Die Toten des Jüdischen Friedhofs Bassum

Namen der „Unbekannten Soldaten“ gelüftet

Unbekannte Soldaten: Ab sofort sind sie das nicht mehr.
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Unbekannte Soldaten: Ab sofort sind sie das nicht mehr.

Die Gedenkstätte Lager Sandbostel hat die Namen der „Unbekannten russischen Soldaten“ auf dem Jüdischen Friedhof in Bassum herausgefunden. Und die Mitarbeiter wissen, welch hartes Schicksal die 35 Männer erlebten.

Bassum – „Unbekannte Soldaten. Russen“. Das steht auf neun Grabsteinen auf dem Jüdischen Friedhof von Bassum. Namenlose Tote ohne Geschichte und Gesicht, gestorben fern der Heimat, von Angehörigen vielleicht bis heute gesucht und vermisst. Doch das ist jetzt vorbei.

Dank der Gedenkstätte Lager Sandbostel. Die Mitarbeiter haben in den Archiven des Internationalen Suchdienstes, der Arolsen Archives, recherchiert und können nun fast allen Toten auf dem Friedhof ihre Identität zurückgeben. Aus den Unbekannten werden wieder Menschen. „Es sind insgesamt 35 Männer“, berichtet Dr. Lars Hellwinkel. „Von 31 haben wir die Personalakten gefunden. Die restlichen vier sind noch unbekannt.“

Recherche führte nach Bassum

Die Gedenkstätte Lager Sandbostel befindet sich am Ort des Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlagers (Stalag) X B Sandbostel, des zentralen Kriegsgefangenenlagers der Deutschen Wehrmacht für Norddeutschland. „Im Zusammenhang mit dem 80. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion haben wir uns mit den noch vorhandenen Gräbern sowjetischer Kriegsgefangener des Stalag X B im nördlichen Niedersachsen beschäftigt“, erläutert Hellwinkel. So begann die Recherche, die unter anderem auch nach Bassum führte.

„Die Toten von Bassum kamen aus dem Stalag X B Sandbostel und dem Stalag X D Wietzendorf, dem extra für sowjetische Kriegsgefangene eingerichteten Lager im damaligen Wehrkreis X. Besonders aus Letzterem brachten viele Männer Krankheiten mit, denn dort gab es nicht mal Baracken. Die Gefangenen schliefen in Erdhöhlen, sie konnten sich nicht waschen. Schließlich kam es zum Ausbruch von Fleckfieber. Das brachten die Kriegsgefangenen dann mit in die Arbeitskommandos. Im Winter 1941/42 gab es eine hohe Sterberate unter den sowjetischen Soldaten“, erzählt Hellwinkel.

Ein besonders tödliches Arbeitskommando

Bei den Toten aus Bassum fällt auf, dass die meisten im Arbeitskommando Bassum II Nr. 5807 eingesetzt wurden. „Dieses Kommando war an der Harpstedter Straße in einer Schweinemästerei untergebracht und war damit beschäftigt, ein Ausweichkrankenhaus für das Bremer Rot-Kreuz-Krankenhaus zu errichten.“ Die Männer waren häufig körperlich so geschwächt, dass sie die harte Arbeit nicht lange durchstanden. „Das Schicksal von Semjon Chwiz ist ein Beispiel, er ist 1922 geboren, ein junger Mann, und stirbt am 3. Januar 1942 in Bassum an Erschöpfung.“

Nach ihrem Tod wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen auf dem Jüdischen Friedhof begraben, weil ihnen die Wehrmacht die Bestattung auf einem christlichen Friedhof verwehrte. Manchmal wurden sie auch einfach nur im Wald verscharrt. „35 Tote für einen Ort wie Bassum ist eine sehr hohe Zahl. Hier handelt es sich durch die anstrengenden Bauarbeiten um ein besonders tödliches Arbeitskommando“, erläutert Hellwinkel.

Er würde sich wünschen, dass die Männer, nun, da man ihre Identität kennt, auch namentlich auf dem Friedhof Erwähnung finden und eine Informationstafel auf ihr Schicksal hinweist. „Wir haben unsere Ergebnisse auch bereits dem Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge gemeldet“, so Hellwinkel. Nun bekommen womöglich Familien in Russland endlich Gewissheit über das Schicksal ihrer lang vermissten Angehörigen, und vor allem die Chance, die Stätte zu besuchen, wo diese ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Die 35 Toten auf dem Jüdischen Friedhof in Bassum sind:

