Seine Ideen machten Neubruchhausen bekannt

Oberförster Friedrich Erdmann revolutionierte den Waldbau

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Oberförster Friedrich Erdmann galt als absolute Respektsperson im Ort. Sein Bild hängt noch heute in der Oberförsterei Neubruchhausen.

Neubruchhausen - Von Julia Kreykenbohm. Was mögen sie gedacht haben, die vier Revierförster, die seit Jahren ihren Dienst in Freidorf, Sudwalde, Bult und Hardenborstel versahen, als sich der neue Oberförster für die Preußische Oberförsterei Neubruchhausen vorstellte? 33 Jahre alt, nicht aus dem Landkreis Diepholz und mit Ideen, die nicht zu dem passten, was hauptsächlich seine Aufgabe sein sollte – nämlich dafür sorgen, dass der Wald sich die kahlen Flächen zurückerobert.

„Spinner“, mag vielleicht einigen durch den Kopf geschossen sein, vermutet Uwe Niedergesäss, Leiter der Revierförsterei Memsen (Hoyerhagen). Aber gemeutert hat keiner, schließlich ist es 1892, und in der streng hierarchisch strukturierten Gesellschaft ist Kritik am Vorgesetzten kaum denkbar.

Aber wer ist der Neue überhaupt? Friedrich August Christian Erdmann, geboren am 16. März 1859 im Kreis Celle, unverheiratet, hat das Forstamt im Blut. Der Vater ist Staatsoberförster, Großvater und Urgroßvater sind Leiter der Forstinspektion Nienburg gewesen, zu der auch Neubruchhausen gehörte. Sein Onkel ist Landesforstrat. Nach dem Abitur hat er die Forstakademie besucht und praktische Erfahrungen gesammelt. Aufgefallen ist er durch „wissenschaftliches Interesse, Tüchtigkeit und Fleiß“, während er bei seiner Examina ein eher mäßiges „Genügend bestanden“ bekam.

Versetzung eigentlich eine Strafe

Dass er nach Neubruchhausen will, mag vielen merkwürdig erschienen sein, denn die Stelle ist für einen Oberförster alles andere als attraktiv. Die Kiefernwälder, die zu dieser Zeit 90 Prozent des Bestands ausmachen, sind krank und es gibt kaum Wild zum Jagen. Die Chance, dass der Kaiser mal vorbeikommt und der Oberförster sich ihm bei einer Partie anschließen kann, liegt daher bei Null. „Neubruchhausen war uninteressant, sodass die Versetzung dorthin für manchen eher eine Strafe gewesen wäre“, mutmaßt Henning Schmidtke, Leiter des Forstamtes Nienburg.

Doch Erdmann kommt freiwillig. Vielleicht, weil er dort die Möglichkeit sieht, sich auszuprobieren und seine Ideen ungestört umzusetzen. Und die sind revolutionär: Statt kahle Flächen zu bewalden oder kranke Kiefern zu roden und neue zu pflanzen, sät er Weißtannen, Fichten sowie Buchen, die er besonders mag, und pflanzt Eichen. Kurzum: Erdmann legt einen Mischwald an.

Als einer der ersten in Norddeutschland erkennt er die Bedeutung des Bodens für das Wachstum des Waldes. Er stützt sich auf die Forschungen anderer, entwickelt sie weiter oder probiert völlig Neues aus. Dabei beweist er gute Intuition und eine genaue Beobachtungsgabe. Manches geht schief, wie die Saat der Lerche, aber das Meiste gelingt.

Erdmann scheut keine Kosten und Mühen und nutzt auch seine Kontakte. Die Weißtanne holt er beispielsweise aus Süddeutschland, und um mehr Waldarbeiter zu gewinnen, lässt er die Löhne erhöhen. Selbstbewusst setzt er seine Ideen um, widmet sich völlig dem Waldbau und macht aus seinem Beruf eine Berufung. Allein lebt er in der Oberförsterei Neubruchhausen, mit Haushaltshilfe und Kutscher. „Er war eine Respektsperson“, erinnert sich Werner Albers, Vorsitzender des Heimatvereins Neubruchhausen. Als Oberförster und damit Herr über 1886 Hektar Wald, hatte Erdmann Macht, konnte entscheiden, wer dort Holz holen, Beeren sammeln oder Vieh weiden lassen durfte. Den einzigen Freizeitspaß, den er sich regelmäßig gönnte, war der Besuch des Bremer Freimarktes.

Erdmann wacht streng über sein Erbe

32 Jahre ist Erdmann im Amt. 1924 geht er in Pension und veröffentlicht zwei Jahre später eine Publikation, in der er ein Resümee über seine Arbeit zieht. Diese Veröffentlichung bringt ihm den Durchbruch. Zahlreiche Forstämter suchen seinen Rat, selbst aus dem Ausland kommen Anfragen und die Uni Minden bietet ihm einen Lehrstuhl, den Erdmann ablehnt. Das „Exil“ Neubruchhausen wird über die Reichsgrenzen hinaus bekannt, weil dort ein Konzept entwickelt wurde, das den Wald leistungs- und wirtschaftsfähig macht. Später zieht die Oberförsterei nach Schwaförden und erhält den Namen Erdmannshausen.

Und Erdmann wacht streng über sein Erbe. Als sein Nachfolger die Försterei nicht in seinem Sinne fortführt, setzt er sich dafür ein, dass der nach Syke versetzt wird, was für eine jahrelange Rivalität zwischen den beiden Förstereien sorgt.

1943 stirbt Erdmann. Doch sein Wirken klingt bis heute nach. In Erdmannshausen wird noch immer „etwas anders“ gearbeitet, bestätigt Peter Braunert, Leiter der Revierförsterei Erdmannshausen. „Wir lassen die Bäume dicker werden, haben viele Mischbestände – arbeiten einfach nahe an der Natur, nicht gegen sie.“ Erdmann sei ein Begründer des ökologischen Waldbaus. Sein Konzept wird heute als Leitlinie für sämtliche Förstereien in Niedersachsen benutzt und somit auf 33 000 Hektar Wald übertragen.

Der Oberförster wählte als letzte Ruhestätte den Ort, an dem er den Großteil seines Lebens verbrachte. Er liegt in Erdmannshausen in einem Hügelgrab. Ein Findling mit seinem Namen und seinen Daten markiert die Stelle, die von uralten Buchen beschützt wird. Seinen Lieblingsbäumen.

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