Wohin mit dem Atommüll?

Sprecher der Anti-Atom-Organisation „.ausgestrahlt“ referiert in Bassum

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Der Politikwissenschaftler Jochen Stay ist seit 33 Jahren in der Anti-Atom-Bewegung aktiv.  

Landkreis Diepholz - Von Janna Silinger. „Lass uns das Flugzeug erstmal in die Luft schicken, eine Landebahn können wir dann immer noch bauen.“ – Darin waren sich Politik und Industrie in den 1950er-Jahren einig, als der Bau von Atomkraftwerken in Deutschland in Angriff genommen wurde. Widerstand in der Bevölkerung habe es schon damals gegeben. Doch die Entscheidungsträger glaubten, dass die Lösung für das bereits bekannte Problem des Atommülls schon noch gefunden würde. Das erzählte Jochen Stay am Montagabend im Vorwerk der Freudenburg in Bassum. Der Sprecher der Anti-Atom-Organisation „.ausgestrahlt“ referierte auf Einladung der Initiative „Energie in Bürgerhand“ über Atommüll und den Umgang damit.

Ein Fokus lag auf der Suche nach dem „sicheren Ort“ für die dauerhafte Lagerung von etwa 17 000 Tonnen hochradioaktivem Abfall. Dauerhaft bedeutet eine Million Jahre. Ein Mammut-Projekt.

„Stellt man die Castor-Behälter alle nebeneinander, entspricht das einer Fläche von ein bis zwei großen Fußballfeldern“, berichtet Stay. Er vermeidet Worte wie „Endlager“ oder „Entsorgung“. Seiner Meinung nach habe mit der Lagerung das Problem weder ein Ende, noch sei es entsorgt. Dennoch müsste den Tatsachen ins Auge geblickt und nach einer Lösung gesucht werden. Und diese könnte auch den Landkreis Diepholz betreffen, weshalb Stay die Bürger animieren möchte, sich zu informieren, zu protestieren und regionalen Zusammenhalt zu fördern.

Das Standortauswahlverfahren für den „sicheren Ort“, das der Bundestag im März 2017 verabschiedet hat, soll bis 2031 festlegen, wo eines Tages der radioaktive Müll Deutschlands gelagert wird. „Das Verfahren sollte angeblich partizipativ und transparent sein“, berichtet Stay. Doch abgesehen von Anhörungen bleibe den Bürgern kein Mitspracherecht. Alle Entscheidungsmacht liegt im Endeffekt bei der Politik. Den Anfang macht die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), die die Standorte beim Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) vorschlägt. Nach einer Prüfung muss der Bundestag entscheiden.

Zunächst steht das gesamte Bundesgebiet zur Debatte. Wobei große Teile direkt in der ersten Prüfung ausscheiden. In der Eifel gebe es Vulkanismus, in der Region des Oberrhein Erdbeben und im Ruhrgebiet sei durch Bergbau die Erde schon zu sehr in Mitleidenschaft gezogen worden.

Aus einigen Regionen – darunter Bayern – seien bisher nur lückenhafte Informationen zu den geologischen Gegebenheiten eingegangen, berichtet Stay. „Die sagen einfach, das Land sei ungeeignet.“

Noch zur Auswahl stehen unter anderem Dutzende Standorte in Norddeutschland. „Der Landkreis Diepholz ist nicht direkt betroffen, aber es gibt zwei Stellen im Landkreis Nienburg, die beide direkt an der Grenze liegen“, erzählt Stay. Einer davon liegt nördlich von Uchte, der andere bei Eitzendorf, etwa 13 Kilometer östlich von Bruchhausen-Vilsen.

Endlager soll 2080 fertig werden

Beide Standorte sind Salzstöcke. Salz ist eines der Materialien, dass sich für eine dauerhafte Lagerung eignen soll, erklärt Stay. Weitere sind Granit und Tonböden. Wobei immer Risiken bestehen, was beispielsweise an Asse 2 und Morsleben zu erkennen ist. Dort wird derzeit der Atommüll wieder rausgeholt, da Einsturzgefahr besteht.

Das unterirdische atomare Endlager soll voraussichtlich bis 2080 fertig sein. Doch was passiert mit dem radioaktiven Müll in der Zwischenzeit? Derzeit befinden sich die Castoren bundesweit in 16 Zwischenlagern. Bei diesen handelt es sich um Hallen, die jedoch bei Beschüssen oder Flugzeugabstürzen keine Sicherheit gewährleisten. Zudem weiß niemand, ob die Castoren, die 40 Jahre halten sollen, wirklich so lange der hohen Strahlung Stand halten. „Und selbst wenn sie 40 Jahre halten sollten, dauert es dann noch eine ganze Weile bis 2080“, so Stay. Der Plan habe gewaltige Lücken und sei selbst im Falle einer Umsetzung nicht wirksam.

Auch deshalb betont Stay noch einmal die dringende Notwendigkeit, sich zu engagieren, zu aktivieren und am Ball zu bleiben. Deutschland sei noch immer der zweitgrößte Produzent von Atomstrom in Europa (nach Frankreich) und der Ausstieg ist für 2022 beschlossen. „Ein Beschluss ist aber noch keine Umsetzung.“ Gerade vor dem Hintergrund, dass die rot-grüne Regierung 2000 schon einmal den Ausstieg beschlossen hatte. Den Beschluss kippte die schwarz-gelbe Regierung wieder. Erst nach Fukushima kam es zu einer Kehrtwende.

Auch wenn Stay zu Beginn der Veranstaltung in Aussicht gestellt hatte, dass die Zuschauer am Ende nicht zu pessimistisch den Raum verlassen, stellte er klar: „Wir versuchen, die am wenigsten schlechte Lösung zu finden. Aber eine ,Landebahn’ werden wir mit Sicherheit nicht entwickeln.“

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