Studie aus der Rechtsmedizin

Nur 223 von 10.000 Todesbescheinigungen sind ohne Fehler

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Bei unnatürlichen Todesfällen werden Mitarbeiter der Gerichtsmedizin beauftragt, die Todesursache herauszufinden.

Bassum - Von Frauke Albrecht. Rechtsmediziner klagen, dass Leichenschauen häufig mangelhaft durchgeführt werden. Sie sind der Meinung, dass viele Mordfälle dadurch unerkannt bleiben. Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Rostock hat 10. 000 Todesbescheinigungen aus drei Jahren überprüft: Lediglich 223 waren fehlerfrei. Stattdessen fanden sich mehr als 3.000 schwere und 35. 000 leichte Fehler. In 44 Fällen wurde fälschlich ein natürlicher Tod bescheinigt. Den Bassumer Mediziner Dr. Christoph Lanzendörfer überraschen diese Zahlen nicht.

Er ist aber der Meinung, dass es nie ganz gelingen wird, alle unnatürlichen Todesfälle aufzuklären. „Beispiel: Jemand ist zuckerkrank und liegt tot im Bett.“ Man werde nicht aufklären können, ob eine Überdosis Insulin gespritzt worden sei. Insulin verschwinde im Blutkreislauf.

Lanzendörfer erinnert an den Krankenpfleger Niels H., der in Oldenburg und Delmenhorst Intensivpatienten eine Überdosis unterschiedlicher Medikamente verabreicht hatte, um Herz-Kreislauf-Stillstände auszulösen.

Wenige Obduktionen

Als Folge habe die Stadt Bremen eine verpflichtende qualifizierte Leichenschau eingeführt. „Das gibt es bereits in den Niederlanden“, so Lanzendörfer. Seit August wird in Bremen jeder Verstorbene von einem ausgebildeten Leichenschauarzt begutachtet. Erst stellt ein Arzt die Todesursache fest, dann folgt die qualifizierte Leichenschau durch einen Pathologen.

Bei einem Flächenland wie Niedersachsen sei dies sicherlich schwer durchführbar, ist Lanzendörfer überzeugt. „Noch wissen wir gar nicht, ob dadurch überhaupt mehr Fälle aufgedeckt werden.“ Die Ergebnisse würden erst in einigen Jahren evaluiert.

In Niedersachsen werden in drei bis vier Prozent der Todesfälle Obduktionen durchgeführt, weiß Lanzendörfer. Das Ziel sollten zehn Prozent sein.

Auf dem Totenschein muss ein Arzt die Todesursache angeben – er hat drei Möglichkeiten: natürlicher Tod, nicht natürlicher Tod und Todesursache unbekannt. „Bei nicht natürlich muss die Polizei hinzugezogen werden“, erklärt Lanzendörfer.

Dr. Christoph Lanzendörfer hat viele Jahre als leitender Notarzt gearbeitet.

Solche Fälle hatte er in seiner Laufbahn eher selten. Er wurde zwar zu einer Reihe kurioser Unfälle gerufen, hatte es nach eigener Aussage aber nur einmal mit einem Gewaltverbrechen zu tun.

„In meiner Zeit als Notarzt in Emden wurde ich zu einer Frau gerufen, die tot im Bett aufgefunden worden war. Sie trug eine dicke Daunenjacke – und das im Sommer. Die Jacke sollte die blauen Flecken an den Handgelenken vertuschen“, erinnert sich Lanzendörfer. Es stellte sich heraus, dass die Frau erwürgt worden war. Zum Zeitpunkt der Leichenschau gab es keine Flecken am Hals. „Die stellten sich erst später ein.“

Auch in einem weiteren Fall rief Lanzendörfer die Polizei hinzu. Wieder war eine Frau tot im Bett gefunden worden. „Am Mund der Toten sowie auf dem Fußboden, vom Bett bis zur Spüle, fand sich eine riechende Flüssigkeit.“ Die Frau war dement. Es hätte sein können, dass sie Reinigungsmittel geschluckt hatte. Aber es sei nicht offensichtlich gewesen. „Der Staatsanwalt war sehr übellaunig“, erzählt 

Lanzendörfer. Auf eine Obduktion wurde verzichtet. „Man hielt es für

erklärlich, dass jemand Spülmittel verschüttet hat.“

„Sorgfalt ist wichtig“

Die wohl ungewöhnlichste Todesursache stellte Lanzendörfer in Emden fest: Eine Frau war im Schlamm erstickt. „Sie wohnte direkt am Kanal und wollte Blumenwasser holen. Sie stolperte an der Böschung, stürzte und blieb im Schlamm liegen.“

Die meisten Todesfälle, mit denen Lanzendörfer zu tun hatte, waren weit weniger spektakulär. „In der Regel kennt der Arzt seine Patienten. Und auch deren Krankengeschichte. Wenn ein krebskranker Patient stirbt – und es seit Tagen abzusehen war – brauche ich keine Obduktion“, so der Mediziner.

Es sei wichtig, immer auch die Zusammenhänge zu deuten. In einem Pflegeheim sei eine alte, herzkranke Frau gestorben, erzählt Lanzendörfer. Die Bettnachbarin meinte sich zu erinnern, dass nachts die Tür aufgegangen sei. „Nachts gucken auch mal die Schwestern rein“, so Lanzendörfer. Die alte Dame war schwer herzkrank, nicht vermögend – wer also hätte ihr etwas antun sollen? So wurde auf eine Obduktion verzichtet. „Der Gesamtzusammenhang war erklärlich“, sagt Lanzendörfer.

„Sorgfalt ist wichtig. Keine vorgefasste Meinung haben, und im besten Falle Kenntnis der Vorgeschichte haben, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas übersehen wird, gering.“

In diesem Jahr musste er acht Todesbescheinigungen ausstellen. Sieben Patienten hatten Krebs im Endstadium. Dennoch – eine Leichenschau müsse auch in solchen Fällen sein. Manche Angehörige empfinden es als Zumutung. „Dann ist es gut, ihnen etwas zu tun zu geben“, weiß der Mediziner. „Kochen Sie mal Kaffee“, sagt er dann. „Wir setzen uns gleich nochmal zusammen und reden.“ Reden sei „so wichtig“. – „Wie wollen Sie den Angehörigen erklären, warum die 88 Jahre alte Dame, die sich nicht mal vor ihrem Mann nackt ausgezogen hat, plötzlich zur Leichenschau vor allen ausgezogen wird?“

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