Petition gegen geplantes Verbot

Tattoofarben: EU sieht rot bei grünen und blauen Pigmenten

Tattoos in bunten Farben könnten der Vergangenheit angehören, wenn das Verbot wirklich kommen sollte. Foto: IMAGO/Andréx Horta
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Tattoos in bunten Farben könnten der Vergangenheit angehören, wenn das Verbot wirklich kommen sollte.

Bassum - Im Sommer sieht man sie fast an jedem Arm, Hals, Rücken oder Bein. Tattoos sind Trend. Jeder fünfte Bundesbürger trägt inzwischen ein Bild auf der Haut, meist gestochen von einem der etwa 15.000 Tätowierer in Deutschland. Eine riesige Szene. Und die ist jetzt in Aufruhr.

Denn die Europäische Chemiekalienagentur (ECHA) empfiehlt, die Farbpigmente „Blue 16“ und „Green 7“ in der EU zu verbieten. Und wenn Grün und Blau aus der Palette fallen, betrifft das auch all die Farben, die aus ihnen gemischt werden – also etwa 70 Prozent. Ein harter Schlag für die ganze Branche. 

Heiko Ritscher ist Tätowierer und arbeitet seit zwei Jahren selbstständig in Neubruchhausen. Er verfolgt die Debatte interessiert und möchte nun vor allem eins: aufklären.

Warum sollen die beiden Pigmente verboten werden? „Diese Pigmente finden sich in vielen kosmetischen Produkten. Sie waren auch in Haarfärbemitteln. Doch weil sich die Farbe hartnäckig an der Kopfhaut hielt, wurden sie für die Haarfärbung verboten. Nun sagen sie: Was nicht auf die Haut soll, darf auch nicht in sie gelangen – doch in anderen Produkten wie Lippenstift oder Kajal befinden sich die Pigmente nach wie vor“, erläutert Ritscher. Das Problem: Tätowierer sind an die Kosmetikverordnung gekoppelt.

Der 49-Jährige will der schrillen Debatte in der Öffentlichkeit etwas mehr Sachlichkeit verleihen. Er zeigt eine dicke Broschüre, in der Jörn Elsenbruch (Tätowierer seit 35 Jahren, Mitglied der Deutschen Organisierten Tätowierer – kurz DOT –, im Bundesverband Tattoo und der Coalition for Tattoo Safety/USA), Dr. Andreas Winkens (Umweltingenieur, im Beirat der DOT) und Dr. Bernhard Küter (Chemiker, im Beirat der DOT) über die Problematik informieren.

„Wenn man schon Verordnungen macht, wieso spricht man nicht mit uns, die wir jahrzehntelange Erfahrung in dem Bereich haben?“ - Heiko Ritscher

Die Tätowierer-Branche habe sich schon immer selbst reguliert. Als die Hautbilder nur von Seefahrern und Knastbrüdern getragen wurden, kümmerte das auch niemanden. Doch in den vergangenen Jahren wurde aus der Nische Mainstream. „Und es ist absolut logisch, dass es für eine so große Szene Regularien geben muss. Die gibt es auch schon. Tätowierer, Gesundheitsbehörden und Wissenschaftler haben daran gearbeitet“, sagt Ritscher.

Von daher seien auch Gesetze völlig in Ordnung. „Doch eine Sache verstehen wir nicht: Wenn man schon Verordnungen macht, wieso spricht man nicht mit uns, die wir jahrzehntelange Erfahrung in dem Bereich haben? Wieso entscheidet man über die Köpfe derjenigen hinweg, die jeden Tag mit der Materie zu tun haben?“

Die Tätowierer wollen gehört werden und im Bundestag sprechen, damit Deutschland sich gegenüber der EU äußert. Im Februar wollen die Länder über das Verbot sprechen. „Aber wir haben eben keine Lobby“, bedauert Ritscher. Deswegen haben sie eine Petition gestartet. Auch Ritscher macht mit. Jeden Kunden, der zu ihm kommt, spricht er darauf an. „Sie sind interessiert, aber nicht ängstlich oder besorgt“, sagt der Neubruchhauser.

