Familien-Serviceangebot in Bassum

Mütter auf Bewährung: Damit Leid sich nicht auf eigene Kinder überträgt

Kinderbuch-Autor Ingo Siegner ist den Kleinen Strolchen verbunden.
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Kinderbuch-Autor Ingo Siegner ist den Kleinen Strolchen verbunden.

Ein Kind großziehen, seine Talente fördern und ihm Orientierung geben: Das ist für manche Mütter eine extreme Herausforderung – nämlich dann, wenn sie selbst eine Kindheit voller seelischer Entbehrungen, Vernachlässigung oder gar Gewalt erleben mussten. Lernen, Mutter zu sein: Das ermöglicht ihnen das neue Mutter-Kind-Haus in Bassum. Dort sind sie Mütter auf Bewährung.

Bassum – „Ich würde mal sagen: Sie haben mich mit Zuneigung und Liebe geknackt“, sagt eine junge Mutter. Sie hat im Mutter-Kind-Haus in Bassum so etwas wie eine Familie gefunden: Menschen, die ihr handfest helfen, Mutter zu sein. Gemeinsam mit anderen Frauen lernt sie in der Strolchen-WG, ihr Kind verantwortungsvoll zu betreuen.

Mutter mit 15 ‒ und bislang völlig auf sich alleingestellt

Das ist nicht selbstverständlich. Denn alle Mütter in der Strolchen-WG haben ihren ganz persönlichen Rucksack – wie die junge Frau, die mit 15 Jahren schwanger geworden und ganz auf sich allein gestellt war. Oder die Mutter, die abhängig von einem gewalttätigen Partner war. Dann gibt es diejenigen, die im Heim aufgewachsen sind und ein ganz normales Familienleben gar nicht kennen.

Die Strolchen-WG ist eine Einrichtung des Kinderheims Kleine Strolche – und direkt neben der Strolchen-Villa entstanden, in der Kinder aus der Inobhutnahme leben. Vier separate Wohnbereiche bieten in der Strolchen-WG Platz für bis zu fünf Mütter mit insgesamt sieben Kindern. So unterschiedlich ihre Biografien auch sind – eines haben sie gemeinsam: Sie sind Mütter auf Bewährung. Mit professioneller Hilfe lernen sie, die Bedürfnisse ihrer Kinder wahrzunehmen und ihnen genau das zu geben, was sie für eine gesunde und erfolgversprechende Zukunft brauchen.

Einmalig in Niedersachsen: Fachkräfte 24/7 vor Ort statt Rufbereitschaft

Betreuung steht ihren rund um die Uhr zur Verfügung. Genau das ist in dieser Form einmalig in Niedersachsen, wie Bernhard Schubert als Geschäftsführer des Kinderheims Kleine Strolche erläutert: „Während viele Mutter-und-Kind-Einrichtungen nachts lediglich über eine Rufbereitschaft verfügen, gibt es bei den Kleinen Strolchen eine durchgängige Anwesenheit von pädagogischen Fachkräften im Tag- und Nachtdienst.“ Will heißen: Die jungen Mütter mit Handicap haben jederzeit einen Ansprechpartner. Das ist extrem wichtig, wenn Betroffene ihr Kind nachts nicht beruhigen können und völlig überfordert sind. Gerade in der Nacht sei der Stressfaktor besonders hoch, weiß Bernhard Schubert. „Deshalb ist es uns wichtig, den jungen Frauen eine durchgängige Unterstützung und das Gefühl von Sicherheit zu geben.“

Wohlfühl-Atmosphäre im Mutter-Kind-Haus: Geschäftsführer Bernhard Schubert im Gemeinschaftswohnzimmer. Dort sollen die jungen Mütter Kraft schöpfen für ihr Ziel: Gemeinsam mit ihren Kindern eine eigene Lebensperspektive entwickeln.

