Rudi Bergfeld aus Neubruchhausen:

Zu krank für die Reha, zu gesund für Pflege

Jeden Tag geht Rudi Bergfeld auf Krücken von seinem Haus zur Gaststätte Zur Quelle in Hallstedt, um seine Kraft und Beweglichkeit zu trainieren.
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Jeden Tag geht Rudi Bergfeld auf Krücken von seinem Haus zur Gaststätte Zur Quelle in Hallstedt, um seine Kraft und Beweglichkeit zu trainieren.

Neubruchhausen - Von Frauke Albrecht. 45 Minuten benötigt Rudi Bergfeld, um von seinem Haus an der Hauptstraße in Neubruchhausen zur Gaststätte Zur Quelle in Hallstedt zu kommen – zu Fuß auf Krücken. Die 2,9 Kilometer geht er täglich. Und jeden Tag geht es ein kleines bisschen besser. Rudi Bergfeld ist eine Kämpfernatur. Er kämpft sich zurück ins Leben.

Ein Gehirntumor hat den 50-Jährigen aus der Bahn geworfen. Als wäre das nicht genug, fühlt er sich vom deutschen Gesundheitssystem allein gelassen – als Spielball der Versicherungen und Behörden. „Jeder schiebt dem anderen den Schwarzen Peter zu“, sagt Bergfeld. Er sei zu krank für eine Reha, aber zu gesund für die Pflege. „Das passt nicht“, findet auch sein Hausarzt Dr. Christoph Lanzendörfer.

Der nicht enden wollende Albtraum beginnt vor einem Jahr. Rudi Bergfeld geht mit einem Tinnitus zum Hals-Nasen-Ohrenarzt. Der stellt einen Gehirntumor fest.

Bergfeld wird Anfang November an die Medizinische Hochschule in Hannover verwiesen. Der Tumor ist gutartig, muss aber raus. OP-Termin soll der 30. Dezember sein. Doch der wird ohne Angaben von Gründen kurz vorher abgesagt. Neuer Termin: 30. Januar. „Wieder wird die Operation eine Woche vorher ohne Angaben von Gründen abgesagt. Der absolute Horror“, erinnert sich Bergfeld.

Als er trotz mehrfacher Nachfragen Mitte Februar immer noch keinen neuen Termin erhält, sucht er seinen Hausarzt auf. Dr. Lanzendörfer reagiert sofort und macht einen Termin für seinen Patienten im Klinikum Bremen-Mitte. Rudi Bergfeld wird am 7. März erfolgreich operiert.

Dennoch ist danach nichts wie vorher. Er ist halbseitig gelähmt, auf einem Auge blind, auf einem Ohr taub, er kann nicht laufen und nur mühsam sprechen.

Zehn Tage später kommt Bergfeld zur Reha nach Gyhum. „Ich war völlig neben der Spur. Meiner Meinung nach war es viel zu früh für eine Reha.“

Er kann ohne Hilfe das Bett nicht verlassen, lernt mit der Zeit in den Rollstuhl zu klettern – dann bekommt er Fieber. „Im Befund des Arztes soll Blasenentzündung gestanden haben“, sagt Bergfeld. „Mir hat man gesagt, er hat eine Lungenentzündung“, berichtet seine Frau Rita.

Eine weitere Erinnerung ist ihm ins Gedächtnis gebrannt: „Wenn man noch nicht alleine zur Toilette kann, 45 Minuten im Rollstuhl auf Hilfe wartet und man schließlich nicht mehr warten kann, dann weiß man, dass die Einsparungen im Gesundheitssystem zu weit gehen.“

Langsam kommt Bergfeld auf die Beine. Die Reha soll verlängert werden bis zum 24. Juni. Das hat er schriftlich. Doch am 6. Juni heißt es plötzlich, dass er am nächsten Tag raus müsse. Der Kostenträger wolle nicht weiter zahlen.

„Ich bin quasi mit dem Rollator vor meinem Haus abgestellt worden“, sagt Bergfeld. Es ist Samstag vor Pfingsten. Drei lange Tage bis er sich bei seinem Hausarzt vorstellen kann. Bergfeld benötigt Hilfe beim Toilettengang, beim Duschen und vielen anderen Dingen – er wiegt 150 Kilogramm, seine Frau 50 Kilo.

Dann beginnt der Papierkrieg. Die Krankenkasse fordert ihn auf, einen Antrag auf Leistung zur Reha bei der Rentenversicherung zu stellen. Die Rentenversicherung lehnt den Antrag ab. Man gehe davon aus, dass er seine Erwerbsfähigkeit nicht wiedererlangen werde. Der 50-Jährige ist Lkw-Fahrer.

Bergfeld legt Widerspruch ein, wieder wird der Antrag abgelehnt – die Begutachtung basiert auf den Berichten der Mediziner von Juni. Zu dem Zeitpunkt konnte er kaum etwas.

Dr. Lanzendörfer hält die Reha-Maßnahme für unbedingt notwendig. „Nach der OP ging es darum, die Fähigkeiten wieder zu erlernen, nun müssen die Fertigkeiten geschult werden, zum Beispiel die Beweglichkeit von Armen und Beinen.“

Seiner Meinung nach könne Rudi Bergfeld zwar nicht mehr als Lkw-Fahrer arbeiten. Aber er sei nicht arbeitsunfähig, selbst wenn eine Beeinträchtigung bleibe.

Doch die Rentenversicherung bleibt bei der Ablehnung – verweist auf die Krankenkasse. Die schlägt eine Verrentung vor. Da der 50-Jährige lange Jahre selbstständig war und in dieser Zeit nichts in die Rentenkasse eingezahlt hat, kommt für Bergfeld eine Verrentung nicht in Frage.

Er stellt einen Antrag auf Pflegegeld. Doch der Medizinische Dienst weist die Pflegestufe 1 ab. Bergfeld benötigt 31 Minuten für die Grundpflege. Es müssten aber mindestens 45 Minuten sein, um die Pflegestufe 1 zu erhalten.

„Ein Urwald an Vorschriften und Verordnungen. Keiner ist zuständig, jeder Antrag wird zuerst abgelehnt. Irgendwann ergibt man sich in sein Schicksal“, schreibt er in sein Krankentagebuch.

Doch Bergfeld will nicht aufgeben. Er wendet sich an unsere Zeitung. Nach unzähligen Nachfragen und Telefonaten unsererseits bewilligt die AOK eine weitere Reha-Maßnahme.

Rudi Bergfeld hätte sich einen leichteren Weg gewünscht. „Eine Schnittstelle fehlt, die zwischen Patient und Versicherungen vermittelt“, sagt er. Ein erster Schritt dahin könne eine Art Selbsthilfegruppe sein. Wer mit ihm in Kontakt treten möchte: rudi.bergfeld@gmx.de

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