Petition der Tätowierer bis 15. Februar

In seinen Augen besteht dazu kein Grund, denn „es gibt bis heute keine einzige, wissenschaftliche Studie, die belegt, dass Tattoos gesundheitsschädigend sind. Und schon gar keine, die zeigt, dass die beiden diskutierten Pigmente eine Gefahr darstellen.“ Es sei nicht belegt, wie viel Farbe beim Tätowieren tatsächlich in den Körper gelangt. Ritscher fragt: „Sollte man nicht, bevor man ein Verbot ausspricht, das so gravierende Folgen hat, erst mal wissenschaftliche Fakten zusammentragen und auf deren Basis entscheiden?“

Ritscher tätowiert seit zehn Jahren in Niedersachsen und hat bislang bei keinem seiner Kunden, die aus dem ganzen Landkreis und darüber hinaus zu ihm kommen, eine allergische Reaktion beobachtet, die hin und wieder vorkommen können. „Sogar Krankenkassen haben dargelegt, dass Probleme aufgrund von Tätowierungen statistisch nicht auftauchen, ja nicht mal erwähnt werden.“

Ritscher und seine Kollegen hoffen sehr, dass sie die Chance bekommen, ihre Sichtweise in die Debatte einzubringen. Die Petition der Tätowierer läuft noch bis zum 15. Februar. „Es kann so geil sein, wenn man zusammenarbeitet. Und wir haben auch Verbesserungsvorschläge im Gepäck.“

Ritscher fürchtet, dass wenn die Pigmente verboten werden, man eher das Gegenteil von dem erreicht, was man möchte: nämlich die Menschen schützen. „Dann werden einige Tätowierer ihre Farben aus anderen Ländern beziehen, und die haben nicht die Qualität, die wir hier haben. Das will doch keiner.“

Auch in Wildeshausen werben Tätowierer für die Petition gegen das Tintenverbot.

Fachärztin äußert sich im Interview zu möglichen Gefahren durch Tattoos

Düsseldorf – Dr. med. Katharina Schürings arbeitet in der MVZ Praxis Dr. Cornely in Düsseldorf. Sie ist Fachärztin für Dermatologie und seit zehn Jahren als Ärztin tätig. Sie nimmt in einem Interview Stellung zu möglichen Gefahren durch Tattoos. Die Fragen stellte Julia Kreykenbohm.

Wie ist Ihre Meinung zu der Debatte, dass die Farbpigmente für Grün und Blau verboten werden sollen? Wäre ein Verbot in Ihren Augen sinnvoll?

Laut Kosmetikverordnung für Haarfärbemittel wurden die Pigmente Blau und Grün verboten. Die europäische Chemikalien Agentur wollte einheitliche Standards implementieren. Das heißt, wenn die Anwendung dieser Pigmente auf der Hautoberfläche verboten ist, sollte auch das Einbringen in die Haut von diesen Pigmenten verboten sein. Zumal diese Bestandteile, sprich Pigmente, auch in Nagellack und Autolack verwendet werden. Zusammenfassend denke ich, dass es einheitliche Standards für die Europäische Union geben sollte. Es sollten mehr Studien aufgelegt werden, damit man das gesundheitliche Risiko von bunten Tattoos wissenschaftlich belegen kann.

In der Debatte klingt auf, dass die genannten Pigmente gesundheitsgefährdend seien. Auf der Homepage von N-TV steht sogar: „Die EU-Kommission verwies auf eine Empfehlung der Europäischen Chemikalienagentur ECHA aus dem vergangenen Jahr, die die Chemikalien auf Krebsrisiken untersucht hatte.“ Gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass die Pigmente Krebs hervorrufen können?

Es gibt tatsächlich Studien, die belegen, dass das schwarze Pigment polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe beinhaltet, die krebserregend sind.

Die Tätowierer schreiben, es sei bis heute nicht belegt, wie viel Farbe beim Tätowieren tatsächlich in den Körper gelangt. Stimmt das?

Jeder Mensch ist anders. Deshalb weiß man nicht, wie viel von der Tattoo-Farbe in der Haut wirklich in den Körper gelangt und verstoffwechselt wird.

Haben Sie schon einmal schädliche Auswirkungen eines Tattoos beobachtet? Wie stehen Sie als Ärztin generell zu diesem Körperschmuck?

Im klinischen Alltag sehe ich oft Hautveränderungen, die durch Tätowierungen hervorgerufen werden. Patienten weisen Allergien auf Tattoos auf, die jucken, brennen und nässende Wunden hervorrufen. Wenn man ein Tattoo in die Haut einbringt, verursacht dies eine Verletzung der Haut. Das Immunsystem reagiert darauf und bildet kleine Knötchen, auch Granulome genannt. Zudem sollte man immer daran denken, dass die Tätowierung an sich auch ein Infektionsrisiko beinhaltet. Durch verunreinigte Nadeln können HIV und Hepatitis übertragen werden. In Zusammenschau gibt es einfach viel zu wenig Studien, die sich mit diesem Thema beschäftigen.

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