Kleine Schlachtbetriebe gefragt

Umfrage in der Region zeigt: Fleischer setzen auf Regionalität

Die Fleischerei Behrens aus Twistringen setzt auf Regionalität und Handwerk, wie Inhaber Volker Behrens erklärt.
+
Die Fleischerei Behrens aus Twistringen setzt auf Regionalität und Handwerk, wie Inhaber Volker Behrens erklärt.

Landkreis – 126 Likes, ein überraschter Smiley, einer, der ein Herz umarmt. Außerdem 21 Kommentare. Reinhard Berlins Facebook-Post in der Bassumer Facebook-Gruppe sorgt für Diskussionen. „Aus aktuellem Anlass habe ich bei der Fleischerei Behrens (Fleischtheke bei Inkoop) mal nachgefragt, woher die denn ihr Fleisch beziehen. Die Antwort von Volker Behrens hat mich überzeugt“, schreibt Berlin.

Den Reaktionen nach ist er nicht der Einzige, der sich seit den jüngsten Kritiken an der Großschlachterei Tönnies fragt, woher das Fleisch kommt, das wir regelmäßig kaufen. Recherchen im Landkreis Diepholz zeigen jetzt: Viele Fleischer sprechen gerne über die Herkunft ihres Fleisches – und das kommt nicht von Tönnies.

Ein Besuch bei dem, dessen Antwort Reinhard Berlin überzeugt hat. Geschäftsführer Volker Behrens steht hinter der Fleischtheke im Inkoop Bassum. Vor ihm auf der Glasscheibe ist in großen Buchstaben zu lesen: SIFRI. Was das bedeutet, hat Behrens bereits bei der Terminabsprache am Telefon erklärt. „Sicherheit und Frische“ seien das A und O bei seinem Betrieb. „Wir haben immer schon in der Region gearbeitet und nie mit den Großen zusammen“, erläutert Behrens.

Schlachterei Brand: Tiere höchstens 40 Kilometer weit angeliefert

Konkret heißt das: Rund 90 Prozent des Fleisches an den sieben Behrens-Verkaufsstellen im Landkreis Diepholz und in Bremen stammen von der Schlachterei Brand aus Lohne. Die würden ihre Bauern kennen und die Tiere nur aus einem Umkreis von maximal 40 Kilometern beziehen, so Behrens. Leiharbeiter, wie sie etwa bei Tönnies eingesetzt werden, habe es dort noch nie gegeben, ist er überzeugt.

Außergewöhnlich findet Behrens das allerdings nicht. „Das ist klassisches Fleischerhandwerk“, findet er und verweist auf seine Erklär-Videos auf dem YouTube-Kanal „Behrens informiert“.

Obwohl er nach eigenen Worten schon immer einen Bogen um Großschlachter wie Tönnies gemacht hat, lehne er solche Betriebe nicht pauschal ab: „Per se verurteilen will ich das nicht“, so Behrens. Groß heiße nicht automatisch schlecht, genau wie klein nicht automatisch gut heiße. Und dennoch: „Wir merken gerade, wie wichtig eine dezentrale Lebensmittelversorgung ist.“ Zu seiner Schulzeit habe es noch rund 111 Fleischer in der Region gegeben, heute seien es nur noch 20.

Schlachtbetrieb Brand bekannt für hohe Transparenz

Einer von ihnen steht rund 20 Kilometer südwestlich in Barnstorf hinter seiner Fleischauslage. Dirk Keßler bezieht seine Ware ebenfalls vom Schlachtbetrieb Brand. Der stehe für besonders hohe Transparenz, so der Fleischerei-Inhaber.

Keßler schwört bei seinem Angebot vor allem auf Aktivstall-Schweine aus Offenstallhaltung. Vorteile der besonderen Haltungsart sieht der Fleischer neben dem gesteigerten Tierwohl auch in der besseren Fleischqualität. „Durch das natürliche Futter und den hohen Grad an Aktivität wird das Fleisch der Schweine kräftiger und auch zarter.“ Das Besondere an der Offenstallhaltung sei zudem, dass die Schweine frei zwischen verschiedenen Bereichen, in denen sie sich aufhalten, wählen können. „Wir stehen 150 Prozent dahinter“, betont Keßler.

Weiter geht es im Norden des Landkreises. In den Supermärkten Rewe und Famila in Syke gibt es viele Fleisch- und Wurstwaren an der Frischetheke, aber wenig Antworten auf die Frage nach der Herkunft des Fleisches. In beiden Fällen wird an die Pressestelle verwiesen.

