Gemeinde-Klima-Bilanz

Tut Bassum genug fürs Klima? Energiegenossenschaft sieht Nachholbedarf

Bürgermeister Christian Porsch.
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Einen Beitrag zu einer besseren Klima-Bilanz soll die Luft-Wärme-Pumpe leisten, die den Kindergarten Kinderreich mit Wärme versorgen soll, wie Bassums Bürgermeister Christian Porsch erklärt.

Dieser Frage widmen sich Bassums Bürgermeister Christian Porsch und Stephan Seltmann von der Energiegenossenschaft Bassum-Twistringen. Sie vertreten unterschiedliche Standpunkte. Während Porsch die Stadt auf einem guten Weg sieht, klagt Seltmann scharf an und sieht „nur Rückschritte“ im Kampf um ein klimaneutrales Bassum.

Bassum – Voller Vorfreude steht Christian Porsch auf der Baustelle, auf der schon bald Kinder spielen werden. Noch befindet sich der Kindergarten Kinderreich in Bassum im Bau. Im kommenden Sommer soll er dann von drei Betreuungsgruppen in Beschlag genommen werden. Eine Investition in eine positive Zukunft Bassums – doch auch aus der Sicht des Klimas?

Tut Bassum genug, um klimaneutral zu werden?

Porsch wird philosophisch und antwortet mit einer Gegenfrage: „Kann man denn genug tun?“ Dass die Stadt Bassum jedoch nicht untätig bleibt, daran will er keinen Zweifel lassen. Ein gutes Beispiel sei der Ort, an dem das Pressegespräch stattfindet: der Kindergarten-Neubau.

„Ein KfW-55-Gebäude“, erklärt Porsch. Das sei ein von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ausgelobter Gebäudestandard, der besagt, dass das Gebäude nur 55 Prozent der Primärenergie eines Referenzgebäudes verwenden darf. Ein höherer Standard sei zwar möglich gewesen, hätte aber aufgrund der Nutzung wenig Sinn ergeben. „Hier stehen häufig Fenster und Türen offen“, sagt Porsch, „eine KfW-Stufe 40 rechnet sich daher eher bei Eigenheimen.“

Einen wichtigen Anteil an einer möglichst guten Klimabilanz soll die Luft/Wasser-Wärmepumpe liefern. Die entzieht die Wärme, die sie den Kindern spendet, aus der Umgebungsluft – auch im Winter. „Nur bei Bedarf wird dann mit Gas nachgeheizt“, erklärt Christian Porsch.

Weiterhin sei das Gebäude mit Dreifachverglasung gut isoliert, und auf dem Dach würde man Bedingungen schaffen, um eine Fotovoltaikanlage installieren zu können. „Wir wissen nur noch nicht, ob wir die dann selber installieren“, blickt Porsch voraus, „oder es der Energiegenossenschaft anbieten.“

Ein gutes Stichwort, denn von der Energiegenossenschaft Bassum-Twistringen kommt Stefan Seltmann. Und der sieht noch viel Nachholbedarf: „Die Stadt Bassum hat um die 60 Gebäude zu betreuen“, sagt er, „aber von denen sind seit 2008 nur vier mit Fotovoltaik ausgerüstet worden.“

Energiegenossenschaft ist nicht zufrieden

Eines davon ist die Mehrzweckhalle Nordwohlde, die im Jahre 2017 eingeweiht und 2019 mit Fotovoltaik ausgerüstet wurde. 30 Kilowatt liefert die Anlage seitdem, „aber 100 hätten draufgepasst. Schade um die Fläche“, zeigt sich Seltmann enttäuscht über eine verpasste Chance. Der Bürgermeister rechtfertigt sich: „Der Grund ist banal: Das Kabel, das den Strom transportiert, ist nicht dick genug. Das Kabel zu erneuern, hätte sich nicht gerechnet.“ Ob auf weiteren Gebäuden Fotovoltaikanlagen Sinn ergeben würden, prüft derzeit ein von der Stadt Bassum engagierter Energiemanager.

Auf die Frage, ob Bassum in den letzten Jahren gute Schritte in Richtung Klimaneutralität unternommen habe, bricht Stefan Seltmann in Gelächter aus. „Nur Rückschritte“, sagt er. Als Beispiele nennt er die kostenfreien Auto-Parkplätze am Bahnhof, wo hingegen für das Abstellen der Fahrräder eine Gebühr entrichtet werden muss. Zudem seien an der Oberschule (OBS) Bassum Stellplätze für Fahrräder in Parkplätze für die Lehrer umgewandelt worden. „Gerade als Lehrer hat man doch mit gutem Beispiel voranzugehen!“ Die Bemühungen der Energiegenossenschaft, auf dem Dach der OBS eine Fotovoltaikanlage zu installieren, bremste laut Seltmann der Landkreis aus.

