Kameras statt Handzähler

Sieben Monate Verkehrszählung im Kreis Diepholz

Ganz anders als ein Blitzer sehen die schwarzen Kästen aus, mit denen die beauftragte PGT.VE Ingenieurgesellschaft in den kommenden Monaten die manuelle videounterstützte Verkehrszählung vornimmt.
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Ganz anders als ein Blitzer sehen die schwarzen Kästen aus, mit denen die beauftragte PGT.VE Ingenieurgesellschaft in den kommenden Monaten die manuelle videounterstützte Verkehrszählung vornimmt.

Alle fünf Jahre ereignet sich im Landkreis Diepholz etwas Besonderes: An verschiedenen Orten sitzen Menschen am Straßenrand und zählen Fahrzeuge. Die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr in Nienburg (NLStBV) macht dann wieder eine Verkehrszählung an den Landes- und Bundesstraßen, um eine Prognose über die zukünftige Entwicklung des motorisierten Verkehrs aufzustellen.

Landkreis Diepholz – 2005 trug eine Verkehrszählung unter anderem dazu bei, dass nun die B 51 bei Bassum um eine Spur erweitert werden soll (wir berichteten). Jetzt wird im Nordkreis wieder gezählt – doch statt menschlicher Zählhelfer kommen Kameras zum Einsatz.

Schwerpunkt der Zählung ist der Nordkreis

Die Installationen, die in den kommenden Monaten schwerpunktmäßig im Raum Nienburg, Syke, Weyhe, Stuhr, Twistringen und Bassum am Straßenrand zu sehen sein dürften, erfassen dabei die Fahrzeuge für die Verkehrszählung – und das vollkommen anonymisiert.

Der Mechanismus dahinter ist erstaunlich unkompliziert: „Die Aufnahmequalität der Kameras ist einfach so schlecht, dass weder Personen, noch Kennzeichen, noch Werbeaufdrucke identifiziert werden können“, erklärt Thomas Rödel. Er ist als Sachgebietsleiter bei der NLStBV in Nienburg zuständig für die Verkehrszählungen. Auf den Videoaufzeichnungen sei am Ende lediglich erkennbar, um welchen Typ Fahrzeug es sich handle, erklärt Rödel die Umsetzung des gesetzlich vorgeschriebenen Datenschutzes. Das Sichten der Videos übernähmen dann Hilfskräfte beim beauftragten Ingenieursbüro – aber mit folgendem Vorteil im Vergleich zum Zählen am Straßenrand: Sie können das Video im Büro oder zuhause sowie in höherer Geschwindigkeit betrachten.

2020 wurde die Zählung ausgesetzt

Der Verkehr werde in den Kreisen Nienburg und Diepholz wechselnd an 32 verschiedenen Messstellen von April bis Oktober beobachtet. Weil die Behörde im vergangenen Jahr weniger Fahrzeuge als üblich auf den Straßen vermutete, sei die Zählung 2020 ausgesetzt worden. In diesem Jahr habe man sie allerdings nachholen wollen.

Die Messpunkte für die Verkehrszählung seien dabei von einem „komplizierten Algorithmus“ ausgewählt worden, damit möglichst alle Verkehrsteilnehmer auf einem bestimmten Streckenabschnitt erfasst werden können, erläutert Rödel.

Verkehrszählung im Südkreis automatisiert

Doch warum wird nur im Nordkreis gemessen? Der Sachgebietsleiter erklärt: Auch im Südkreis werde der Verkehr erfasst, allerdings sei dies dort meist durch automatische Zähler am Straßenrand und Messschleifen unter der Fahrbahn möglich.

Verkehrszählungen wie die aktuelle gibt es dabei nicht nur alle fünf Jahre. Die Nienburger Behörde erfasst auch zwischendurch an ausgewählten Stellen die Verkehrsstärken – dann allerdings eher nach Bedarf, wie Thomas Rödel erklärt.

