Aktion „Bauer sucht Besucher“

Transparenz auf dem Bauernhof: schwerer Spagat zwischen Tierwohl und Wirtschaftlichkeit

Eine Gruppe frischgeborener Ferkel zieht die Blicke der Besucher auf sich.
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Eine Gruppe frischgeborener Ferkel zieht die Blicke der Besucher auf sich.

Nienstedt – „Unser Sohn kam vor einiger Zeit ziemlich bedrückt von der Schule nach Hause“, erzählt Landwirt Karsten Kehlbeck. „Im Gespräch erfuhren wir, dass er mit vielen Vorurteilen bezüglich der heutigen Landwirtschaft konfrontiert worden war. Das war für uns Anlass, den Hof zu öffnen und an der Aktion ,Bauer sucht Besucher’ vom Landvolk Mittelweser mitzuwirken“.

Transparenz ist ihm wichtig, um für mehr Verständnis für seinen Berufsstand zu werben. Kehlbeck, der zusammen mit seiner Frau Britta Kaiser den Hof in Nienstedt seit 1994 bewirtschaftet, hat sich auf Sauenhaltung und Ferkelaufzucht spezialisiert. Daneben bewirtschaftet er zusammen mit inzwischen drei Mitarbeitern noch 80 Hektar Ackerfläche.

Sein Angebot zu einem Blick hinter die Kulissen kam gut an. Regine Suling zeigte sich als Pressesprecherin des Landvolks überrascht, dass sich fast 50 Teilnehmer angemeldet hatten. „Kurzerhand haben wir nachmittags einen zweiten Termin eingeschoben, um dem Informationsbedarf gerecht zu werden“, berichtete sie.

Bevor es in die Ställe ging, bekam jeder Teilnehmer erst einmal einen Ganzkörper-Schutzanzug in grün und Kunststoff-Überschuhe, um eine Infektionsgefahr für die Tiere zu minimieren.

Betriebsführung zeigt Notwendigkeiten für Landwirt auf

Karsten Kehlbeck machte gleich zu Beginn der Betriebsführung deutlich, dass die Landwirtschaft sein Beruf ist, der ihn und seine Familie ernähren muss. „Ich möchte wenigstens genau so viel verdienen, wie mein Schulnachbar mit den gleichen Noten“, erläuterte er.

Gleichzeitig war ihm aber auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass die 540 Sauen und die rund 2 500 Ferkel sein Betriebskapital sind. „Mir ist wichtig, dass es unseren Tieren gut geht und dass sie gesund sind“, sagte er.

Karsten Kehlbeck erklärt den Besuchern Details der Sauenhaltung und Ferkelaufzucht auf seinem Hof.

Dabei geht er in der Sauenhaltung durchaus auch neue Wege. Seine Sauen liegen im offenen Stall auch auf Stroh. „Die Tiere können wählen, ob sie lieber im Stroh oder auf Spaltenböden liegen. Je nach Wetterlage verteilen sich die jeweils 150 Tiere in den Ställen. Wenn’s warm ist wie heute, liegen viele auf Beton. Im Winter drängelt sich dagegen alles im Stroh“, erläuterte Kehlbeck.

Futteraufnahme wird durch Transponder kontrolliert

Jedes Tier trägt einen Transponder, mit dem die Futteraufnahme kontrolliert wird. „Jeden Tag schaue ich am Computer, ob auch alle Tiere gefressen haben. Falls nicht, könnte das auf Krankheiten hinweisen“, schilderte der Landwirt.

Im Besamungsbereich stehen die Sauen in einzelnen geschlossenen Boxen, in denen sie auch gefüttert werden. Zur Überraschung einiger Besucher kam plötzlich ein Schwein rückwärts aus dieser Box und beschnüffelte interessiert die Besuchergruppe. Andere folgten. „Jedes Schwein kann selbst entscheiden, ob es sich im Gang oder in der Box aufhält“, erläuterte Kehlbeck.

Einige Besucher zogen es daraufhin vor, sich in den für die Schweine nicht zugänglichen Stallgang zurückzuziehen und das Geschehen aus sicherer Entfernung zu beobachten.

Ferkel bleiben vier Wochen bei der Muttersau

Im Abferkelbereich sah man kurz zuvor geborene Ferkel, die anschließend noch für etwa vier Wochen bei der Mutter bleiben, bevor sie dann zusammen mit anderen Ferkeln in den Aufzuchtstall wechseln. Dort verbleiben sie etwa acht Wochen, um dann an einen Mastbetrieb verkauft werden.

Helmut Brackland aus Twistringen kommt aus der Landwirtschaft und wollte sich einmal über aktuelle Tierhaltungsformen informieren. „Am meisten hat mich überrascht, dass die Tiere sich frei im Stall bewegen können. Auch das Stroh im Stall war für mich neu“, sagte er.

Ebenso erging es den anderen Besuchern, die das eine oder andere Vorurteil über Bord werfen mussten. „Man kann über Tierhaltung durchaus unterschiedlicher Auffassung sein. Solange der Verbraucher Fleisch will, aber nicht bereit ist, an der Ladentheke einen angemessenen Preis zu zahlen, muss die Landwirtschaft versuchen, den Spagat zwischen Tierwohl und Wirtschaftlichkeit hin zu bekommen“, fasste Karsten Kehlbeck sein Dilemma noch abschließend zusammen.

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