Nicht auf Angebote warten

Rena Ziegler: Urlaub für behinderte Kinder möglich – wenn Eltern kreativ sind

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Rena Ziegler und Heiner Herholz in ihrem Haus in Högenhausen. 

Landkreis Diepholz – Menschen mit Behinderung haben es im Landkreis schwer, begleitet in den Urlaub zu fahren. Das ist die Kernthese des Artikels „Urlaub mit Beeinträchtigung“, der am 2. Januar auf dieser Seite erschienen ist. Noch am selben Tag meldete sich Rena Ziegler aus Högenhausen nahe Bassum in der Redaktion. Sie hatte an mehreren Stellen Ergänzungen zu dem Artikel. Im Interview erklärt sie diese nun. Die Fragen stellte Luka Spahr.

Frau Ziegler, welche Erfahrung haben Sie bei der Freizeitgestaltung von Menschen mit Behinderung gemacht?

Mein Mann und ich haben selbst einen behinderten Sohn: Rasmus. Der verreist eigentlich seit dem 15. Lebensjahr. Wir haben damals aber schnell gemerkt, dass die Art von Reise (Anm. d. Red.: Jugendreisen für Behinderte, die unter anderem von Heinfried Schumacher angeboten wurden) nicht das Richtige für Menschen mit Beeinträchtigungen ist. Man kann zwar mit jungen Menschen, aber nicht mehr mit 50-, 60-Jährigen in die besuchten Einrichtungen fahren. Die können nicht mehr in Etagenbetten schlafen, und die können auch nicht mehr an Gartentischen in einem engen Raum essen. Daraufhin haben wir der Awo vorgeschlagen, dass wir gerne eine andere Form der Reise anbieten wollen: in einem Hotel oder Ferienhaus, das auch Menschen ohne Behinderung nutzen.

Das Problem bei den meisten Anbietern ist, dass die auch immer Kosten haben, die oft umgelegt werden auf die Reisenden. Das ist auch zu verstehen. Wenn man qualifizierte Kräfte haben will, dann kosten die entsprechend Geld. Da kommt jetzt die Verhinderungspflege ins Spiel. Diese steht jedem Menschen mit einem Pflegegrad zu. Das sind ungefähr 1 600 Euro im Jahr. Und zusätzlich, wenn das Geld nicht reicht, kann man noch die Kosten, die für Kurzzeitpflege entstehen würden – das sind auch ungefähr 1 600 Euro –, zur Hälfte für die Verhinderungspflege nutzen. Das haben wir dann auch bei unseren Reisen gemacht. Insgesamt haben wir am Ende fünf- oder sechsmal eine Reise über die Awo organisiert.

Was glauben Sie, warum die Awo Reisen für Menschen mit Behinderung wahrscheinlich nicht mehr anbieten will?

Die Awo wollte in diesem Jahr eine Reise mit uns bekannten, kompetenten Leuten anbieten. Die Reise war aber zu teuer. Neben der Reise müssen auch die Leute bezahlt werden, und für Verpflegung muss gesorgt sein. Wenn das umgelegt wird auf die Reisenden, dann kommt da ein horrender Reisepreis für eine Woche bei raus. Und das kann man Menschen, die etwa 120 Euro im Monat bekommen, nicht zumuten.

Sie sagten, es gebe eigentlich sehr viele Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung, um zu verreisen. Man müsse nur kreativ sein. Was meinten Sie damit?

Wir als Eltern haben irgendwann gesagt, dass unsere Kinder – die ja jetzt auch schon über 30 sind – angemessen verreisen können sollen. Das aber dann auch nicht in so einer Riesengruppe. Nicht jeder Mensch verreist gerne in großen Gruppen. Und wenn Menschen mit speziellen Bedürfnissen auf andere Menschen mit speziellen Bedürfnissen treffen und sie diese teilweise überhaupt nicht kennen, dann ist das manchmal problematisch. Deswegen ist es besser, wenn Eltern sich sagen: So, wir haben hier sechs oder sieben Kinder, die kennen sich gut. Und für diese organisieren wir eine Reise. Zum Beispiel nach Schillig. Das haben wir gemacht. Das ist zwar ein bisschen Arbeitsaufwand, aber irgendwie lässt sich das alles gut regeln. In diesem Jahr ist die Wohngruppe von Rasmus verreist. Da ist auch der Vater einer Bewohnerin mitgefahren. Und das meine ich mit Kreativität. Eltern sollten nicht immer darauf warten, dass etwas angeboten wird. Die müssen auch mal sagen: Mein Kind hat spezielle Bedürfnisse, und ich will, dass es mit Spaß verreist. Und ich finde, 2 400 Euro aus der Verhinderungspflege mit Kurzzeitpflege sind dafür viel Geld.

Würden Sie sich denn auch öffentliche Angebote wünschen?

Ja, durchaus. Wenn Eltern meinen, dass ihr Kind das kann, dann ist sowas eine gute Sache. Aber wenn ich zum Beispiel an Autisten denke, dann ist das sehr schwer. Die können das nicht.

Wenn Sie einen Wunsch bezüglich der Freizeitangebote für Behinderte hier im Landkreis frei hätten, welcher wäre das?

Ich wünsche mir, dass ein paar Freizeitaktivitäten am Wochenende angeboten werden. Der Martinsclub ist ja jetzt in Syke. Die versuchen, solche Sachen hier zu installieren. Ich weiß nicht, ob es ihnen gelingt, aber ich hoffe es. Wenn sie am Wochenende mal so eine Disco oder Tagesfahrten anbieten können, das wäre schön. Die Lebenshilfe bietet auch immer mal wieder so etwas an. Aber auch die bezahlen ihre Leute nicht angemessen. Manche Behinderteneinrichtungen zahlen nur 6,50 Euro die Stunde, berechnen am Ende aber 25 Euro pro Stunde bei der Pflegekasse. Der Verwaltungsaufwand ist einfach sehr groß. Da habe ich mir gesagt: Dann organisiere ich das lieber selbst. Dann kann man öfter verreisen. (lacht)

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