Roman R. hat eine Stelle – und darf sie nicht annehmen

Arbeitswilliger darf nicht arbeiten

Bassum - Von Anke Seidel. Alles könnte so schön sein: Ein Arbeitsangebot als Lkw-Fahrer hat der 57-jährige Roman R. schon in der Tasche. Mit dem Gehalt könnte der gebürtige Pole das Familienhäuschen weiter abbezahlen sowie Frau und Kinder unterstützen – doch annehmen darf der Arbeitswillige die Stelle nicht. Weil er als voll erwerbsgemindert gilt, hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) Veto eingelegt. Der gelernte Kraftfahrzeug-Mechaniker ist verzweifelt: „Rente bekomme ich ja auch nicht!“

Einmal dazu verdammt zu sein, maximal drei Stunden am Tag arbeiten zu dürfen, das hätte sich R. nicht vorstellen können. Obwohl er zwei abgeschlossene Berufsausbildungen hat (Kfz-Mechaniker sowie Koch) und einen Lkw-Führerschein besitzt, darf er keine attraktive Stelle annehmen – weil er weder vermittelbare Arbeitskraft noch Rentner ist. Es war ein Unfall, der den 57-Jährigen in diese Lage brachte.

20. Juni 2011: R. ist bei einer Bremer Firma angestellt. Als er an diesem Sonnabend einen schweren Abfall-Eimer heben will, stürzt er so unglücklich, dass drei Halswirbel brechen. Davon spürt R. zunächst nichts. Das Wochenende verbringt er zu Hause. „Am Montag bin ich beim Aufstehen zusammengebrochen“, sagt er. Seine Frau habe ihn zum Arzt geschleppt – und der ihn sofort ins Krankenhaus überwiesen. Drei Titan-Platten setzen die Ärzte in seine Wirbelsäule ein. Den Unfall als Arbeitsunfall anzumelden, daran habe er nicht gedacht, so der gebürtige Pole: „Das hat mir auch keiner gesagt!“ 72 Wochen bezieht er Krankengeld. Weil in dieser Zeit sein Arbeitsvertrag mit der Bremer Firma ausläuft, meldet er sich bei der Bundesagentur für Arbeit: „Die hat mich dann zum Gutachter geschickt.“ Der stellt fest, dass R. voll erwerbsgemindert ist. Die Agentur für Arbeit stellt ihre Leistungen ein. Geld habe er seitdem nicht mehr bekommen, klagt der Bassumer.

Nach einem kräftezehrenden, erfolglosen Schriftwechsel mit den Behörden plagen ihn starke Existenzängste. R. verweist auf ein Schreiben, das er von der BA erhalten hat: „Wie bereits mitgeteilt, sind Sie nicht arbeitslos, weil Sie aufgrund einer Minderung Ihrer Leistungsfähigkeit der Arbeitsvermittlung nicht zur Verfügung stehen, Sie sind voll erwerbsgemindert. Dies hat auch der Rententräger zwischenzeitlich festgestellt.“ Als zynisch empfindet der 57-Jährige die weitere Feststellung in dem Schreiben: „Auf eine tatsächliche Rentenbewilligung kommt es hierbei nicht an.“

Exakt 48 Euro und 94 Cent monatlich, so die Rentenversicherung in einem Schreiben an R., würde die Erwerbsminderungsrente betragen. Dann kommt ein weiterer Brief: Anspruch auf das Geld hat er nicht, teilt ihm die Rentenversicherung nun mit: Der gebürtige Pole erfüllt die vorgeschriebene Wartezeit von 60 Monaten nicht. Roman R. kann nur 48 Monate vorweisen. Dass er zuvor 35 Jahre in Polen gearbeitet habe, das zähle offenbar nicht, sagt der Bassumer verbittert – und fragt sich, wie es nun weitergehen soll. Weil seine Frau berufstätig ist, bekomme er auch keine Leistungen aus Hartz IV. Ihr Verdienst reiche aber für den Abtrag des Hauses nicht. Doch dass der Traum vom Eigenheim zerplatzt, will Roman R. nicht hinnehmen. Und arbeiten.

Gesundheitlich traut er sich den Beruf des Kraftfahrers unbedingt zu. Er besitzt nicht nur einen Lkw-Führerschein, sondern hat auch besagtes Stellenangebot. Deshalb hofft er auf ein Einlenken der BA. Doch ohne ein neues Gutachten dürfte das schwierig werden: Wenn die volle Erwerbsminderung festgestellt worden sei, dürfe der Betroffene nicht vermittelt werden, beschreibt Bernd-Uwe Metz als Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Verden die Rechtslage.

„Wenn ich Rentner wäre, dürfte ich noch arbeiten“, sagt R. verbittert. Wie kann er diesen Status erreichen? „Jeder Fall ist anders“, so Tobias Rüger, Sozialberater beim SoVD (Sozialverband Deutschland), auf Anfrage. Grundsätzlich gelte aber: „Es gibt ein deutsch-polnisches Rentenabkommen. Es besteht die Möglichkeit, bei der Rentenversicherung einen Antrag zu stellen, damit die Arbeitszeiten in Polen hier anerkannt werden.“

Rubriklistenbild: © dpa

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