Auch alte Menschen kommen

Oliver Popp macht als Puppendoktor viele Menschen glücklich

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Oliver Popp wendet viel Zeit und Liebe auf, um seine Patienten wieder gesund zu machen. - Fotos: Kreykenbohm

Bramstedt - Von Julia Kreykenbohm. Der kleine Junge ist todunglücklich. Er steht in der Werkstatt von Oliver Popp in Bramstedt und herzt seine Schmusekatze aus Plüsch. Offenbar hat er das schon etwas zu häufig und zu fest getan, denn das Kuscheltier hat einen Riss und die Füllung ist zum großen Teil rausgequollen. Ein klarer Fall für den Puppendoktor, dachten sich die Eltern und kamen mit Kind und Patient zu Popp.

Und der kann helfen, allerdings muss die Katze dafür in der „Klinik“ bleiben. Die Trennung fällt schwer. „Guck mal, da sind noch andere“, sagt Popp und weist auf die Puppen und Teddybären, die brav im „Wartezimmer“ sitzen, bis sie an der Reihe sind. Stille Begleiter durch die Kindheit, die immer zugehört und nie etwas weiter erzählt haben. 

Die Plüsch-Katze ist also nicht einsam und der Junge beruhigt. Doch für Oliver Popp steht fest: „Da muss ich schnell ran. Aber Kinder ziehen wir immer vor, weil wir wissen, dass die sehnsüchtiger auf die Rückkehr ihrer Lieblinge warten, als die Großen.“

In einem alten Bauernhaus hat der 57-Jährige seine Puppenklinik eröffnet, in der nur zwei „Ärzte“ angestellt sind: er und seine Frau Kornelia, die die Näharbeiten übernimmt und als Friseurin den Puppen eine schöne Frisur verpasst. 

Lange Jahre doktorte Popp in Bremen

Die Werkstatt von Popp war 33 Jahre in Bremen angesiedelt. Nun ist dort nur noch eine Abgabestelle für die Püppies und Teddies. Behandelt wird in Bramstedt. „Ich wollte zurück aufs Land“, sagt Popp und setzt sich an die Werkbank. Er nimmt einen Puppenkopf in die Hand und beginnt, ihn mit einem Stück Schleifpapier zu bearbeiten.

Als seine Besitzerin ihn brachte, war er in viele Teile zerbrochen. Popp setzte sie zusammen, ersetzte die fehlenden Stücke mit Spachtelmasse und sprühte die Hautfarbe auf. Die muss er selber mischen, da jede Puppe eine individuelle Farbe hat und die Besitzer ihren Schatz natürlich kennen. „Denen fällt jedes Detail auf, das anders ist.“ Erst nach dem Färben sind die Unebenheiten zu sehen, die Popp abschleift, bis der Kopf perfekt rund ist. Dann färbt er wieder.

Der Besitzerin habe er bereits Bilder von dem Fortschritt geschickt. „Ihr Mann schrieb, seine Frau habe vor Freude Tränen in den Augen gehabt.“ Solche Reaktionen sind es, die in Popp die Begeisterung für seinen Beruf lebendig halten. „Die Menschen stehen traurig vor dir und bringen etwas Kaputtes, und wenn sie mit ihrem Schatz wieder gehen, haben sie strahlende Augen.“

Etwas gruselig: Die Augengestelle für die Puppen.

Er hat das Handwerk von seiner Mutter gelernt und sich den Rest selbst angeeignet. „Aber der Beruf stirbt aus“, bedauert der 57-Jährige. Früher seien Friseure die Puppendoktoren gewesen. In den 50er-Jahren wurde es ein eigener Beruf. Doch heutzutage sinke die Nachfrage, weil viel weggeworfen und neu gekauft werde. „Außerdem entwickeln Kinder wohl nicht mehr die tiefe Bindung zu einem Teddy oder einer Puppe, weil sie schon früh mit technischen Geräten spielen.“

Popp betrachtet den Puppenkopf. Besonders die alten Modelle haben es ihm angetan. Manche stammen aus dem 19. Jahrhundert und hätten wohl eine Menge zu erzählen, wenn sie sprechen könnten. Vielleicht, wie sie ihre Besitzerin auf der Flucht vor dem Krieg getröstet haben. 

„Wenn man sie repariert, sieht man erst, mit wieviel Liebe zum Detail sie hergestellt worden sind“, sagt Popp. Außerdem halten sie im Vergleich zu den modernen Puppen fast ewig. „Die neuen scheinen darauf angelegt, nach einer Weile kaputt zu gehen. Außerdem kann man sie schwerer reparieren – vermutlich, weil die Leute neu kaufen sollen.“

Reparaturen können monatelang dauern, wenn der Ersatz passen soll

Allerdings seien die alten „Damen“ auch anspruchsvoll. Wenn ihnen ein Bein fehlt, muss Popp in seinem Fundus nachschauen, ob er das passende Ersatzteil hat. So kommt es, dass es in seinen Schubladen etwas gruselig aussieht: Ärmchen, Beinchen oder Augen. 

Eine schwere Reparatur kann schon mal bis zu vier Monate dauern. „Das Schlimmste ist, wenn Leute versuchen, ihre Puppen selbst zu kleben, denn das geht häufig schief und dann habe ich zusätzliche Arbeit“, sagt Popp und lacht.

Doch egal ob neu oder alt: Jeder Patient wird von Popp mit viel Sorgfalt behandelt. Denn er weiß: Wer seinen Schatz zum Doktor bringt, hängt an ihm. „Sie haben für viele einen ideellen Wert.“ Man müsse den Beruf lieben, sagt Popp, denn die Zeit und Mühe, die er aufwendet, um Patienten gesund zu machen, stehen in keinem Verhältnis zu seinem Lohn. „Reich wird man nicht.“

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