Chancen und Risiken

Telemedizin: Sprechstunde vom Bett aus

So könnten Sprechstunden in Zukunft aussehen – sofern es der Datenschutz zulässt. - Symbolbild: dpa
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So könnten Sprechstunden in Zukunft aussehen – sofern es der Datenschutz zulässt.

Twistringen/Bassum - Von Katharina Schmidt. Ganz bequem vom Bett aus per Chat oder Videoanruf mit einem Doktor reden, anstatt erst in einem Wartezimmer zwischen schniefenden Nasen ausharren zu müssen – diese Vorstellung dürfte für viele verlockend klingen.

Dank der sogenannten Telemedizin könnten digitale Sprechstunden Realität werden. Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will das Verbot für Fernbehandlungen aufheben. Was halten Ärzte in Twistringen und Bassum davon?

„Grundsätzlich bevorzuge ich diese neuen Technologien“, meint Dr. med. Martin Winter bei einer stichprobenartigen Umfrage dieser Zeitung. Ein System zur sicheren digitalen Kommunikation, um Patienten auch mal abseits des Behandlungsraums beraten zu können, gebe es in seiner Praxis bereits – doch nutzen dürfe er es aus Datenschutzgründen nicht. 

Um ohne Umstände auf digitalem Wege Gesundheitsdaten auszutauschen, bräuchte nicht nur er eine spezielle Technik zur Datenverschlüsselung, sondern auch seine Patienten – und wer hat so etwas schon zu Hause? Mal eben ein Bild von einer Wunde per WhatsApp an den Arzt schicken, das ist Winter zufolge nicht möglich. Die neue Datenschutzgrundverordnung werde die Situation verschärfen.

„Da werden uns Steine in den Weg gelegt“, bedauert er. Kontakt per Chat und Video könnte zum Beispiel das Leben chronisch kranker Menschen erleichtern, die regelmäßig zur Kontrolle zum Arzt müssen. „Wenn wir die Technik, die wir haben, nutzen könnten, wäre das ein Segen“, findet Winter.

Ferndiagnose bei Erkältung und Magen-Darm-Beschwerden wenig sinnvoll

Vieles lasse sich zum Beispiel auch auf einem Bild beurteilen – aber, das betont er, bei Weitem nicht alles. „Immer dann, wenn ich mehrere Sinne brauche, wenn ich zum Beispiel fühlen oder abhorchen muss, sind die Grenzen der Telemedizin erreicht.“ Eine Ferndiagnose sei bei Erkältung ebenso wenig sinnvoll wie bei Magen-Darm-Beschwerden. Bei all der Technik sei es wichtig, dass ein Arzt seinen Patienten kennt und schon einmal Gesicht zu Gesicht mit ihm geredet hat.

Dr. Christoph Lanzendörfer, Arzt in Bassum und Sprecher der niedersächsischen Ärztekammer im Altkreis Hoya, merkt an, dass viele Fragen und Angelegenheiten schon jetzt per Telefonanruf zwischen Arzt und Patient geklärt werden. Dass Menschen nicht für jede Kleinigkeit eine Praxis aufsuchen müssen, sei nicht neu, nur weil es neue Medien gebe.

Blutzuckermessen per Kontaktlinse

Er verweist auf das Buch „App vom Arzt“, an dem Bundesminister Spahn mitgeschrieben hat. In dem Werk wird dargestellt, dass digitale Medizin weit aus mehr als ein Chat mit dem Doktor sein kann. Darin ist zum Beispiel die Rede von Kontaktlinsen, die den Blutzuckerspiegel messen. Wenn der persönliche Kontakt zum Arzt so gut wie komplett abbricht, so befürchtet Lanzendörfer, „dann fallen wir noch weiter zurück als zu den Zeiten altchinesischer Vorzeigepuppen“. Die Puppen stammten aus Zeiten, aus denen Ärzte Frauen nicht anfassen durften.

Es sei wichtig, zu hören, wie Patienten sprechen, zu sehen, wie sie sich bewegen, betont der Bassumer. „Es geht sehr viel unter, wenn man sich nicht mit den Menschen unterhält. Die Zwischentöne machen es aus – und die würden verloren gehen.“

Telemedizin könnte allenfalls eine Ergänzung zu herkömmlichen Methoden sein. „Eine ganz neue Medizin darauf zu begründen, hieße, die Medizin abzuschaffen.“

Zwischenmenschliches nicht über Bits übertragbar

Eine Ärztin aus der Region, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, sieht Ferndiagnosen ebenfalls skeptisch: „Ich halte nicht so viel davon.“ Auch sie führt an, dass Zwischenmenschliches nicht über Bits übertragbar sei. Zudem bestehe die Gefahr, dass Krankheiten unentdeckt bleiben. Selbst wenn von 100 Leuten mit Magen-Darm-Symptomen 99 wirklich Magen-Darm haben und eine Ferndiagnose unter Umständen gereicht hätte – einer habe vielleicht einen entzündeten Blinddarm.

Der Ärztemangel sei ein Problem. Aber durch Telemedizin zu bewirken, dass ein einzelner Arzt noch mehr Patienten behandelt, ist in ihren Augen nicht der richtige Weg. „Da dreht man an der falschen Schraube.“

Die Twistringer Ärztin Beate Meyer-Bexten will sich noch intensiver mit all dem beschäftigen, bevor sie sich eine abschließende Meinung bildet. Aber auch für sie ist klar: Es ist ein Thema, das an Relevanz gewinnt.

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