Das kostet Geld – aber zahlt sich am Ende aus, davon ist der Geschäftsführer überzeugt. Seine Frau Anja, die gebürtig aus Bassum kommt, ist froh über das Mutter-und-Kind-Haus in dieser Stadt. Genau das eröffnet lebensentscheidende Chancen. Manche haben sie nicht: Bernhard Schubert berichtet über den Fall einer jungen Mutter, die nachts ihr Kind schwer misshandelt hatte – in einer Einrichtung, die nur über eine nächtliche Rufbereitschaft verfügte: „Das Kind wird sein Leben lang behindert sein.“

Zum Konzept der Strolchen-WG gehören auch Einkaufskunde und Kochunterricht

Vertrauen, jederzeit verfügbare Hilfe und Geborgenheit – das ist demnach für junge Mütter in Ausnahmesituationen extrem wichtig. In der Strolchen-WG leben sie in hellen, geschmackvoll eingerichteten Wohnbereichen. Zu jedem gehört eine Küche, denn die Frauen sollen sich und ihre Kinder selbstständig versorgen lernen. Deshalb gehören auch Einkaufskunde und Kochunterricht zum Hilfskonzept.

Systemsprenger ‒ Wenn Kinder immer wieder in neue Einrichtungen müssen

Enttäuscht vom Leben und voller Sehnsucht nach Liebe, rasten sie oder reißen sie immer wieder aus: Kinder, die mit dem Leben im Heim oder in Erziehungsstellen nicht zurechtkommen. Das ZDF macht sie sichtbar, präsentiert nach der Fernsehausstrahlung das Sozialdrama „Systemsprenger“ und eine Dokumentation in der Mediathek.

Auch Bernhard Schubert kennt als Geschäftsführer des Kinderheims Kleine Strolche solche Kinder – und berichtet von einer 17-jährigen Schwangeren, die durch acht Einrichtungen gegangen war. „Bei uns hat sie das erste Mal vertrauen gefunden“, so Schubert. Auch eine 14-Jährige habe schon zahlreiche Inobhutnahme-Stellen erlebt und sei dann einfach ausgerissen. „Entspannt hat sie sich in unserer Wiege“, so der Geschäftsführer mit Blick auf den Spezialbereich für Kleinkinder. Dort habe die 14-Jährige keine Konkurrenz fürchten müssen. Kinder, die Vernachlässigung oder Gewalt erlebt haben und plötzlich in einer völlig fremden Umgebung leben müssen, stehen viel zu oft vor enormen Herausforderungen: „Wir wissen“, so Bernhard Schubert, „wie schwierig es ist, Angebote für Kinder zu schaffen, die sie auch annehmen.“

Das Haus verfügt über eine große Küche und ein Gemeinschaftswohnzimmer, das gemütlich eingerichtet ist. Denn Gemütlichkeit sorgt für Entspannung – und aus der entsteht Kraft für Herausforderungen. „Wir haben den Anspruch, dass alle Räume optimal für unsere Schützlinge ausgestattet sind und beim ersten Betreten ausstrahlen: Hier bin ich geborgen“, so Bernhard Schubert. Immer wieder Blickfang: Bilder des Kinderbuch-Autos Ingo Siegner, der die Kleinen Strolche unterstützt. Ein großer Garten und eine Balkonterrasse bieten den Kindern Spielmöglichkeiten. Blickfang ist eine große Bleistiftschaukel, die mit einer Spende des Vereins „Ein Tropfen Hoffnung“ von Andre Bartels gekauft werden konnte.

Ziel: Sprung in ein selbstständiges Leben

Wie lange bleiben die Mütter mit ihren Kindern in der Strolchen-WG? „Etwa ein Jahr oder länger“, antwortet Bernhard Schubert. Haben die Mütter die Erziehungsfähigkeit erworben und sind in der Lage, sich selbst und den Nachwuchs angemessen zu versorgen, können sie einen eigenen Haushalt gründen. „Die meisten Mütter schaffen im Kinderheim Kleine Strolche den Sprung in ein selbstständiges Leben“, sagt Bernhard Schubert, „nicht zuletzt, weil nach der Zeit im Mutter-Kind-Haus das Alleinleben in Trainingswohnungen geprobt werden kann.“ Dabei stehen ihnen Familienhelfer zur Seite.

Analog zum neuen Mutter-Kind-Haus soll auch dieses Angebot ausgeweitet werden. Bernhard Schubert hofft, den Müttern nach der intensivpädagogischen Zeit in der Strolchen-WG eine besondere Selbstständigkeit ermöglichen zu können, bevor sie mit ihren Kindern ganz ausziehen – in Verselbstständigungswohnungen mit professionellem Rat im Hintergrund.

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