Zuhause war kein Platz für die junge Mama

Mutter mit gerade mal 15 Jahren - nervenaufreibende Zeit für Amelia

Amelie* und ihre Tochter Chantal* haben ihre erste Wohnung bezogen. Mitarbeiterinnen von Bernhard Schubert (rechts) helfen beim Start in ein neues Leben.
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Amelie* und ihre Tochter Chantal* haben ihre erste Wohnung bezogen. Mitarbeiterinnen von Bernhard Schubert (rechts) helfen beim Start in ein neues Leben.

Amelie* lächelt ihre Tochter Chantal* an. Sie ist vier Jahre alt, aber ihre Mutter erst 20. Amelie hat mit 15 Jahren ihr Kind bekommen – und anschließend einen anstrengenden Weg mit vielen Hürden hinter sich gebracht. Zum ersten Mal hat sie jetzt eine eigene Wohnung bezogen und erobert sich den Alltag neu.

  • Amelie ist gerade mal 15 Jahre, als sie Mutter wird
  • Zuhause ist für die junge Mutter kein Platz
  • Für Amelie beginnt eine nervenaufreibende Zeit

Landkreis Diepholz – „Möchten Sie einen Kaffee oder ein Wasser?“ Für unser Gespräch hat Amelie alles sorgfältig vorbereitet. Wir sitzen am Küchentisch der lichtdurchfluteten Wohnung. „Es war alles sehr nervenaufreibend“, blickt die 20-Jährige zurück auf die Zeit, in der sich ihr Leben urplötzlich verändert hat. Amelie ist 15 Jahre alt, als sie schwanger wird. Für ihre Familie ist der Zuwachs eine enorme Herausforderung: „Zuhause war kein Platz“, erläutert die junge Mutter. „Und allein wohnen hätte ich ja nicht gedurft....“

Mutter mit 15: Amelie kommt in Mutter-Kind-Einrichtung

Sie ist minderjährig, ihr bleibt nur der Weg in eine Mutter-Kind-Einrichtung – mit Zustimmung ihrer Eltern. Als Kind, das ein Kind bekommt, lebt sie in einer solchen Einrichtung im Bereich Wesermarsch. Gute Erinnerungen hat sie daran nicht: „Es war anstrengend. Der Betreuer hat nicht gepasst. Er hatte zu wenig Zeit“, schildert die junge Mutter ihre Erfahrung. Denn die Mutter-Kind-Betreuung sei nur ein Teil der Einrichtung gewesen – und für alle Aufgaben insgesamt habe es zu wenig Personal gegeben, so Amelies Erfahrung.

Sie bekommt ihr Kind – eine Tochter. „Drei Monate nach der Geburt musste ich wieder zur Schule“, schildert die 20-Jährige einen erneuten Einschnitt. Das Jugendamt hat verfügt, dass sie ihren Schulabschluss nachholt. Es ist eine stressige Zeit für die junge Mutter: Schule, Haushalt und Kind muss die 15-Jährige unter einen Hut bringen. „Ich bin morgens um 6 Uhr aufgestanden, habe die Sachen gepackt und meine Tochter dann in die Krippe gebracht. Danach geht es in die Realschule. Und der Schulweg dorthin? „Eine halbe bis dreiviertel Stunde.“

Junge Mutter macht nachts Schularbeiten

Nach Schulschluss holt sie ihre Tochter aus der Krippe, kümmert sich um Kind und Haushalt. Denn in der Einrichtung soll sie lernen, sich auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten. Doch die Unterstützung durch einen Betreuer vermisst sie: „Ich musste das alles selbst auf die Reihe kriegen. Schularbeiten habe ich oft nachts gemacht.“

Amelie schafft den Realschulabschluss und beginnt eine Ausbildung zur Frisörin. Doch nach einem halben Jahr ist Schluss: „Ich musste auch noch die Auseinandersetzung mit dem Jugendamt lösen.“ Sie habe geklagt, um die Einrichtung wechseln zu können, berichtet Amelie.

