Pastor Gerd Florian Beckert in Nordwohlde verabschiedet

Tränen, Applaus und gute Wünsche zum Abschied

Viele gute Wünsche gaben Gemeindemitglieder Gerd Florian Beckert mit auf den Weg. - Foto: Schiermeyer

Nordwohlde - Von Ute Schiermeyer. In einem sehr bewegenden Gottesdienst haben Mitglieder der Kirchengemeinden Nordwohlde und Bassum sowie Kollegen und Vereinsvertreter Pastor Gerd Florian Beckert verabschiedet.

Er verlässt nach nicht ganz einem Jahr die beiden Gemeinden und tritt zum 1. Juni eine Pfarrstelle im Kirchenkreis Leine-Solling an.

Die voll besetzte Kirche in Nordwohlde bewies, wie sehr die Gemeindemitglieder den Pastor schätzen. Sie alle waren gekommen, um Beckert ein letztes Mal zu sehen und zu hören. Auf seine Abschiedspredigt warteten sie gespannt.

Als Thema der Predigt hatte der Pastor die Liebe gewählt. Es ging auch um Nächstenliebe und Nachsicht. Sehr persönlich erinnerte er an gewesene Aktionen und Feste im vergangenen Jahr und sprach auch Unvollendetes an, wie einen geplanten Kneipengottesdienst und den Gemeindeausflug.

Während Beckert selbst während seiner Predigt oft sehr berührt wirkte, wurden im Kirchenschiff Taschentücher gezückt und Nasen geschnäuzt, es floss so manche Träne. Die Gemeindemitglieder hätten Gerd Florian Beckert sehr gern in ihrer Kirchengemeinde behalten. Am Ende der Predigt gab es einen langen Applaus. Die Besucher erhoben sich von den Stühlen.

Hintergrund: Pastor Beckert wurde auf Grund von nicht weiter genannten Vorwürfen zunächst beurlaubt. Obwohl die Vorwürfe weder eine strafrechtliche noch eine disziplinarrechtliche Relevanz hatten, ließ der Dienstherr verlauten, dass Beckert Nordwohlde verlassen werde. Es seien Wunden entstanden, die einen Neubeginn erfordern, hieß es.

Wie wenig die Gemeindemitglieder mit der Vorgehensweise und der Entscheidung der Landeskirche einverstanden sind, zeigten sie zunächst in einer Unterschriftenaktion für den Pastor, bei der in kürzester Zeit 700 Unterschriften zusammen kamen. Am Sonntag zeigten dann zahlreiche Gottesdienstbesucher ihren stillen Protest und verließen bei der Abschiedsansprache von Superintendent Dr. Jörn-Michael Schröder demonstrativ die Kirche.

Schröder ging auf Beckerts Leidenschaft fürs Marathonlaufen ein. Dieser habe ihm einmal erzählt, wie es sei, an einen Punkt zu gelangen, an dem man meint, aufgeben zu müssen. Diesen Punkt müsse man überwinden. An so einem Punkt sei Beckert nun in seinem Lebensweg gekommen. Er müsse trotzdem weiterlaufen.

In ein Abschiedslied des Nordwohlder Kirchenchores stimmten letztlich alle Anwesenden laut wieder mit ein.

Sehr persönliche Worte richtete Heike Evers-Riethmöller vom Posaunenchor am Ende des Gottesdienstes an Gerd Florian Beckert. Sie betonte seine Menschlichkeit. Er sei offen und herzlich auf andere zugegangen, habe sich neben der Kirche auch für weltliche Dinge in der Gemeinde interessiert. „Wir bedauern es sehr, dass wir dich als Pastor, Menschen und Freund für diese Gemeinde verlieren. Und bitte bewahre dir deine Menschlichkeit.“ Beste Wünsche für den Anfang in der neuen Gemeinde, die sie sehr beneide, gab Evers-Riethmöller dem Pastor mit auf den Weg.

Die Vorgeschichte:

Vorwürfe gegen 30-jährigen Geistlichen: Nordwohlder Pastor beurlaubt

Lothar Dreyer übernimmt Vertretung

Nordwohlder sammeln Unterschriften: Beckert soll bleiben

700 Unterschriften für Pastor Beckert

Finale einer unseligen Geschichte

Ein Kommentar von Anke Seidel 

Bitteres Finale einer unseligen Geschichte: Pastor Gerd Florian Beckert verlässt seine Kirchengemeinden, obwohl mindestens 700 Bürger mit ihrer Unterschrift hinter ihm und seiner Arbeit stehen. Aber die Folgen einer „Unbedachtheit“, wie es im offenen Brief des Kirchenchores Nordwohlde heißt, haben am Ende ein vertrauensvolles, wertvolles Miteinander zwischen Pastor und Gemeinde zerstört. Sie haben einen Keil zwischen Menschen getrieben, die eines gemeinsam haben: Ihren christlichen Glauben und den Wunsch, das Bestmögliche zu erreichen. Aber ist das im elektronischen Kommunikationszeitalter überhaupt noch möglich, wenn sich Verdächtigungen schneller als der Schall verbreiten und Menschen im Schutz der Anonymität zu gnadenlosen Richtern werden? Wir leben in einem Rechtsstaat. Nach dessen Maßstäben steht zweifelsfrei fest: Pastor Beckert hat weder dienstrechtliche noch strafrechtliche Verfehlungen begangen. Wir leben leider auch in einer Klage- und Regress-Gesellschaft, in der zunächst immer das schlechteste Szenario – das Misstrauen – zählt, um rechtlich auf der sicheren Seite zu bleiben. Das beschädigt Menschen und setzt Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, wie es Pastor und Superintendent nun einmal sind, unter enormen Druck. Wen wundert es also, dass immer weniger Menschen Verantwortung übernehmen wollen? Der Kirchenchor hat das glücklicherweise getan und mit seiner Unterschriftenaktion bewiesen, worauf es wirklich ankommt: Ein klares Zeichen gegen Vorverurteilung zu setzen und einem geschätzten Pastor den Rücken zu stärken.

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