Russische Sicht der Flüchtlinge in Deutschland prägt „Mahl des Handwerks“/ Journalist reflektiert Medien und Putins Politik

„Bakteriologische Bomben“

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Boris Reitschuster setzt sich beim „Mahl des Handwerks“ mit Putins Politik in Syrien auseinander.

Neubruchhausen - Von Anke Seidel. „Unser Herz ist weit, doch unsere Möglichkeiten sind endlich.“ An dieses Zitat des Bundespräsidenten Joachim Gauck zum nicht enden wollenden Flüchtlingsstrom erinnerte Kreishandwerksmeister Matthias Wendland beim „Mahl des Handwerks“ im Neubruchhauser Hotel „Zur Post“. Chancen einerseits, aber enorme Herausforderungen andererseits prägten die traditionelle Veranstaltung mit rund 150 Vertretern des öffentlichen Lebens.

Sie staunten über die russische Sicht der Flüchtlinge in Deutschland, die ihnen der Journalist Boris Reitschuster nahe brachte. Als „bakteriologische Bomben“ würden russische Medien die Flüchtlinge bezeichnen, so Reitschuster. Der 44-Jährige war 16 Jahre Leiter des Moskauer Büros von Focus – und las seinen Zuhörern in Neubruchhausen folgende Nachrichten der „russischen BILD-Zeitung“ vor: „Die Arbeitslosigkeit in Deutschland beträgt 70 Prozent. Lehrstellen bekommen an erster Stelle Flüchtlinge. Bücher werden wieder verbrannt.“ Es waren abwegige, bizarre Schlagzeilen, die für ungläubiges Kopfschütteln im Saal sorgten: „Die Idiotie der Deutschen kennt keine Grenzen ... In Deutschland gilt ein Versammlungsverbot, mehr als drei Menschen dürfen nicht zusammenstehen.“

Regierungschef Putin, so Reitschuster, rase „mit Siebenmeilenstiefeln zurück in die Vergangenheit“ – in eine Zeit der Willkür, Verfolgung und großer Angst, die den Menschen noch heute in den Knochen stecke. Der Journalist charakterisierte das heutige Russland als einen Staat der „Friedhofsruhe und Scheinstabilität“, in dem Gesetze keine Rolle spielen – wohl aber Beziehungen.

„Das System wird von der Angst zusammengehalten und wird auseinanderbrechen, wenn Putin weg ist“, prophezeite Reitschuster – und war fest überzeugt: „Wir werden den Zusammenbruch dieses Kolonialreiches noch erleben!“

Zurzeit habe Putin die Absicht, Europa wirtschaftlich unter seine Kontrolle zu bringen: „Die Destabilisierung Europas ist eines seiner großen Ziele.“ Deshalb finanziere er in Deutschland sowohl rechts- als auch linksextreme Parteien. Sein Ziel der Schwächung Europas präge auch seine Politik in Syrien. Russland als großer Akteur auf der Weltbühne und als Schutzmacht – darum gehe es Putin ebenso, „auch Öl spielt eine Rolle“.

Und was hat Deutschland dagegenzusetzen? „Ich bin entsetzt, wie naiv Deutschland geworden ist“, schickte Reitschuster vorweg, der 16 Jahre in Moskau gelebt hatte. Er forderte „etwas mehr Adenauer und etwas weniger Schröder“. Letzterer habe während seiner Tätigkeit für Gazprom Putin 7,1 Milliarden Euro erlassen. „Geschenkt ... Ihr Geld. Warum redet darüber niemand?!“, fragte der Referent. Ihm werde Angst und bange, weil die überregionale Presse nicht mehr so funktioniere wie sie müsse. „Die Regionalzeitungen nehme ich dabei ausdrücklich aus“, betonte Reitschuster. Die Menschen in Deutschland müssten sich auf alte Werte besinnen, forderte er – und nannte ausdrücklich Demokratie und Freiheit: „Wenn wir das alles für selbstverständlich nehmen, dann habe ich Angst, dass wir in die falsche Richtung gehen.“ Die Menschen, die nach Deutschland kommen und hier Schutz suchen, hatte zuvor der Kreishandwerksmeister in den Blick genommen – und daran erinnert, dass der Staat bereits zwölf Milliarden Euro für Flüchtlinge ausgegeben habe. Tendenz steigend. Zwar hätten insbesondere Menschen aus Syrien und dem Irak berufliche Qualifikationen und 40 Handwerksbetriebe hätten sich bereit erklärt, Praktikumsplätze anzubieten: „Aber ohne ausreichende Sprachkenntnisse geht das nicht.“ Viele Flüchtlinge hätten keine berufliche Bildung, könnten nicht schreiben. „Soll dieses Klientel von Sozialhilfe leben?“, fragte Matthias Wendland.

Landrat Cord Bockhop sprach von einer Flüchtlingsbewegung in historischem Ausmaß und rechnete vor, dass der Landkreis ein Vielfaches der prognostizierten Menschen werde aufnehmen müssen. Allen Bürgern und Initiativen, die sich für die Betreuung von Flüchtlingen einsetzen, zollte er seine Anerkennung. Das Handwerk schloss er mit ein und bezeichnete die Qualifizierung von Flüchtlingen als „Investition mit unbekannter Rendite“. Ein brandaktuelles Thema, erklärte Ralf Finke, Vorstand der Kreissparkasse Diepholz. Sie war mit der Kreishandwerkerschaft Gastgeberin des Abends.

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