derzeit nicht in Betracht. „Ich bin so viel in meinem Leben gefahren – da genieße ich es, nicht hinter dem Steuer zu sitzen.“

Dass er derzeit täglich mit dem Rad zur Arbeit fahren kann, bedeutet für ihn „ein Stück Lebensqualität“. Ludwig lebt gerne in Bassum. Dabei wollte er anfänglich gar nicht in die Region ziehen. Er kommt aus der Region Wolfenbüttel. In Braunschweig machte er seine Polizeiausbildung und arbeitete eineinhalb Jahre in der dortigen Dienststelle, bis die Order kam, die Landdienststellen zu unterstützen. „Es herrschte Personalmangel.“ Ludwig entschied sich für den Bereich Bezirksregierung Hannover. „Ich dachte an Wunstorf und ähnliches.“ Als er dann „PA Grafschaft Hoya“ hörte, musste er auf der Karte erst einmal schauen, wo das genau liegt.

Ludwig kam nach Syke an die Bahnhofstraße. „Wir hatten einen VW-Käfer als Einsatzfahrzeug“, erinnert er sich. „Wenn man mit dem über die Bahnschienen fuhr, wurde man richtig durchgeschüttelt.“ Computer gab es noch keine, Handys auch nicht.

Das Einsatzgebiet der PA Grafschaft Hoya war groß. „Wir mussten zum Teil bis nach Harpstedt fahren, aber auch Sulingen und Bruchhausen-Vilsen gehörten dazu. In einer Nacht kamen da schon mal 200 bis 300 Kilometer zusammen.“

An seinen ersten Nachtdienst in Syke kann sich Ludwig gut erinnern – ein älterer Herr war in Winkelsett in einen Graben gefahren. Er stand unter Alkoholeinfluss. Ludwig schmunzelnd: „Er war natürlich nicht gefahren, sondern der große Unbekannte.“ Was hat er nicht schon alles an Ausreden zu hören bekommen.

Das habe sich im Laufe der Jahre nicht verändert – allerdings der Umgang miteinander. „Am Anfang war es sehr harmonisch mit den Bürgern.“ Mittlerweile stellt der Polizist einen Werteverfall fest. „Das fängt beim fehlenden ,Guten Morgen' an und hört beim Angriff gegen Polizeibeamte und andere Helfer auf. „Es kommt immer häufiger vor, dass Menschen gegen Polizisten vorgehen“, bedauert Ludwig.

Zum Glück sei das auf dem Land noch nicht ganz so schlimm wie in der Großstadt. Doch auch hier vor Ort lasse der Respekt gegenüber Polizeibeamten nach. Ludwig hat sich ein dickes Fell zugelegt und ist erfahren genug, zu wissen, wann es sich lohnt, gegen jemanden vorzugehen und wann nicht. „Jemand spuckt auf den Gehweg just in dem Moment, in dem wir vorbeifahren. Er hat uns gesehen. Ich muss aber erst mal nachweisen, dass wir gemeint waren“, nennt er ein Beispiel aus dem Alltag.

Auch wenn der Umgangston rauer geworden ist, Ludwig ist nach wie vor gerne „draußen“, wie er es nennt – auch als Dienststellenleiter lässt er sich das nicht nehmen. „Die Arbeit am Bürger, das ist es, was mir immer Spaß gemacht hat.“ Es sei ein sehr abwechslungsreicher Beruf. „Man weiß morgens nie, was einen erwartet.“ Unfall, Einbruch, Betrug, Hilfestellung...

Es gebe auch schwere Stunden. „Unfälle sind sehr unsäglich“, sagt Ludwig. Er habe in seiner Laufbahn sehr viele schreckliche Unfalleinsätze mit Todesfolgen erleben müssen. Eingeklemmte Menschen in Fahrzeugen, Tote an der Bahnlinie. „Am schlimmsten ist es, wenn Kinder beteiligt sind.“

Das persönliche Überbringen der Todesnachricht gehört für den Bassumer zum Beruf dazu. Er habe es als 19-Jähriger erlebt, dass seine Frau am Telefon von dem Tod ihres Vaters erfuhr. „Ich habe mir geschworen, dass mir das nicht passieren wird.“

Auch wenn es schwer sei, „der persönliche Besuch ist wichtig! Dafür nehmen wir uns Zeit.“ Beamte blieben immer solange, bis jemand aus der Familie oder dem nahen Umfeld hinzukomme.

Auch wenn er sich an viele schreckliche Bilder noch gut erinnern kann, so verfolgen ihn diese nicht bis in seine Träume. Einen Seelsorger habe er bisher nicht benötigt. „Ich spreche in solchen Fällen viel mit Kollegen. So können wir unsere Gefühle loswerden.“

Überhaupt sei es ein sehr gutes Miteinander auf der Wache. „Wir sind eine tolle Truppe gewesen in all den Jahren.“ Einige seiner alten Weggefährten sind bereits in Rente. Derzeit sind die Bassumer zu sechst auf der Wache. Fünf Männer und eine Frau.

Wer sein Nachfolger wird, steht fest. Ludwig möchte aber der offiziellen Bekanntgabe nicht vorgreifen.

Da der Beruf für ihn so etwas wie eine Berufung ist, möchte er auch im Ruhestand seinen Beitrag leisten. Was liegt da näher, als Menschen zu beraten, wie sie sich schützen können.

Ludwig weiß: „Auch wenn sich in den Jahren die Einsatzmittel verändert haben, eines ist gleich geblieben: Wir laufen immer noch den Verbrechern hinterher.“ Die Behörde bemühe sich mit allen Mitteln, dem entgegenzuwirken, aber es gebe immer Schlupflöcher. Seine Erfahrung: „Wir haben gute Gesetze, aber sie werden nicht konsequent genug angewendet.“

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