Amelie wechselt in betreutes Wohnen des Kinderheims „Kleine Strolche“

Das Gericht verfügt, dass sie in das betreute Wohnen des Kinderheims „Kleine Strolche“ in Asendorf wechseln soll – was der jungen Mutter zunächst gar nicht schmeckt: „Ich wollte nach Bremen.“ Deshalb fühlt sie sich unwohl auf dem Land. Dort bezieht sie zwei Zimmer, teilt sich mit einer anderen Mutter Küche und Bad – und ist bald doch froh, nach Asendorf gekommen zu sein.

Denn dort erfährt sie die Unterstützung, die sie sich wünscht. Mit regelmäßiger sozialpädagogischer Unterstützung, die im Kinderheim rund um die Uhr verfügbar ist, lebt sie mit ihrer Tochter ein Jahr lang einen neuen Alltag in Asendorf – und darf dann in die neue Probewohnung in Bassum wechseln: ein neues Leben auf rund 70 Quadratmetern Wohnfläche. Zweimal die Woche kann sie jetzt mit einer sozialpädagogischen Fachkraft der Familienhilfe Alltagssorgen und andere Fragen besprechen. „Die Fachkräfte haben Schweigepflicht“, betont Bernhard Schubert als Geschäftsführer des Kinderheims „Kleine Strolche“. Das sei auch in Asendorf so. Vier Mütter können dort mit ihren Kindern im geschützten Rahmen auf ein selbstständiges Leben vorbereitet werden.

Junge Mutter will Kräfte für ihre Zukunft nutzen

Amelie ist nach ihrem Umzug schon einen großen Schritt weiter – und will jetzt alle ihre Kräfte nutzen, um sich auf die Zukunft vorzubereiten. Hadert sie mit der Vergangenheit? „Irgendwann hat man die Nase voll von der Vergangenheit und ist froh, wenn man sie durch hat“, antwortet die 20-Jährige. Sie habe „viel Therapie“ gehabt, schon vor Asendorf.

Was wünscht sich Amelie für ihre Zukunft? „Dass die Kleine in die Kita gehen kann und dass ich arbeiten kann“, beschreibt sie einen ganz normalen Alltag. „Und wenn die Kleine in die Schule gehen kann, würde ich gern studieren“, fügt Amelie hinzu. Weil sie gern zeichnet und malt, möchte sie gern „in Richtung Kunst gehen“.

Mutter mit 15: Amelie möchte gerne nach Schwanewede ziehen

Eines ihrer Bilder hängt im Wohnzimmer. Es zeigt einen Abendhimmel mit hellen Punkten, die wie Sterne wirken. „Es ist noch nicht ganz fertig“, schmunzelt die 20-Jährige.

Zu ihrer Herkunftsfamilie hat die junge Mutter regelmäßig Kontakt, erläutert sie. Ausgeschlossen ist nicht, dass sie bald eine eigene, ganz besondere hat: Gern würde sie mit ihrer Lebensgefährtin und ihrer Tochter in Schwanewede zusammenleben. Amelie ist zuversichtlich: „Wir sind ja schon verlobt.“

*Namen von der Redaktion geändert

Zur Info: Durchschnittsalter der Gebärenden steigt 

Das Schicksal von Amelie – Mutter mit 15 – teilten im Jahr 2016 laut Statistischem Bundesamt bundesweit 313 Mädchen.  Minderjährige, die zu Müttern werden, sind in Deutschland kein Einzelfall. Im Jahr 2016 brachten bundesweit 3415 Mädchen und Frauen unter 18 Jahren Kinder zur Welt. Die Zahl sinkt jedoch: 2017 waren es 2842 und 2018 exakt 2445. Das durchschnittliche Alter der Mütter in Deutschland steigt: Lag es bei der Geburt des ersten Kindes statistisch gesehen 2014 noch bei 29,5 Jahren, so betrug es im Jahr 2018 genau 30 Jahre.

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