Zum Weltdrogentag

Release in Bassum spricht über Wandel im Konsumverhalten

Cannabis zu rauchen, steht für viele Jugendliche für harmlosen Spaß und Entspannung. Die Mitarbeiter von Release haben mit Jugendlichen zu tun, denen ihr Konsum schon völlig entglitten ist. - Foto: Imago

Bassum - Von Julia Kreykenbohm. Ein Mann liegt stark alkoholisiert auf einem Parkplatz und kommt von alleine nicht mehr auf die Beine. Die Menschen gehen vorbei, rümpfen vielleicht noch die Nase: „Der ist halt besoffen.“

In solch einer Situation nicht wegzuschauen, zu helfen oder zumindest Hilfe zu holen, das ist einer der Wünsche, die Gabriele Helmstedt und Kerstin Töller von der Beratungsstelle Release in Bassum zum heutigen Tag haben. Denn es ist Weltdrogentag – oder der Internationale Tag gegen Drogenmissbrauch und unerlaubten Suchtstoffverkehr.

Obwohl bekannt sei, dass Sucht eine Krankheit ist, würden Betroffene noch oft wie Menschen zweiter Klasse behandelt, findet Helmstedt. „Sucht wird verachtet, und häufig fällt der Satz: ,Der muss doch nur wollen’. Aber so einfach ist es nicht. Ich wünsche mir mehr Achtsamkeit und Verständnis für diese Menschen. Wir sehen sie nur von außen, aber wir wissen nicht, was sich in ihnen abspielt und was sie hinter sich haben.“

Aktuell möchte Release den Kontakt zu Kindern in Familien mit Suchterkrankungen verstärken. Sie sollen lernen, dass sie über das sprechen dürfen, was sie belastet, und dass sie nicht alleine sind. „Die Kinder lieben ihre Eltern, ganz gleich was diese tun“, so Helmstedt. Doch wenn sie nicht über die Probleme reden können, entwickeln sie andere Strategien, um mit der schwierigen Situation umzugehen. Manche greifen später selbst zu Drogen. „Ich betreue manchmal Kinder, deren Eltern ich auch schon hatte“, sagt Helmstedt. Aus diesem Grund hat Release im Februar im Jugendhaus Fönix das Theaterstück „Ein Elch im Wohnzimmer“ gezeigt, um über das Thema ins Gespräch zu kommen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der ambulanten Betreuung von Suchtkranken in ihren Wohnungen. Kerstin Töller hat zwölf Klienten. „Sie werden immer jünger“, so Töller. Der Jüngste sei 21 Jahre alt. „Ziel ist, dass die Klienten so lange wie möglich in ihren vier Wänden wohnen können.“ Durch das Leben in der eigenen Wohnung spüre der Erkrankte: „Wir trauen dir etwas zu.“

Kerstin Töller und Gabriele Helmstedt wünschen sich mehr Verständnis für Suchtkranke. 

Release unterstützt beim Einkaufen oder bei Behördengängen und versucht so, den Menschen den Weg zurück in einen geregelten Alltag zu ermöglichen. In diesem Punkt wünscht sich Töller von manchen Institutionen mehr Flexibilität und Verständnis für ihre Klienten. Zudem brauche es mehr bezahlbaren Wohnraum.

Was hat sich in den vergangenen Jahren in der Arbeit mit den Suchtkranken verändert? „Die Zahlen bleiben im Grunde konstant“, so Helmstedt. 2017 hatte Release 56 Menschen in der Beratung (2016 waren es 49) und 71 (68) im Substitutionsprogramm.

Was hingegen zunehme, sei die Glücksspielsucht im Internet und die Anzahl der Süchte eines Menschen. „Sehr viele Süchtige sind nicht mehr nur von einer Droge abhängig“, sagt Helmstedt, die seit 30 Jahren in der Beratung tätig ist. Stattdessen gebe es „Vielfachnutzer“, die je nach Bedarf Stoffe nehmen, die sie aufputschen und dann wieder runterbringen. „In dieser Vermischung, auch von legalen und illegalen Drogen, liegt die größte Herausforderung, weil die Süchte unterschiedlich sind und entsprechend behandelt werden müssen“, so Helmstedt. Über die Ursachen kann sie nur spekulieren. „Vielleicht ist es der Zeitgeist, der Druck, immer funktionieren zu müssen. Am Samstag will man Party machen, am Sonntag muss man sich wieder runterbringen.“

Cannabis-Konsumenten immer jünger

Etwas, das Helmstedt sehr berührt, sind die jugendlichen Cannabis-Konsumenten, die zu ihr kommen und ebenfalls immer jünger werden. Einer sei gerade 14 Jahre alt. „Sie kommen freiwillig, nicht, weil ihre Eltern sie zwingen. Sie haben erkannt, dass sie ein Problem haben, und weinen bitterlich, weil sie es nicht schaffen, aufzuhören. Und ich habe den Eindruck, es wird schlimmer. Das bewegt mich.“ Die psychische Abhängigkeit sei nicht zu unterschätzen.

Aber es hat sich auch vieles verbessert, findet Helmstedt. Das Hilfesystem sei individueller, schaue nun mehr auf den Einzelnen, auf das, was er kann und braucht, und versuche niemandem, ein Programm überzustülpen. Vor allem lobt sie die gute Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen, die das A und O sei. „Darum ist es wichtig, dass beispielsweise Mitarbeiter in Kitas oder Jugendhäuser sich in dem Thema fortbilden“, so Helmstedt.

Obwohl ihre Arbeit ihr viel abverlangt, kann sie sich keine schönere für sich vorstellen. „Wenn ein Mensch sich dir in seiner Lebenskrise anvertraut, ist das ein Geschenk. Und man bekommt so viel zurück.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Hamas ruft Gaza-Waffenruhe mit Israel aus

Hamas ruft Gaza-Waffenruhe mit Israel aus

Horror-Crash auf der A81 am Samstag - die Bilder

Horror-Crash auf der A81 am Samstag - die Bilder

Fotostrecke: Werder beim Blitzturnier in Essen

Fotostrecke: Werder beim Blitzturnier in Essen

Deichbrand 2018: Beste Stimmung auf den Campingplätzen

Deichbrand 2018: Beste Stimmung auf den Campingplätzen

Meistgelesene Artikel

Viele junge Bäume in Syke hängen am 75-Liter-Tropf

Viele junge Bäume in Syke hängen am 75-Liter-Tropf

Schwafördener Rat ändert Nutzungs- und Gebührenordnung für Dorfgemeinschaftshaus

Schwafördener Rat ändert Nutzungs- und Gebührenordnung für Dorfgemeinschaftshaus

A1-Sanierung macht sechswöchige Teil-Sperrung des Dreiecks Stuhr nötig

A1-Sanierung macht sechswöchige Teil-Sperrung des Dreiecks Stuhr nötig

Trend-Urlaub in Niedersachsen: Landtourismus hoch im Kurs

Trend-Urlaub in Niedersachsen: Landtourismus hoch im Kurs

Kommentare