Wo Besucher ihr blaues Wunder erleben

Sabrina Schuhmacher aus Bramstedt übernimmt historische Blaudruckerei in Jever

Sabrina Schuhmacher hat die Blaudruckerei in Jever übernommen.
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Sabrina Schuhmacher hat die Blaudruckerei in Jever übernommen.

Bramstedt/Jever – Oft sind es ja die kleinen Begegnungen, die Großes im Leben verändern. So wie bei Sabrina Schuhmacher aus Bramstedt und Georg Stark aus Jever. Sie war 23 Jahre alt und bereitete sich auf ihre Abschlussprüfung an der Fahmoda, Akademie für Mode und Design, vor. Er war fast 70 und betrieb eine Blaudruckerei. Eine von insgesamt acht in Deutschland, wobei die meisten nur noch Museen sind.

Die Druckerei von Stark ist hingegen noch voll in Betrieb, bringt Besuchern das alte Handwerk näher und verkauft die Erzeugnisse – auch gern auf Bestellung. Das macht sie zu einem Aushängeschild in Jever.

Und auch Sabrina Schuhmacher war begeistert, als sie im vergangenen Jahr dorthin reiste. Der Anlass: Sie musste als Abschlussprüfung eine Modekollektion vorbereiten. Und darin fanden sich auch Blaudruckstoffe, denn Schuhmacher liebt es, Traditionelles mit Modernem zu mixen.

Sie wollte zudem in einem Video die Arbeit der Blaudruckerei vorstellen – und ließ sich davon faszinieren. Stark zeigte ihr seine Werkstatt, die er vor 35 Jahren aus dem Nichts aufgebaut hatte und erwähnte, dass er einen Nachfolger suche. Ein Satz, der Schuhmacher nicht mehr aus dem Kopf ging. Den ganzen Sommer dachte sie darüber nach. Im September stellte die frischgebackene Modedesignerin ihre Kollektion noch beim Wollzirkus auf dem Gelände der Freudenburg aus (wir berichteten) – und fällte schließlich die Entscheidung: Ich mach’s!

Nach einer dreimonatigen Einarbeitung übernahm die junge Bramstedterin Anfang Februar die Blaudruckerei in Jever. Bereut hat sie ihre Entscheidung bis heute nicht. Doch was ist eigentlich das Faszinierende am Blaudruck?

„Wie früher wird alles per Hand gemacht. Der weiße Stoff wird mithilfe von Druckstöcken, den sogenannten Modeln, bedruckt. Wir haben florale Muster aus verschiedenen Epochen wie Barock oder Biedermeier“, schildert Schuhmacher. „Besonders beliebt ist das sogenannte Zwiebelmuster, das eigentlich ein Granatapfel ist.“ Die meisten der etwa 700 Modeln sind Originale, weil Stark sie aus aller Welt zusammengekauft hat.

„Mit ihnen wird eine grünlich-klebrige Masse auf den weißen Stoff aufgedruckt: der sogenannte Druckpapp. Diese etwa 350 Jahre alte Rezeptur besteht aus Gummi arabicum, Tabakpfeifenerde, Vitriol, Spangrün, Alaun und Galitzenstein und wirkt als schützende Reserve vor der künftigen Farbe auf dem weißen Tuch, wie eine Art Wachs.“

Die anschließende Blaufärbung geschieht in der Indigo-Küpe. Der bedruckte Stoff wird auf einen eisernen Kronreifen gespannt und bis zu zehn Mal in den Färbebottich getaucht, bis die gewünschte Farbtiefe erreicht ist.

„Beim Färben mit Indigo erlebt der Zuschauer dann sein ,blaues Wunder’, so sagen wir“, erklärt Schuhmacher und lacht. „Denn der Stoff wird innerhalb weniger Minuten erst gelb, dann grün und schließlich blau, weil die Farbe an der Luft oxidiert.“ Danach wird der anfangs aufgedruckte Papp abgewaschen, und das weiße Muster erscheint auf blauem Grund.

Aus Leinen, Baumwolle, Samt und Seide werden in Jever nun unter Schuhmachers Regie Kissen, Tischdecken, Servietten, Tücher, Gardinen, aber auch Bekleidungsstücke hergestellt und im dazugehörigen Laden verkauft.

„Wir bedrucken auch ganz altes Leinen, welches noch handgewebt ist und so gar nicht mehr hergestellt wird. Deswegen ist es eine kleine Kostbarkeit“, schildert Schuhmacher. „Wenn Kunden selbst noch altes Leinen zuhause liegen haben, zum Beispiel von der Mutter oder Oma, dann bedrucken wir dieses auch für sie. Die meisten wissen gar nicht, was sie damit anfangen sollen. Zum Wegtun ist es viel zu schade, und mit dem Blaudruck bekommt es eine ganz tolle Wirkung.“

An diesem Platz wird der Stoff gefärbt.

Schuhmacher selbst hat auch Leinen aus Bassum und Bramstedt von ihren Verwandten mit nach Jever genommen, um sie jetzt zu bedrucken. Bis die Produkte verkaufsfertig sind, vergehen bis zu sechs Wochen.

„Diese Technik kam vor etwa 400 Jahren aus Indien nach Europa“, so Schuhmacher. Überall gab es Blaudruckereien. Die Stoffe waren anfangs recht teuer und schmückten die Häuser des Adels. Mit Beginn der Industrialisierung verschwanden die Werkstätten und viele Modeln wurden verbrannt.

Schuhmacher freut sich, nun ihren Teil dazu beitragen zu können, dass dieses alte Handwerk weiterlebt. Ein Mitarbeiter und eine Näherin stehen ihr zur Seite. Schuhmachers Aufgabe ist das Färben und Drucken sowie die Buchhaltung.

Und wenn Corona es wieder erlaubt, möchte sie auch gern Besuchergruppen die Kunst des Blaudrucks näherbringen. Das Interesse sei in jedem Fall da. „Wir sind sogar von der Unesco als Weltkulturerbe ausgezeichnet worden“, sagt Schuhmacher.

Vor allem florale Muster finden sich in der Druckerei.

Was der jungen Modedesignerin, die auch einen Gesellenbrief als Maßschneiderin für Damen besitzt, zurzeit etwas fehlt, ist die Arbeit mit Nadel und Faden und das Designen. Ihr Plan ist, den Bereich Kleidung der Druckerei etwas weiter auszubauen und die Kleidungsstücke zu modernisieren. „Den Charme der Werkstatt möchte ich in jedem Fall erhalten. Aber ich will auch frischen Wind hineinbringen und das Sortiment um moderne Produkte erweitern.“

Schuhmacher ist in Jever angekommen. „Fühlt sich schon an wie Zuhause“, sagt die ehemalige Bramstedterin, die das Leben auf dem Land liebt, und lacht.

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