Ruhestand mit 78 Jahren

Ein Plädoyer für kleinere Brötchen

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Karl Hahn in seiner kleinen Backstube im eigenen Haus. Der 78-jährige Bassumer geht nach insgesamt 55 Jahren bei Bäcker Meyer in den Ruhestand.

Bassum - Von Frank Jaursch. Eigentlich, so erzählt Karl Hahn, wollte er ja bis 80 arbeiten. „Die drei Tage in der Woche haben mir immer gut getan.“ Familiäre Gründe haben den Bassumer nun zu einem etwas früheren Ruhestand gebracht: Mit „nur“ 78 Jahren hat er seinen Ausstand bei der Bäckerei von Gerd Meyer gegeben – nach mehr als einem halben Jahrhundert in dem Betrieb.

Als Hahn im November 1963 an der Langen Wand begann, hatte die Bäckerei von Georg Meyer sen. und jun. gerade mal sieben Jahre auf dem Buckel. Der 25-jährige Hahn stieß als Bäckergeselle mit Konditorei-Erfahrung zu dem kleinen Unternehmen – und erlebte in den folgenden Jahrzehnten die Entwicklung des Unternehmens hautnah mit.

„Am Samstag stand der Laden bis zur Tür voll“, erinnert sich Hahn an „goldene Zeiten“. Für die Spezialitäten legte das Team hohe Maßstäbe an. „Wenn irgendeiner irgendwo besser war, hat das unseren Ehrgeiz nur noch mehr angestachelt“, lacht er – und denkt zurück an Spionage-Missionen in Bremer Cafés, bei denen die Tortenstücke getestet und geradezu seziert wurden – auf der Suche nach dem richtigen Rezept.

Meyer beschritt neue Wege, verkaufte etwa seine Brötchen dazu, wenn Milchmann Willi Stöver im Ort unterwegs war. Der Ehrgeiz und die Kreativität des Bäcker-Teams führten dazu, dass der Betrieb wuchs. Und größere Öfen brauchte.

Der erste Thermoöl-Ofen („eine Revolution!“) wurde angeschafft – und war ebenfalls bald zu klein. Zwei weitere Öfen kamen hinzu. Der dritte Ofen ist noch heute im Betrieb: in der Bäckerei an der Siemensstraße, die 1993 bezogen wurde.

„Ich hab immer streng nach Rezept gearbeitet“

Augenmaß und Handgewicht waren Karl Hahns Sache nicht: „Ich hab immer streng nach Rezept gearbeitet“, berichtet er. „und wenn’s keins gab, hab ich eins angelegt.“ Zum Beispiel, um den Sauerteig für das Schwarzbrot von Georg Meyer senior hinzubekommen. Oder das für die braunen Kuchen in der Adventszeit. „Das Rezept wird heute noch bei Meyers benutzt.“

Karl Hahn war dabei, wenn sich die Bäcker des Ortes in den 1960er- und 1970er-Jahren regelmäßig zum Kegeln trafen. „In Bassum haben sich alle gut vertragen“, erzählt er. „Und es hatten ja alle genug zum Leben.“ Da durfte es auch schon mal später werden. „Zwei Stunden Schlaf? Hat mir nichts ausgemacht“, berichtet Hahn. Um viertel nach drei klingelte der Wecker, freitags und samstags fingen die Bäcker sogar schon um Mitternacht an.

Erst als er älter wurde, fiel ihm der ungewöhnliche Schlafrhythmus seines Berufes zunehmend schwerer. Hinzu kamen Probleme mit den Knien. 2002 war Schluss mit dem Backen. Ein Jahr später machte Susanne Meyer ihm das Angebot, sich um die Pflege und Reparatur der Maschinen zu kümmern. Hahn nahm mit Freuden an. Und hängte noch einmal 13 Jahre dran – in Diensten der Bäckerei, die ihm ans Herz gewachsen ist.

Vergangene Woche wurde Karl Hahn verabschiedet. Kein leichter Schritt, wie der 78-Jährige einräumt. Er backt jetzt kleinere Brötchen – und zwar buchstäblich. In seiner heimischen Backstube entstehen Brötchen mit festerer Porung und weniger Volumen. „Wenn die Leute heute mal die Brötchen essen könnten, wie es sie früher gab...“, sinniert Karl Hahn – und schmunzelt. „Da muss ich noch mal mit Georg Meyer drüber reden.“ Karls kleine Brötchen im Angebot? „Dafür würde ich mich noch mal hergeben und mithelfen.“

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