Rene Müllers Buch über Alkoholismus

Wenn Sucht stärker ist als Liebe

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Rene Müller liest bei der Frankfurter Buchmesse 2014.

Bassum - Von Maik Hanke. Als Rene Müller durch das Schlüsselloch seiner Wohnung ins Innere linst, ist er sich nicht sicher, ob das, was er sieht, Wirklichkeit oder ein Traum ist. Auf dem Boden liegt seine Lebensgefährtin. Nackt. Zusammengekrümmt. Regungslos.

Es ist eine Schlüsselszene in Müllers Werk „Stärker als die Liebe“ (August von Goethe Literaturverlag). Darin beschreibt der Bassumer den aussichtslosen Kampf um seine alkoholkranke Freundin Nelly.

Der Schlüssel steckt von innen, Müller kommt nicht in die Wohnung. Er ruft, hämmert gegen die Tür – keine Reaktion. Über ein gekipptes Fenster bricht er in die eigene Wohnung ein. Er prüft Nellys Puls. Sie lebt noch. Auf dem Küchentisch findet Müller eine leere Flasche Weinbrand. „Da habe ich begriffen, dass wir Hilfe brauchen“, sagt er heute.

Rene Müller ist ein Pseudonym. Seinen richtigen Namen will der Autor nicht in der Zeitung verraten, um die Menschen in seinem Umfeld zu schützen. Bisher weiß niemand außer seiner heutigen Frau von dem Buch. Aber Müller findet, dass es an der Zeit ist, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu treten. Um anderen zu helfen.

Nach einem schweren Arbeitsunfall landet Müller 1975 in einem Krankenhaus der Region. Dort verliebt sich der Techniker in seine Krankenschwester, die er im Buch Nelly nennt. Für sie verlässt er sogar seine Familie. Erst nach drei Jahren, als er mit Nelly zusammenzieht, merkt er, dass seine Traumfrau ein schweres Alkoholproblem hat.

Bereits 1992 hatte Müller seine Erinnerungen aufgeschrieben. Für sich, um das Erlebte zu verarbeiten. 20 Jahre später kramte er sein Manuskript nochmal hervor, überarbeitete es und gab es einem Verleger. Vergangenes Jahr ist das Buch erschienen. Noch im gleichen Jahr las er daraus bei der Frankfurter Buchmesse.

Müller hat ein drastisches Buch geschrieben. Schonungslos schildet er die zum Scheitern verdammte Partnerschaft aus seiner Sicht. „Hitchcock-Geschichten“, sagt Müller, habe er erlebt. Wie seine Frau nach einem Mix aus Alkohol und Entgiftungstabletten halluziniert, wie sie die Haustür einschlägt oder sich mit unbändiger Kraft mit ihm in den Ringkampf stürzt, um an Alkohol zu gelangen.

Rene Müller will mit seinem Buch helfen und ist bereit, Lesungen zu halten (Kontakt über seinen Verlag). Er richtet sich vor allem an Alkoholiker. Denn das Buch geht nicht gut aus.

„Ich habe geglaubt, dass unsere Partnerschaft das heilen könnte. Ich wollte nicht glauben, dass es etwas Stärkeres als die Liebe gibt.“ Er hatte sich geirrt. Die Sucht war stärker. Müller kämpfte, unterstützte Nelly bei allen möglichen Reha-Angeboten. Aber nichts half. Nach knapp zehn Jahren Beziehung zog Müller die Reißleine. Er verließ Nelly, um sich zu schützen.

Jahre später erfuhr Müller, dass Nelly Anfang der 2000er gestorben war. „Bei ihr war alles kaputt – alles, was Alkohol kaputt machen kann.“

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