Nur Rückschritte.

Stephan Seltmann dazu, ob Bassum genug fürs Klima tut

Und den sieht auch Porsch in dieser Immobilie in der Verantwortung: „Die Oberschule unterliegt nicht der Stadt, das ist Landkreis-Sache.“ Die Fahrrad-Unterstände am Hauptbahnhof würden laufende Kosten verursachen, die durch eine Gebühr gedeckt werden müssten. „Das sind fünf Euro im Monat, dafür steht das Rad sicher“, sagt der Bürgermeister, der zudem darauf verweist, dass man sein Rad auch kostenlos, dann aber nicht geschützt abstellen könne.

Ein weiterer Dorn in Stefan Seltmanns Auge ist das neue Feuerwehrhaus in Bramstedt. „Da ist eine fossile Heizung eingebaut worden. Bei privaten Neubauten schreibt die Stadt den Bürgern vor, keine fossilen Heizungen mehr einzubauen, selber hält sie sich aber nicht an ihre Vorgaben.“ Auch hier beschwichtigt Christian Porsch: „Ein Feuerwehrgerätehaus ist nicht dauerhaft bewohnt und muss auch nicht entsprechend durchgehend beheizt werden. Da rechnet sich beispielsweise eine Erdwärmeheizung einfach nicht.“

Porsch verweist darauf, dass Bassum, nach Schwaförden, die Kommune mit den zweitmeisten Windrädern sei. „Wir produzieren 310 Prozent mehr regenerativen Strom, als wir überhaupt verbrauchen.“ Weiteren Bedarf für noch mehr Windkraftanlagen sehe er nicht, zumal diese Probleme für Anwohner mit sich brächten, etwa Lärmbelästigung. Dennoch bleibt Seltmann hartnäckig: „Wir brauchen mehr Wind- und mehr Solarenergie!“

Bassum setzt auf Windenergie

Kritik übt Seltmann auch an den Konzessionsverträgen. Die regeln, dass private Anbieter – in Bassums Fall die Avacon – die städtische Infrastruktur nutzen dürfen, um Leitungen für eigene Netze zu verlegen. Diese Verträge sind zwar langfristig abgeschlossen worden, beinhalten aber Sonderkündigungsrechte zu bestimmten Zeitpunkten.

So ein Zeitpunkt steht vor der Tür. Aus diesem Grund erinnerte die Energiegenossenschaft bei der Ratssitzung am 8. September (wir berichteten) daran, dass sie noch immer an der Übernahme der Verträge interessiert sei und an den Verhandlungstisch zurückkehren möchte. Die Grünen beantragten, dass sich der Rat dem Thema annehmen solle. „Wir werden uns daher mit dem Thema beschäftigen“, sagt Porsch. Er selber sehe im Moment jedoch keine Notwendigkeit einer städtischen Übernahme der Netze: „Das ergibt nur Sinn, wenn man es mit mehreren Kommunen zusammen machen würde.“

Dass Klimaschutz auch im kleinen Maßstab wichtig sei, betont Christian Porsch: „Wir wirken auf Bauherren ein, ihre Gärten vernünftig anzulegen, verteilen Samentütchen für Blühwiesen, tragen das Thema Umwelt- und Klimaschutz in die Schulen und Kindergärten und haben uns im Rahmen von Blühstreifenprogrammen mit Landwirten zusammengetan.“ Zudem sei die Stadt derzeit dabei, die Straßenlaternen auf LED-Technik umzustellen, was zwischen 30 und 50 Prozent Ersparnis bringen könnte, und im nächsten Jahr soll ein Klimaschutzbeauftragter eingestellt werden.

Letzterer war auch ein Punkt, den Stefan Seltmann gefordert hatte; ein Beleg dafür, dass Bassum durchaus daran interessiert ist, die eigene Ökobilanz zu verbessern, wenn nicht gar klimaneutral zu werden. Dazu will Seltmann weiter seinen Teil beitragen. Die gute Nachricht: Hopfen und Malz sieht er nicht verloren. „Wenn ich nicht an einen guten Ausgang glauben würde“, sagt er, „würde ich mich nicht engagieren!“

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