„Das ist unmoralisch!“

Stöver kritisiert Privatisierung der Kliniken

Twistringen - Von Detlef Voges. „Wie krank ist unser Gesundheitssystem?“ Schwer grippal, könnte man nach dem jüngsten Feierabendgespräch am Freitag im Hotel „Zur Börse“ in Twistringen sagen. Eingeladen hatte der Kreisverband der Linken. Die Moderation übernahm Pia Zimmermann, pflegepolitische Sprecherin der Linken im Bundestag. Podiumsgäste waren Dr. Christoph Lanzendörfer, Internist aus Bassum und Ärztesprecher, Veronika Bujny, Vorsitzende des Hebammenverbands Niedersachsen, und Ludwig Stöver, Vorstandssprecher im Landkreis Diepholz der Gewerkschaft Verdi.

Einig war sich das Quartett, dass Gesundheit immer mehr zur Ware wird und ein Ungleichgewicht in der ärztlichen Versorgung entsteht. Während auf dem Land Praxen schlössen, gebe es in Großstädten wie Hamburg eine Überversorgung. „Das ist doch Mumpitz“, monierte Lanzendörfer und sprach sich für eine andere Regelung bei der Bezahlung aus, um Ärzte in die Provinz zu holen.

Zimmermann votierte für den Erhalt von kleinen Krankenhäusern und der Einrichtung von kleineren medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Auch Lanzendörfer machte sich für kleine MVZ mit rund sieben Ärzten unter einem Dach stark.

Deutliche Kritik übte die Runde an der Privatisierung der Kliniken im Landkreis Diepholz und dem Personalabbau. Die Alexianer als Betreiber machten mit dem Geld der Beitragszahler Gewinn. „Das ist unmoralisch“, wetterte Stöver und kritisierte die Stellung des Landkreises als „Juniorpartner“. Die Alexianer hätten 52 Prozent an den Häusern und würden den Weg bestimmen. Der Gewerkschafter monierte, dass der Landkreis jährlich 7,7 Millionen Euro als Defizitausgleich beitrage.

Inhaltlich entscheide er nichts, beispielsweise nichts gegen den Personalnotstand. Alleiniger Entscheidungsträger seien die Alexianer. „Der Kreistag sollte sich endlich einmal mit der Trägerschaft der Kliniken beschäftigen“, so Stöver, der von einer viel zu hohen Arbeitsbelastung des Personals sprach.

Sorgen gibt es auch bei den Hebammen im entbindungsstationsfreien Landkreis Diepholz. Hebammen und werdende Mütter müssen zurzeit weit fahren. „Wir brauchen eine wohnortnahe Versorgung“, betonte Bujny. Das könnten statt eines Krankenhauses auch Geburtshäuser sein. Sie machte sich für natürliche Geburten stark und übte Kritik an der deutlichen Zunahme von Kaiserschnitten. Jeder dieser Eingriffe habe Folgen, weil er mit Medikamenten einhergehe. Das sei das falsche Signal für eine beginnende Familie. An Kaiserschnitten könne man aber mehr verdienen.

Viele Hebammen wechseln den Beruf

Die Weltgesundheitsorganisation befürworte nur eine Höchstrate von zehn Prozent an Kaiserschnitten. Deutschland liege bei rund 30 Prozent. „Wir brauchen eine nationale Anstrengung für die natürliche Geburt“, erklärte Bujny, die für einen Studiengang für Hebammen plädierte, damit es eine Forschung gebe und der Nachwuchs gesichert werde. Wegen der Unterversorgung und Überlastung wechselten heute viele Hebammen in einen anderen Beruf.

Was man denn machen müsse, um wieder Geburtshilfeeinrichtungen im Landkreis zu haben, wollte ein Gesprächsteilnehmer wissen. Die Hebamme verwies auf Soltau. Dort habe die Kommune mitgeholfen, ein Geburtshaus einzurichten. „Die Eltern müssen hier vor die Rathäuser gehen und über Parteien Bündnisse aufbauen“, schlug Bujny vor. Lanzendörfer und Stöver regten politische Initiativen für Stipendien im Bereich Frauen- und Geburtshilfe an.

„Wir müssen jetzt handeln, sonst wird die Versorgung immer schlechter. Seit 1991 sind in Deutschland 40 Prozent der Geburtskliniken geschlossen worden“, betonte die Hebamme. Eine junge Frau aus dem Publikum schlug vor, den Beruf Hebamme mehr zu bewerben, damit er nicht in Vergessenheit gerate.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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