SERIE „MIT BEEINTRÄCHTIGUNG DURCH CORONA“ Teil 5: Delmewerkstätten

Produktion im Defizit

Zwischen persönlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen: Geschäftsführerin Nahid Chirazi (v.l.), Anne Dommershausen (Frauenbeauftragte), Andreas Schneider (Vorsitzender Werkstattrat) und Karsten Böning (Servicekraft im Delme-Bistro) berichten von teils schweren Herausforderungen bei den Delmewerkstätten.
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Zwischen persönlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen: Geschäftsführerin Nahid Chirazi (v.l.), Anne Dommershausen (Frauenbeauftragte), Andreas Schneider (Vorsitzender Werkstattrat) und Karsten Böning (Servicekraft im Delme-Bistro) berichten von teils schweren Herausforderungen bei den Delmewerkstätten.

Bassum – „Für viele von uns ist die Arbeit in der Delme unheimlich wichtig“, sagt Andreas Schneider. Er arbeitet als Schlosser bei den Delmewerkstätten in Weyhe und ist Vorsitzender des Werkstattrats. Die Delmewerkstätten sind nicht nur der größte Arbeitgeber für Menschen mit Beeinträchtigung in der Region. Sie bieten auch jene Stabilität und die Tagesstruktur, die für viele ihrer Beschäftigten unverzichtbar ist. Doch was, wenn dieser Anker im Alltag vom einen auf den anderen Tag wegfällt? Genau das ist am 17. März geschehen. Da hat die Regierung wegen Corona ein Betretungsverbot für alle Werkstätten ausgesprochen. Und bei der Delme verloren 1 400 Beschäftigte von jetzt auf gleich ihre komplette Tagesstruktur (siehe auch vorige Serienteile).

Während die Corona-Pandemie schon alleine für die Beschäftigten eine riesige Herausforderung darstellte, gerieten auch die Delmewerkstätten selbst unter Druck. Anders als reine Betreuungseinrichtungen hat das gemeinnützige Unternehmen eine aktive Produktion und Verträge mit Kunden wie ZF Friedrichshafen. Die Delmewerkstätten erhalten am Ende keine öffentlichen Mittel, sondern finanzieren sich ausschließlich durch ihre Produktion und weitere Dienstleistungen. Dadurch wurde Corona plötzlich zur ungeahnten Gefahr. „Löhne waren in Gefahr“, beschreibt die Geschäftsführerin der Werkstätten, Nahid Chirazi, den Ernst der Lage.

Die Unternehmensleitung habe jedoch den Entschluss getroffen: „Wir wollen das gemeinsam schaffen.“ Zusammen mit dem Betriebsrat wurde eine Betriebsvereinbarung über Kurzarbeit beschlossen. Doch: Diese kam bislang nicht zum Einsatz. Die Delmewerkstätten zahlen allen Beschäftigten mit Beeinträchtigungen sowie den übrigen 420 festangestellten Mitarbeitern bis heute das volle Gehalt. Und das, obwohl man laut Chirazi „weit weg vom Jahresziel“ sei und die „Produktion im Defizit“ liege.

Dass in den vergangenen Wochen nicht reihenweise verärgerte Kunden an der Tür gestanden hätten, habe vor allem an einem Umstand gelegen: „Die Kunden waren in einer ähnlichen Situation. Corona hat ja alle getroffen“, so die Geschäftsführerin. Und: Während die Beschäftigten ein Betretungsverbot hatten, galt das nicht für die festen Mitarbeiter. Am Ende versuchten 420 von ihnen zumindest ansatzweise das Fehlen der 1 400 Beschäftigten aufzufangen.

Gleichzeitig erlebten Letztere zuhause einen Ausnahmezustand. „Die Mehrheit fand die erste Zeit gar nicht so übel“, erinnert sich Andreas Schneider zurück. Es habe sich angefühlt wie Urlaub. Doch dann hätten sich die fehlende Tagesstruktur und der fehlende Kontakt zu Freunden und Kollegen zunehmend bemerkbar gemacht. Da sei es gut gewesen, dass regelmäßig Psychologen und Sozialarbeiter von den Delmewerkstätten mit den Beschäftigten telefoniert und diese wieder aufgebaut hätten. Gleichzeitig habe es in Einzelfällen eine Notbetreuung für einige Angestellte gegeben.

Die Erleichterung, als das Betretungsverbot schließlich Ende April erst für Beschäftigte in systemrelevanten Berufen gelockert und einen Monat später komplett aufgehoben wurde, sei bei allen spürbar gewesen. Aber auch wenn Nahid Chirazi die Anordnung im Nachhinein „komplett nachvollziehbar“ nennt, einen „Hinweis“ habe sie doch: „Das hätte man auch schon früher anders regeln können.“ Sprich: Eine Lockerung der Vollsperrung hätte die Delmewerkstätten deutlich entlastet.

Von Normalität kann in den Delmewerkstätten derzeit noch nicht die Rede sein. Aktuell gebe es eine Verordnung, die den Beschäftigten freistelle, ob sie zur Arbeit kommen möchten oder nicht. Ein Großteil habe das Angebot jedoch sofort angenommen, berichtet Chirazi. Nur rund zehn Prozent der Beschäftigten seien weiterhin zuhause – viele von ihnen gehören zur Risikogruppe. Dass die anderen 90 Prozent wieder ganz normal arbeiten, stimme jedoch auch nicht. Die Werkstätten haben an ihren Standorten ein Schicht-System eingeführt. Der Grund: Die Abstandsregeln des hauseigenen Hygienekonzepts können sonst nicht eingehalten werden. Viele Beschäftigte arbeiten derzeit in Wochen- oder Zwei- bis Dreitage-Schichten. „Das ist eine Herausforderung“, gibt Chirazi mit Blick auf die weiterhin fehlende Tagesstruktur zu. Die Geschäftsführerin berichtet in dem Zusammenhang von einem Angestellten, der regelmäßig zur Werkstatt komme, um draußen die Kollegen zu treffen. Ins Haus dürfe er nicht, es ist nicht seine Schicht. Die Delme gehöre jedoch für ihn zu seiner Tagesstruktur.

Mit Masken, Abstand und jeder Menge Desinfektion – auch zulasten der Produktionskapazität – versuchen die Delmewerkstätten heute, der Pandemie Herr zu werden. Bislang habe es erst eine Infektion bei einem Beschäftigten der Werkstätten in Delmenhorst gegeben – jedoch aus dem privaten Umfeld. Ein großes Infektionsgeschehen im Betrieb ist bislang ausgeblieben. Die Delme-Geschäftsführung hofft auch, dass das so bleibt. Denn: Ein zweiter Lockdown wie im Frühjahr samt Betretungsverbot könnte für das gemeinnützige Unternehmen verheerend werden. „Das würden wir kein zweites Mal so bewältigen können“, sagt Nahid Chirazi. Es dürfte dann nicht nur eine „extreme Herausforderung“ für alle Beschäftigten werden: Eine Kurzarbeitsregelung sei in diesem Fall nicht mehr vermeidbar.

Von Luka Spahr

Abstand halten ist für Karsten Böning, der als Servicekraft im Bistro in Bassum arbeitet, nicht immer möglich. Deswegen ist die Maske sein ständiger Begleiter.
„Ich bin froh, dass ich wieder arbeiten kann“, sagt Anne Dommershausen. Sie arbeitet bei den Delmewerkstätten in Bassum im Bereich Logistik.

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