„Nicht zu lange warten“

Markus Melnyk rät, sich bei depressiven Verstimmungen zügig Hilfe zu suchen

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Markus Melnyk.

Bassum - Von Julia Kreykenbohm. Ob die Zahl der Menschen mit Depressionen ansteigt, vermag Markus Melnyk, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen in Bassum nicht zu sagen. „Es ist auch möglich, dass nur einfach mehr Menschen nach Hilfe suchen.“ Auslöser dafür könnte sein, dass das Thema immer mehr aus der Tabu-Ecke geholt und öffentlich darüber gesprochen wird.

Für Melnyk ist wichtig, dass Depression nicht gleich Depression ist, dass es eine große Bandbreite und viele Abstufungen gibt. Er nennt die chronischen Erkrankungen, die nur mit Medikamenten und Therapien behandelt werden können und die depressiven Episoden, die durch bestimmte Ereignisse ausgelöst werden, durch den Tod eines Angehörigen, eine Kündigung oder auch Überlastung.

Doch woran merke ich, ob ich einfach nur mal schlecht drauf bin oder schon krank? „Ich denke, dass jeder Mensch mal im Laufe seines Lebens eine depressive Verstimmung bekommt. Es gibt Persönlichkeiten, die anfälliger dafür sind als andere. Wichtig ist, dass diese Phase auch wieder endet. Fühle ich mich hingegen über mehrere Tage und Wochen antriebsarm, traurig, gereizt, schlapp und nicht belastbar, weine vielleicht auch immer mal wieder, sollte ich das ernst nehmen und mir Hilfe suchen.“ Melnyk rät, dies lieber früher zu tun, als zu lange zu warten, damit die Erkrankung sich nicht steigert und einsam macht.

„Ich denke, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens eine depressive Verstimmung bekommt“, meint Markus Melnyk. - Foto: dpa

Die Angst vieler Menschen zum Psychologen zu gehen, weil sie glauben, vielleicht nicht krank genug zu sein und den Ärzten nur die Zeit zu stehlen, kann Melnyk zwar nachvollziehen, hält sie jedoch für unbegründet. „Wer zu uns kommt, um Hilfe zu suchen, wird sicherlich niemals zu hören bekommen: ,Was wollen Sie denn hier?’. Wir sprechen erstmal in aller Ruhe und versuchen, die Ursache für die Gefühlslage herauszufinden.“

Überhaupt hält Melnyk Bemerkungen des Umfelds wie: „Stell dich nicht so an“ oder „Lächle doch mal, es ist so ein schöner Tag“ für nicht hilfreich. „Sicher sind sie gut gemeint. Für Angehörige ist es schwer zu ertragen, einen Menschen so antriebslos zu erleben, und sie wollen ihn aufrütteln. Nur erreichen sie damit eher, dass der Betroffene sich nicht verstanden fühlt.“

„Anrufen muss der Betroffene schon selbst“

Was können Partner und Angehörige stattdessen tun? „Sie sollten den Betroffenen ernst nehmen, den Kontakt zu ihm halten, das Thema offen ansprechen und immer mal wieder fragen: Brauchst du Hilfe?“ Wichtig sei jedoch, nicht zu viel abzunehmen, denn so komme der Betroffene nie aus seiner passiven Phase heraus. „Je mehr ihm geholfen wird, desto weniger macht er selbst und er bekommt vielleicht noch den Gedanken, dass er allein überhaupt nichts zustande bringt.“

Der Erkrankte müsse sich selber Hilfe holen und aktiv werden, erklärt Melnyk. Das Umfeld sollte nur Impulse setzen, etwa darauf hinweisen, dass er Hilfe braucht, ihm eventuell noch die Nummer einer Beratung heraussuchen – aber „anrufen muss der Betroffene schon selbst.“

Schottet sich der Erkrankte ab, müsse das Umfeld das akzeptieren. Ebenso, wenn dieser Hilfe ablehne. „Man kann nur helfen, wenn die Hilfe auch gewollt wird“, sagt Melnyk. Anders sei es bei Kindern. Dort müssen die Eltern tätig werden.

Entschleunigung der Gesellschaft

Was Melnyk sich wünscht, wäre eine Entschleunigung der Gesellschaft, die seiner Meinung nach sehr stark auf Leistung geprägt ist. Betroffene kann das unter Druck setzen. „Ich glaube, dass es schon viel Verständnis für Depressive gibt, aber die Erkranken warten zu lange, bis sie Hilfe suchen, weil sie denken, funktionieren zu müssen und Unverständnis befürchten. Und natürlich hängt es auch immer vom Arbeitgeber ab.“

Aber auch Angehörige sollen sich laut Melnyk nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ganz besonders, wenn sie selber langsam in den Strudel der Depression zu gleiten drohen oder die Sorge allmählich in Aggression umschlägt, weil der Kranke vielleicht Hilfsangebote ablehnt und untätig bleibt. „Die Angehörigen sollten dem Betroffenen dann auch ruhig offen sagen, wie es ihnen damit geht und sich Unterstützung suchen – wie zum Beispiel bei der Beratungsstelle in Bassum.“

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