Wassilij Shdanow

33 Jahre alt, Elektriker, gestorben 25. November 1941, Arbeitskommando Bassum II Nr. 5807 (A)

Pjotr Winogradow

30 Jahre alt, Schuhmacher, gestorben 1. Dezember 1941, (A)

Pawel Mosin

41 Jahre alt, Bauer, gestorben 5. Juli 1943 (A)

Nikita Gareinow

31 Jahre alt, gestorben 9. Dezember 1941, Todesursache Erschöpfung

Fjodor Krylow

31 Jahre alt, gestorben 6. Dezember 1941 (A)

Nikolaj Rjasanow

Geboren 1902, Bauer, gestorben 9. Dezember 1941 (A)

Afanassij Sumatochin

42 Jahre alt, Bauer, gestorben 11. Dezember 1941

Wiktor Wikulow

32 Jahre alt, Veterinär, gestorben 9. Dezember 1941

Fjodor Toroptschin

41 Jahre alt, Schuhmacher, gestorben 20. Dezember 1941

Semjon Chwiz

19 Jahre alt, gestorben 3. Januar 1942, Todesursache Erschöpfung

Alexej Serow

25 Jahre alt, Schlosser, gestorben 12. Oktober 1943

Grigorij Tscheremissin

23 Jahre alt, Bauer, gestorben 6. März 1944, Todesursache: Lungenblutung

Wassilij Siminienko

28 Jahre alt, gestorben 17. März 1944, Todesursache: Konsum von Frostschutzmittel

Alexander Snatenko

30 Jahre alt, gestorben 17. März 1944, Todesursache: Konsum von Frostschutzmittel

Wiktor Stupin

28 Jahre alt, gestorben 17. März 1944, Todesursache: Konsum von Frostschutzmittel

Sidor Meshnow

36 Jahre alt, Bauer, gestorben 7. Januar 1942 (A)

Iwan Wasin

36 Jahre alt, Bauer, gestorben 7. Januar 1942 (A)

Danil Kusnezow

35 Jahre alt, Bauer, gestorben 17. Januar 1942 (A)

Dmitrij Siriwlja

24 Jahre alt, Bauer, gestorben 17. Januar 1942 (A)

Dmitrij Klimow

23 Jahre alt, Bauer, gestorben 19. Januar 1942 (A)

Iwan Sabolotnikow

25 Jahre alt, gestorben 24. Januar 1942 (A)

Sergej Gontscharow

40 Jahre alt, Metallarbeiter, gestorben 27. Januar 1942 (A)

Pjotr Puchow

32 Jahre alt, Dreher, gestorben 27. Januar 1942 (A)

Pjotr Tatarskich

33 Jahre alt, Bauer, gestorben 28. Januar 1942 (A)

Sergej Awdoschkow

32 Jahre alt, Maschinenführer, gestorben 31. Januar 1942 (A)

Alexandr Pankow

39 Jahre alt, Bauer, gestorben 3. Februar 1942 (A)

Iwan Schabunin

28 Jahre alt, Bauer, gestorben 3. Februar 1942 (A)

Timofej Timoschenko

25 Jahre alt, Bauer, gestorben 11. Februar 1942 (A)

Pjotr Matwejtschuk

44 Jahre alt, Landwirtschaftlicher Techniker, gestorben 4. Juli 1942 (A)

Alexej Choroschilow

Geboren 1901, Bauer, gestorben 6. Februar 1942 (A)

Nikolaj Klinow

Geboren 20. April 1906, Schuster, gestorben 14. Juli 1943

Aganow

Gestorben 17. November 1941

Maximow

Gestorben 14. November 1941

Jassnow

Gestorben 17. November 1941

Tscheranow

Gestorben 13. November 1941

KOMMENTAR

„Unbekannte Soldaten.“ Das steht auf den Gräbern des Jüdischen Friedhofes. Und es erscheint wie ein Euphemismus. Als wären sie im Kampf gefallen und diejenigen, die ihre Körper fanden, kannten ihre Namen nicht. Aber diese 35 Männer wurden ermordet. Und die Menschen, die daran mitwirkten, wussten oder hätten wissen können, wie sie hießen. Aber als sie begraben – oder vielmehr verscharrt wurden – hatte man schon lange aufgehört, sie wie Soldaten oder gar Menschen zu behandeln. Arbeitsmaterial ohne Namen, dem die Würde abgesprochen worden war. Wie mögen sie gefühlt haben, als sie nach Bassum kamen? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass sie schrecklich leiden mussten, ebenso wie ihre Familien, die bis vor Kurzem nicht wussten, was mit ihren Angehörigen geschehen ist. Zumindest diese Wunde kann nun geschlossen werden. Dafür sorgt die Kriegsgräberfürsorge. Dass solche Verbrechen auf deutschem Boden nicht noch einmal passieren, dafür sorgen – wir.

Auch er ist einer der Toten: Alexej Serow. Repro: Arolsen Archives

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