Geschichtsfans renovieren ehemaliges Warnamt

Ein Relikt des Kalten Krieges

+
Zum Glück sind viele der Lämpchen im Kontrollraum beschriftet. Da fällt die Zuordnung leichter.

Bassum - Von Frauke Albrecht. Das Trinkwasser hätte für 30 Tage gereicht, ebenso die Essensrationen – bei einer Vollbelegung von 196 Personen. Die eigene Energie- und Wasserversorgung sowie Luftfilter sollten 30 Tage Überleben und Arbeiten in einer vom Atomkrieg verwüsteten und verseuchten Umwelt ermöglichen.

Und dann? „Das musste zum Glück nie jemand herausfinden“, sagt Mirko Krumm. Er gehört zu einer Gruppe geschichtsinteressierter Menschen, die das ehemalige Warnamt II in Bassum-Helldiek renovieren. Ziel ist es, die Einrichtung soweit herzurichten, dass sie Führungen anbieten können. Die Gruppe möchte das Relikt des Kalten Krieges erhalten – als Mahnung.

Eine Herkulesaufgabe. Doch Krumm und seine Mitstreiter, allen voran Sebastian Schröder und Hannes Küppers, sind optimistisch. „Es muss ja nicht gleich alles perfekt sein.“ Zu Anfang genügt es, dass wir die Funktionsweise und Hintergründe der Einrichtung erklären können.“

Eines von vielen Erinnerungsstücken im Kontrollraum.

Zu entdecken gibt es auf den 10.000 Quadratmetern unglaublich viel. Der Bunker führt vier Stockwerke in die Tiefe – 15 Meter unter der Erde. Es ist ein Labyrinth aus Stahltüren, Treppen und Räumen. Krumm staunte selbst nicht schlecht, als er das erste Mal den Bunker erkundete. Zusammen mit Freunden wollte er Fotos machen – von sogenannten Lost Places.

Technik erlebbar machen

„Wir haben uns umgesehen und gedacht, dass wir hier mehr daraus machen müssen“, erinnert sich der 26-Jährige. Die Gruppe nahm Kontakt zur Schule auf, stellte ihre Idee vor und rannte offene Türen ein.

Die hydraulischen Türen lassen sich bereits wieder auf Knopfdruck schließen und öffnen.

Auch wenn Krumm, Küppers und Schröder die geballte Kompetenz von DRK, THW und Feuerwehr mitbringen und als Informatiker sowie Elektrotechniker über beste Voraussetzungen verfügen, ist vieles für sie Neuland. Doch sie lassen sich von den unzähligen Schaltkästen, Hebeln, Kabeln und Lämpchen nicht beeindrucken. „Wir probieren aus und sehen, was passiert.“ – Ein riesengroßer Abenteuerspielplatz.

Mittlerweile haben die Männer einen groben Überblick über das Inventar. Zwar hat das Bundesvermögensamt, nachdem das Warnamt 1996 geschlossen wurde, die meiste Technik herausgerissen. Dennoch ist vieles noch vorhanden – Karten, Schaltkästen, Bedienpulte, Prüfberichte, sogar die Betten stehen noch.

Die Duschvorhänge im Dekontaminationszimmer zeugen von der unglaublichen Naivität der damaligen Zeit.

In der Cafeteria erinnert indes ein Schild daran, das Schokolade einst eine Mark gekostet hat.

Das Herzstück der Anlage ist der Filterraum.

Im ehemaligen Kontrollraum haben die Männer zig Kabelschächte freigelegt. „Hier liefen sämtliche Daten zusammen“, erklärt Mirko Krumm. Bei einem Luftangriff – konventionell, atomar, biologisch oder chemisch – wären hier alle Informationen und Daten zusammengelaufen. Über Wetter, Windrichtung, Radioaktivität. Dafür gab es eine direkte Verbindung mit dem Frühwarndienst der Nato-Luftüberwachung.

„Anschließend wäre die Bevölkerung über den Rundfunk und bis zu 14.000 von Bassum aus gesteuerten Sirenen alarmiert worden“, berichtet Krumm.

Kommuniziert wurde auf Telefon- und Fernschreiberleitungen, aber auch mittels Richtfunk und eines UKW-Notsenders. Zwei dieser Fernschreiber haben die jungen Männer bereits instand gesetzt. Dafür reisten sie extra nach Trier.

Mirko Krumm (l.), Sebastian Schröder und Hannes Küppers bereiten sich darauf vor, einen der leeren Tanks zu inspizieren.

„Nun können wir die vorhandenen Lochstreifen auslesen“, freut sich der Vereinsvorsitzende. Geheimnisse offenbaren sich nicht: „Kaufen Sie jede Woche vier gute und bequeme Pelze xy.“ Krumm grinst: „Na, ist doch logisch. Das ist ein Prüftext. Jeder Buchstabe ist enthalten.“

Die hydraulischen Türen schließen bereits wieder auf Knopfdruck. Die Stromversorgung funktioniert, ebenso die Wasserversorgung, für die Hydranten auf dem Schulgelände. „Leider gibt es kein Abwasser“, bedauert Krumm. Herzstück der Anlage ist der Filterraum, der für Frischluft sorgt.

Aber es gibt auch noch Unentdecktes: Unterirdische Gänge, leere Tanks, von denen sie nicht wissen, was drin ist. Da ist Vorsicht geboten. „Wir sind gut vorbereitet“, versichert Küppers und zückt seine Sauerstoffmaske.

Die drei verbringen derzeit ihre gesamte Freizeit im Bunker. Dem Verein gehören 18 Personen an. „Wir können Verstärkung gut gebrauchen. Vor allem Handwerker, sehr gerne Klempner“, sagt Krumm.

Bassumer Warnamt soll renoviert werden

Die Mitgliedschaft im Verein ist kostenfrei. „Wir investieren schließlich schon alle unsere Arbeitskraft.“

Die Gruppe hofft, Sponsoren zu finden, die sie bei der Renovierung unterstützen – um die Technik erlebbar zu machen.

Der Kontakt zum Warnamt-Team: Warnamt@mirkokrumm.de

Mehr zum Thema:

Macron empfängt Putin in Versailles

Macron empfängt Putin in Versailles

Amerikas Vermächtnis: John F. Kennedys 100. Geburtstag

Amerikas Vermächtnis: John F. Kennedys 100. Geburtstag

IAA 2017: Darauf dürfen sich Auto-Fans freuen

IAA 2017: Darauf dürfen sich Auto-Fans freuen

Top 10: Die zehn verrücktesten Hotel-Geschichten

Top 10: Die zehn verrücktesten Hotel-Geschichten

Meistgelesene Artikel

Siebte Auflage der Piazzetta in Bassum bei bestem Wetter

Siebte Auflage der Piazzetta in Bassum bei bestem Wetter

Arnold Fischer ist neuer Schützenkönig in Aschen

Arnold Fischer ist neuer Schützenkönig in Aschen

„Bonnétable ist mein Twistringen in Frankreich“

„Bonnétable ist mein Twistringen in Frankreich“

Motorradfahrer erliegt schweren Verletzungen nach Auffahrunfall

Motorradfahrer erliegt schweren Verletzungen nach Auffahrunfall

Kommentare