Ernte in der Region

Sekundengenaue Planung und Erntetunnel: Landwirte berichten über neue Herausforderungen

Kristian Wichmann kann es nicht lassen. Immer wieder probiert er von seinen Früchten. Die Aprikosen begeistern ihn derzeit besonders. Foto: Luka Spahr
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Kristian Wichmann kann es nicht lassen. Immer wieder probiert er von seinen Früchten. Die Aprikosen begeistern ihn derzeit besonders.

Bassum/Eydelstedt - Zahlreiche Autos und noch mehr Menschen sind auf der schmalen Landstraße mitten im Nirgendwo unterwegs. Es herrscht Hochbetrieb. Am Ende der Straße, in Röllinghausen, liegt der Hof Wichmann. Rund 600 Tonnen Erdbeeren werden dort in diesem Jahr von den Feldern im Umland geerntet. Die Saison 2019 hat vor Kurzem begonnen.

Und ganz nebenbei wurde das Sortiment, welches bisher neben Erdbeeren unter anderem auch Spargel, Kirschen, Brombeeren und Himbeeren umfasst, um eine neue Obstsorte ergänzt: Aprikosen. Möglich macht all dies neben vielen Experimenten mit verschiedenen Sorten und Folientunneln vor allem eine präzise und sekundengenaue Planung und Ernteerfassungstechnik.

Für Chef Kristian Wichmann, 41, schlichtes T-Shirt, kurze Jeans-Hose und immer ein Handy in der Hand, ist es das große Thema dieser Tage: Aprikosen. „Ich suche immer etwas Neues“, erzählt er. Durch einen Freund habe er die Idee bekommen und nach einigen Experimenten hängen die Früchte nun auch auf rund drei Hektar seiner Felder an den Bäumen. Mit Klimawandel habe das allerdings nichts zu tun, sagt er lachend.

Während er den Geschmack seiner Züchtung lobt und auch die Einmaligkeit des Anbaus in der Region hervorhebt, wandern seine Augen immer wieder auf den Bildschirm vor ihm.

Haben die ersten Aprikosen geerntet (v.l.): Geselle Julius und Azubi Heinrich. In den kommenden Tagen sind die ersten Früchte an den Wichmann-Ständen erhältlich.

Eine große blaue Pixelwolke zieht dort von unten nach oben. Regen ist im Anmarsch. Wichmann greift zum Handy: Die Erntehelfer sollen erst mal Pause machen. Rund 200 arbeiten gerade auf den Feldern in Röllinghausen, 400 sind es über das ganze Jahr verteilt.

Der Hof Nüstedt in Bassum ist ein Familienbetrieb. Heute leitet ihn Walter Nüstedt mit seiner Frau Annegret und seiner Tochter Anja.

Wichmann wechselt die Ansicht auf dem Computer. Jetzt steht da eine Tabelle. Jeder Mitarbeiter hat ein Smartphone, womit er die Paletten geernteter Früchte einscannen kann. Wichmann kann von seinem Büro aus dadurch in Echtzeit sehen, wie die Ernte vorangeht – und hat Einblick in die Ertragsleistung jedes einzelnen Erntehelfers.

Den Ausdruck Überwachung hört Wichmann ungern

Den Ausdruck Überwachung hört er ungern. Vielmehr zahle er bei besonders guter Leistung einen Bonus. Die hauptsächlich aus Rumänien und Polen stammenden Erntehelfer fänden das sehr gut, so Wichmann.

Dann will der gelernte Obstbauer zeigen, wie die Ernte in der Praxis aussieht. Im Auto geht es vorbei an vielen Feldern und großen Folientunneln. Dort reifen die Früchte und hängen in Massen an Bäumen und Sträuchern.

Ein Beispiel, dass Kristian Wichmann gerne bringt. Er strahlt vor Freude, als er die riesigen Satin-Kirschen probiert. Die Ernte steht in den nächsten Tagen an.

Sieben Kilometer weiter nördlich gibt es Erdbeeren mit Quark. Walter Nüstedt sitzt vor seiner Schüssel und wirkt ein wenig wortkarg. Auf 30 Hektar baut er mit seiner Frau Annegret und seiner Tochter Anja im Bassumer Ortsteil Dören Obst- und Gemüse an – vor allem Erdbeeren. Folientunnel kommen dabei nicht zum Einsatz. Warum? Nüstedt fängt an zu philosophieren. Und auf einmal schwirren Begriffe wie Nachhaltigkeit, Regionalität und Märkte durch den Raum. Schnell wird klar: Auch die Entscheidung, wie eine Erdbeere verpackt wird, kann einen Unterschied machen. Bio ist dabei nicht immer ausschlaggebend.

Je länger das Gespräch vor den Quark-Erdbeeren dauert, desto klarer wird: Nüstedt blickt auf das große Ganze, betrachtet Begriffe aus unterschiedlichen Perspektiven. Beim anschließenden Gang über seine Felder ist die anfängliche Zurückhaltung passé. Der 69-Jährige lacht viel. „Wenn keine Pressegespräche sind, dann sind wir draußen“, sagt er. „Ich bin ungern im Büro.“

Um die Menge an Pestiziden zu reduzieren, greift Kristian Wichmann auch auf Nützlinge zurück. Gallmücken, Schlupfwespen und Raubmilben helfen dabei, Ungeziefer in Zaum zu halten.

Was Wichmann und Nüstedt am Ende vereint: Beide nutzen Pestizide auf ihren Feldern. Wenn auch nur sehr geringe Mengen, wie sie angeben. Hanna Schütte aus Dörpel in Eydelstedt geht da einen anderen Weg. Ihr Hof ist seit 2006 Demeter-zertifiziert. Der häufig beklagten Fäule bei den Früchten begegnet allerdings auch sie mit kleinen Mittelchen. Kaliumhydrogencarbonat, auch als Backpulver bekannt, verhindere etwa Pilzkrankheiten, erzählt sie. Fehlende Folientunnel machen aber auch ihre Früchte angreifbar für das Wetter. In diesem Jahr sei das bisher gut gelaufen. „Probleme gibt es aber immer“, sagt sie lachend.

Bio-Erdbeeren vor allem an Naturkostläden

Auf 4,5 Hektar baut Schütte Bio-Erdbeeren an, die sie überwiegend an Naturkostläden verkauft. Mit den Mengen von Wichmann kann sie dabei nicht mithalten. Das liegt wohl auch daran, dass Bio-Erdbeeren noch nicht so populär sind. Aber das sind heimische Aprikosen derzeit auch nicht. Und das verbindet den großen Obstbauern Kristian Wichmann und den kleinen Bio-Hof von Hanna Schütte schließlich wieder miteinander. „Wir hoffen, dass wir eine Nische gefunden haben“, sagt Wichmann.

Lesen Sie auch: Arbeit an der Stange - heimische Spargelbauern hoffen in Zukunft auf Saisonarbeiter aus der Ukraine

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