Behandlung gegen Hepatitis C hat ihren Preis

Nur per Tablette zehn Lebensjahre gewonnen

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Für den Mediziner Dr. Christoph Lanzendörfer beweist Sabine K. eindeutig den Erfolg bei der Behandlung der Hepatitis C: Beide sind regelmäßig im Gespräch.

Bassum - Von Anke Seidel. Hepatitis C – eine fatale Virus-Erkrankung, die zu Leberzirrhose und häufig zu Leberkrebs führt: 283 Fälle hat das Robert-Koch-Institut 2016 in Niedersachsen registriert, 50 mehr als noch im Vorjahr. Doch diese chronisch fortschreitende Lebererkrankung ist mittlerweile heilbar, wenngleich zu einem hohen Preis.

Sabine K. (Name von der Redaktion geändert) hat sie überlebt. „Statistisch hat sie zehn Lebensjahre gewonnen“, sagt ihr behandelnder Arzt Dr. Christoph Lanzendörfer.

Schutz ist nur begrenzt möglich

Der Mediziner aus Bassum und Ärztesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung im Landkreis Diepholz unterstützt den Appell der Ärztekammer Niedersachsen, die Bürger für Impf- und Heilungsmöglichkeiten der Hepatitis zu sensibilisieren. Doch Schutz ist nur begrenzt möglich. Dr. Lanzendörfer erklärt: „Die ersten Erreger dieser Leberentzündungen gibt es wohl schon seit 350 Millionen Jahren.“ Aber sie hätten sich verändert.

In den 1980er-Jahren unterschied die Medizin zwischen Hepatitis A und B, die trotz unterschiedlicher Übertragungswege eines gemeinsam haben: Gegen diese Lebererkrankungen können sich Menschen mit einer Impfung schützen. Während die Hepatitis B sexuell übertragbar ist, geht die Hepatitis A durch den Magen. „Sie kann durch unsauber behandelten Salat ausgelöst werden“, erklärt der Mediziner.

Sabine K. kannte schreckliche Krankheit von ihrem Partner

Die tückische Hepatitis C mit ihrem chronischen Verlauf entdeckten die Forscher erst in den folgenden Jahrzehnten – und kommen ihr immer dichter auf die Spur: Mittlerweile gebe es sieben unterschiedliche Genotypen, die wiederum in verschiedene Klassifizierungen unterteilt würden, sagt der Arzt.

Für Sabine K. war die Diagnose ein Schock: „Mein damaliger Freund hatte diese Krankheit schon gehabt, und ich habe miterlebt, wie sehr er unter der Behandlung gelitten hat“, berichtet die 40-Jährige. „Ihm war permanent übel. Er konnte nur wenig essen und musste sich beim Autofahren übergeben. Ein ganzes Jahr lang.“ Der Mann war damals mit Interferon behandelt worden. Doch Sabine K. bekam von Dr. Lanzendörfer eine andere Therapie verordnet: Harvoni, eine Tablette – einmal am Tag zu schlucken über einen Zeitraum von drei Monaten. Die 40-Jährige staunte: „Ich hatte so große Angst vor den Nebenwirkungen. Aber nichts passierte! Es war so, als würde ich eine Vitamintablette schlucken.“

Infektion per Blutkontakt

Die junge Frau hatte sich auf dem klassischen Wege mit der tückischen Krankheit infiziert: eine Spritze. Sie war damals von Kokain abhängig. Ihr Freund habe ihr die fatale Spritze aufgezwungen, sagt sie leise. „Hepatitis C wird über Blutkontakt übertragen“, erklärt Christoph Lanzendörfer. Das kann auch über eine scheinbar harmlose Schürfwunde am Knie und einen Riss am Finger geschehen – oder in einem nicht sauber arbeitenden Tattoo-Studio. Aber: „Bei zehn Prozent aller Fälle kennen wir den Infektionsweg nicht.“

Nach Angaben der Deutschen Leberstiftung sind etwa 0,4 Prozent aller Blutspender mit Hepatitis C infiziert. Bei Blutuntersuchungen in Notaufnahmen liege die Infektionsrate bereits bei mehr als drei Prozent. Deshalb geht die Leberstiftung von einer hohen Dunkelziffer von Erkrankten aus. Woran erkennen Betroffene die Infektion? Symptom könne eine leichte Grippe sein, die sich einfach nicht bessere, sagt Dr. Lanzendörfer – und fügt hinzu: „Sehr oft allerdings ist die Hepatitis C ein Zufallsbefund bei einer Routine-Blutuntersuchung.“

Neue Medikamente heilen 90 Prozent der Erkrankten beim ersten Versuch

Sabine K. ist glücklich über ihre Heilung. „Tatsächlich gibt es seit 2014 mehrere neue Medikamente, die mehr als 90 Prozent der Erkrankten schon beim ersten Therapieversuch dauerhaft von ihrer Infektion befreien“, bestätigt die Ärztekammer Niedersachsen. Aber das hat seinen Preis: 66 000 Euro hat die Behandlung von Sabine K. gekostet. Wirklich gut angelegtes Geld, sagt ihr Arzt. Aber seine Miene verdunkelt sich: „Der Wirkstoff in dem Medikament kostet nur wenige Cent. Aber es ist nur zu einem horrenden Preis zu haben.“ Lanzendörfer ärgert sich maßlos: „Da teilen sich drei Firmen den frisch gedeckten Tisch mit dem großen fetten Kuchen.“ Denn entdeckt worden sei das hochwirksame Medikament nur zufällig – als Nebenprodukt aus der Aids-Forschung.

Für die Krankenkassen, die diese horrenden Preise letztendlich zahlen müssen, hat Lanzendörfer Verständnis. Deshalb kann er die hohen Auflagen für ihn als Mediziner (jährliche Fortbildungen und Zweit-Meinungs-Verfahren) durchaus verstehen. Er selbst behandelt bis zu 30 Patienten jährlich. Doch weil die Mittel der Krankenkassen begrenzt sind, hätten die überteuerten Medikamente zu einem Ungleichgewicht geführt. „Und dann darf eine 80-jährige alleinstehende Frau auf dem Lande nicht mit dem Taxi zu ihrem Gastroenterologen fahren“, ärgert sich der Bassumer Mediziner über Unverhältnismäßigkeiten.

Start in ein neues Leben

Sabine K. stimmt ihm zu. Für sie hat ein neues Leben begonnen – nicht erst seit ihrer Heilung von der Hepatitis C. Die 40-Jährige, die in ihrem Leben viel Unrecht, Gewalt und Schocks erleben musste, hat den Drogen den Rücken gekehrt. Der Ersatzstoff L-Polamidon ist für sie jetzt das, was für einen Patienten nach einem Beinbruch die Krücke ist. Und es hilft: „Ich habe 30 Kilogramm zugenommen“, sagt die 40-Jährige, die heute Damengröße 40 trägt. In ihrem neuen Leben hat sie sich einen Wunsch bereits erfüllt: „Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Urlaub gemacht.“ Ihr zweiter Wunsch: „Wieder berufstätig sein.“ Am liebsten wieder in der Pflege.

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