Rewe-Group bleibt in ihrem Antwortschreiben vage

Gesagt, getan. Die Rewe-Group bleibt in ihrem Antwortschreiben vage. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu den Fragen nach Schlachthöfen und dem Verkauf von Tönnies-Fleisch nicht äußern möchten“, heißt es. Bei den Eigenmarken dürfe man aus kartellrechtlichen Gründen keine Vorlieferanten benennen. Stattdessen wird auf die strengen Kontrollen dieser verwiesen.

Zum Thema Werkvertragsunternehmen heißt es, bei der Rewe-Tochter Wilhelm Brandenburg seien zur Zeit lediglich acht Prozent der Angestellten Leiharbeiter. Es werde jedoch daran gearbeitet diese „im Branchenvergleich schon sehr niedrige Quote“ weiter zu reduzieren. Mit Blick auf die Corona-Pandemie seien darüber hinaus alle Mitarbeiter in Gemeinschaftsunterkünften frühzeitig über die Verhaltensregeln aufgeklärt worden.

Expliziter, zumindest bei der Herkunft des Fleisches, wird die Pressestelle von Famila Nordwest. „Famila Syke bekommt den Großteil seines Fleisches über die Firma Böseler Goldschmaus aus Garrel. Wurstwaren kaufen wir bei verschiedenen nationalen und regionalen Lieferanten“, heißt es dort. Bei der Eigenmarke Goldmarie spiele die Regionalität eine große Rolle, die Vorlieferanten seien dem Unternehmen allesamt bekannt.

Frischetheken in Supermärkten - für Jan Schütte ein No-Go

Jan Schütte wirkt erschöpft und resigniert, wenn er über die Frischetheken der Supermärkte spricht. Der Fleischermeister kennt das Prinzip dahinter, hat er doch viele Jahre selbst an einer dieser Theken gearbeitet. Heute ist er selbstständig mit der Fleischerei Beuke in Syke – und er lässt kein gutes Haar an seinen ehemaligen Arbeitgebern. Der Vorwurf: Die immer marktbeherrschenderen Ketten würden es kleinen Fleischern mit ihrer Preispolitik schwer machen, zu überleben. Frischetheken, betrieben von regionalen Metzgereien, kämen praktisch nicht mehr vor. Hinzu komme aktuell ein großer Personalmangel in der Branche.

Ein Satz, den der 51-Jährige mit Blick auf die aktuelle Situation schließlich immer wieder sagt: „Das ist nichts Neues.“ Sei es die Vogelgrippe, BSE oder die Maul- und Klauenseuche: Jedes Mal sei die Aufregung für einige Wochen groß, nur um dann wieder folgenlos zu verpuffen. Ob ihn die Zustände bei Tönnies überrascht hätten? „Null“, antwortet Schütte und wirkt dabei, als hätte er das alles schon tausendmal erzählt.

Und woher bezieht die Fleischerei Beuke ihre Waren? Vom Schlachtbetrieb Pleus aus Stuhr. Der sei inhabergeführt und würde keine Leiharbeiter einsetzen, so Schütte. Auch dort gebe es aber Personalengpässe. Wer wolle denn heute noch Tiere schlachten oder Wurst verkaufen, wo doch alle studieren gehen?, so der Fleischer.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Was Sie zu Berufskrankheiten wissen müssen

Was Sie zu Berufskrankheiten wissen müssen

Wie werde ich Winzer/in?

Wie werde ich Winzer/in?

Grüne rücken erstmals an die Spitze großer NRW-Städte

Grüne rücken erstmals an die Spitze großer NRW-Städte

Wie das Reisen immer schneller wurde

Wie das Reisen immer schneller wurde

Meistgelesene Artikel

Hobbyimker Manuel Finkenstädt bietet Bienen-Produkte kontaktlos an

Hobbyimker Manuel Finkenstädt bietet Bienen-Produkte kontaktlos an

Hobbyimker Manuel Finkenstädt bietet Bienen-Produkte kontaktlos an
Glücksspielsucht: Betroffener erzählt - und wünscht sich Selbstsperren in Spielhallen

Glücksspielsucht: Betroffener erzählt - und wünscht sich Selbstsperren in Spielhallen

Glücksspielsucht: Betroffener erzählt - und wünscht sich Selbstsperren in Spielhallen
Von Bauerngolf bis Bienenhonig - viel Abwechslung beim Tag der Regionen

Von Bauerngolf bis Bienenhonig - viel Abwechslung beim Tag der Regionen

Von Bauerngolf bis Bienenhonig - viel Abwechslung beim Tag der Regionen

Kommentare