Schlagzeugschule Stick Control in Bassum schließt nach 27 Jahren

Schluss mit Bumm-Bumm

... und ist bis heute nicht davon losgekommen. Und will es auch gar nicht.
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... und ist bis heute nicht davon losgekommen. Und will es auch gar nicht.

Bassum – Es ist 1962. Christian Gornig ist acht Jahre alt und verfolgt vor dem Fernseher im elterlichen Wohnzimmer in Wedehorn gebannt die Auftritte der Beatles. Besonders fasziniert ihn die Darbietung von Ringo Starr. „So wie der mit den Händen fuchtelt, will ich das auch können“, beschließt Gornig. Bei seinen Eltern stößt dieser Wunsch nicht unbedingt auf Begeisterung. Trotzdem trommelt der Junge eifrig auf einem Kinderschlagzeug – bis der Opa seinem Enkel zwei Jahre später das erste richtige Schlagzeug schenkt.

56 Jahre sind seitdem vergangen. Aus dem eifrigen Trommler ist ein freiberuflicher Musiker geworden. Er sitzt in seiner eigenen Schlagzeugschule Stick Control in Bassum, wo er seit 19 Jahren alle Freunde der schnellen Stöcke und wummernden Drums unterrichtet. Bilder schmücken die Wände, die den Betrachter mit auf eine Zeitreise nehmen: Der Elfjährige mit braver Frisur am Schlagzeug – noch in schwarz-weiß, Fotos von Auftritten mit der Band, jetzt mit längeren Haaren und in Farbe. Und eine Collage mit Bildern von einigen seiner insgesamt etwa 1 000 Schüler.

Im Flur hängen Zeitungsartikel von Auftritten mit seinen Schützlingen bei der Aktiba, von der Samba-Gruppe der Delmewerkstätten, in der einer seiner Schüler auftrat und von Gornigs Anfängen als Schlagzeuglehrer, als seine Schüler noch in seinem Wohnzimmer in Wedehorn ein- und ausgingen. „27 Jahre“, sagt Gornig beim Betrachten der Bilder und klingt ein wenig erstaunt, als wundere er sich, wo eigentlich die Zeit geblieben ist.

Seit 27 Jahren existiert Stick Control – erst in Wedehorn dann in Bassum – die er sich damals als „zweites Standbein“ aufbaute, falls „die Auftritte mal weniger werden“. Nun ist Schluss. Gornig hat die Schule Ende Juni geschlossen und geht im August in Rente.

Doch die Sticks hängt er damit nicht an den Nagel. „Das Schlagzeugspielen hat mich immer begleitet und das wird auch so bleiben“, erklärt der 65-Jährige, der mit zwölf Jahren seine erste richtige Band gründete und im Partykeller der Eltern „rumprobierte“. Richtigen Unterricht hatte er nie. „Ich habe die Lieder einfach nachgespielt und mir alles selber beigebracht. Hin und wieder habe ich Workshops von Experten besucht, die diese auf Messen anboten und mir Tipps geholt.“

Nach der Schule lernte Gornig Schlosser. Seine Band löste sich auf, weil die Mitglieder ihre eigenen Wege gingen. Da bekam der Wedehorner die Anfrage, ob er nicht in einer Gruppe spielen wolle, die Tanz-Musik machte. „Das wollte ich gar nicht“, gesteht der 65-Jährige, der den Rock im Herzen trägt. „Aber ich ließ mich breitschlagen.“

Zwar entsprach die Musik nicht seinem Geschmack, doch bereuen musste Gornig die Entscheidung nicht. Die Auftritte waren zahlreich und wurden auch gut entlohnt. 1982 gründete er dann seine eigene Band, die einen Mix aus Standard und Rock spielte: „Dancing 82“. „Später Dancing Sound, weil der Name in den Zeitungen oft falsch geschrieben wurde“, erklärt Gornig lachend.

Mit seiner Gruppe trat er unter anderem zehn Jahre beim Twistringer Schützenfest vor 3000 Leuten auf. „Eine tolle Sache“, schwärmt Gornig.

1986 wurde er freiberuflicher Musiker. Und lernte Noten zu lesen. Auslöser dafür war „Rosanna“ von Toto. Ein Lied, das er einfach nicht nachspielen konnte. Nun musste der Schlagzeuger büffeln. Und durch den Klavierunterricht, den seine Tochter zeitgleich erhielt, kam er auf den Gedanken, sein Wissen weiterzugeben.

1993 schaltete er seine erste Anzeige und fing an, zu seinen Schülern nach Hause zu fahren. Sein Unterricht war beliebt und schon bald musste er unter anderem bis nach Kirchdorf. „Irgendwann ging das nicht mehr.“ So wurde der Unterricht ins Wohnzimmer nach Wedehorn verlegt. „So kam es, dass ich rund 30 Schüler in der Woche bei mir zuhause hatte“, erinnert sich Gornig schmunzelnd.

Da dieses Kommen und Gehen dafür sorgte, dass die eigenen vier Wände kein richtiger Rückzugsort mehr waren, zog Gornig mit seiner Familie 2001 an die Bremer Straße nach Bassum, wo es genügend Platz gab. Zwei Räume stehen dort ganz im Zeichen der Musik. Sie sind durch eine durchsichtige Scheibe miteinander verbunden. In dem einen steht ein Schlagzeug, in dem anderen thront ein großes Mischpult neben einem Computer auf dem Tisch. „Jedes Jahr habe ich meinen Schülern zu Weihnachten eine CD mit ihren Aufnahmen geschenkt“, sagt Gornig.

Dass Unterrichten hat ihm große Freude gemacht. Auf Bücher verzichtete er irgendwann und schrieb die Noten selber. „Es war schön zu sehen, wie Kinder, die mit sieben oder acht Jahren zu mir kamen und keine Ahnung vom Spielen hatten, sich immer weiter entwickelten. Einen Schüler habe ich 16 Jahre betreut.“

Gornig hat auch mal einen Vierjährigen aufgenommen. „Der konnte nur im Stehen spielen.“ Als der Kleine dann anfing, Kinderlieder von Rolf Zuckowski zu singen, überlegte sich Gornig dazu ein Konzept und ließ seine jüngsten Schützlinge künftig zu Zuckowski- Songs trommeln.

Ein Junge, der mit fünf bei ihm anfing, spielte drei Jahre später auf der Aktiba „Nothing else matters“ von Metallica. „Ich war sehr stolz“, erinnert sich Gornig.

Stolz ist er auch auf sein Konzept des gehörgeschützten Unterrichts für Akkustik-Schlagzeuge, auf das er 2006 sogar Patent angemeldet hat. „Ich hätte vielleicht Filialen unter der Marke Stick Control damit aufmachen können. Aber dann wäre ich mehr mit der Organisation als mit dem Unterricht beschäftigt gewesen.“

Gornig bedauert nichts. Höchstens das Ende von Stick Control, das er gerne anders begangen hätte. „Ich hätte gern meine Schüler zu einem Grillabend eingeladen.“ Ein paar Sachen wird er verkaufen. Doch das Schlagzeug für seine Band „Rock for you“ bleibt. Denn mit ihm will er – hoffentlich bald wieder – auf Veranstaltung die Sticks wirbeln und die Drums wummern lassen.

Von Julia Kreykenbohm

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