Und was bringt der ganze Aufwand am Ende? In einer Presseerklärung der Behörde heißt es, die Daten bildeten die „Grundlage für Planungen des Straßenverkehrsnetzes“. Rödel betont jedoch: Nur weil eine Straße laut Zählung stark befahren sei, werde sie nicht gleich ausgebaut. Und was ist mit dem 2+1-Ausbau der B 51 bei Bassum? Damals war bei einer Verkehrszählung festgestellt worden, dass es auf diesem Bundesstraßenabschnitt immer mehr Fahrzeuge und Unfälle gibt. Daraufhin hatte die Nienburger Behörde den 2+1-Ausbau ins Auge gefasst.

Beobachtete Verkehrszunahme geht nicht zwingend mit Maßnahmen einher

Auf den Vorgang angesprochen verweist Rödel darauf, dass er 2005 noch nicht Sachgebietsleiter gewesen sei und daher nichts zu diesem Fall sagen könne. Aber selbst wenn eine Verkehrszunahme festgestellt würde und ein Ausbau sinnvoll erscheine, seien das in der Regel „Luftschlösser“, weil am Ende sowieso meist das Geld für den Ausbau fehle.

Grundsätzlich gehe es bei der Verkehrszählung darum, eine Prognose über die Entwicklung des Verkehrs aufzustellen, unterstreicht Rödel. Könnten die Daten dann nicht Aufschluss geben, wie sich etwa der Verkehr aufgrund der geplanten Zentralklinik in Twistringen entwickle? Rödel kontert: Was würde das bringen? Die Verkehrsdaten würden nur einen aktuellen Stand darstellen. Bei der Zentralklinik könne allein aufgrund von Erfahrungswerten bei ähnlichen Kliniken überschlagen werden, wie stark der Verkehr zunehmen würde.

Nicht alle Kommunen nutzen die Ergebnisse

Für die Resultate vergangener Verkehrszählungen verweist der Sachgebietsleiter auf die Internetauftritte der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) und des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI). Dort würden die Zählerergebnisse des Ingenieurbüros auch für die NLStBV ausgewertet. Mit Ergebnissen der aktuellen Zählung rechnet Rödel daher erst im ersten Quartal 2022.

Einer der schwarzen Kästen, mit denen der Verkehr gezählt wird, aus der Nähe. Ähnlichkeiten zu Blitzern gibt es nicht.

Nachfrage bei einigen Kommunen, ob sie von den Daten der Verkehrszähler in den vergangenen Jahren profitieren konnten. Im Bassumer Bauamt ist man sich unsicher. Vor einigen Jahren habe die Stadt aufgrund der B 51 einen Lärmaktionsplan aufstellen müssen. Da seien die Verkehrsdaten genutzt worden. Aber abgesehen davon erklärt Bauamtsleiter Martin Kreienhop: „Ich bin nicht direkt darauf angewiesen.“ Gehe es um kommunale Bauprojekte, kümmere sich die Stadt selber um eine zielgerichtete Verkehrszählung.

Die gleiche Antwort in Twistringen. Die Verwaltung werde lediglich informiert, dass Zählungen gemacht würden, so der dortige Bauamtsleiter Carsten Werft. Anders sieht es jedoch in der Gemeinde Stuhr aus. Dort erklärt Hartmut Martens vom Bauamt, dass die Verwaltung in vergangenen Jahren durchaus die Daten vom NLStBV, Bast oder BMVI abgefragt und auch verwendet habe.

Stuhr bestätigt „gemeindliche Bedeutung“ der Verkehrszählung

„Die Gemeinde nutzt diese Daten regelmäßig bei der Entwicklung von Baugebieten, die von den klassifizierten Straßen aus erschlossen werden, oder in deren Einwirkungsbereich liegen“, so Martens. Unter anderem bei Schutzmaßnahmen vor Verkehrslärm sei das wichtig.

Konkrete Bauprojekte oder Maßnahmen nennt Martens nicht. Er betont aber, dass die Ergebnisse der Verkehrszählung nicht nur eine Bedeutung für Straßenbauprojekte auf Bundes- und Landesebene hätten, sondern auch eine „gemeindliche Bedeutung“.

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