Vortrag von Brigitte Hamacher

Expertin gibt Eltern Tipps: Mobbing ist nicht immer offensichtlich

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Mobbing findet nicht immer offensichtlich statt.

Bassum - Mobbing ist ein schwerwiegendes Problem. Mobbing hört nicht auf, wenn man es ignoriert oder gar verharmlost. Davon ist Brigitte Hamacher überzeugt. Sie ist Beraterin und Mobbing-Coach, möchte über das Thema aufklären, dafür sensibilisieren – und ihre Erfahrungen weitergeben, denn sie ist selber Mutter einer Tochter, die jahrelang schwer gemobbt worden ist.

Am Donnerstag, 16. August, referiert sie ab 19 Uhr in der Casa Vida, Osterbinder Straße 14, in Bassum. In einem Interview spricht sie unter anderem darüber, was Eltern betroffener Kinder keinesfalls tun sollen. Die Fragen stellte Julia Kreykenbohm.

Frau Hamacher, der Termin Ihres Vortrags ist direkt nach den großen Schulferien. Ein passender Zeitpunkt für das Thema Mobbing?

Brigitte Hamacher: Welcher Zeitpunkt ist für so ein schweres Thema schon passend? Sofern es dafür einen guten Termin gibt, ist er nach den Ferien sicherlich nicht schlecht, denn da sollten alle aufgeladen und für Veränderungen offen sein. In der Weihnachtszeit sind alle eher hektisch und haben keine Zeit.

Haben Sie den Eindruck, dass Mobbing zunimmt oder das jetzt nur mehr und offen darüber gesprochen wird?

Hamacher: Mobbing nimmt zu, weil es nicht mehr gestoppt wird. Früher wurden auch Kinder gehänselt, aber es gab Grenzen, die nicht überschritten wurden. Ab einem bestimmten Punkt war einfach Schluss und da haben alle drauf geachtet. Die Gesellschaft hat zum Teil noch miterzogen und sich eingemischt. 

Heute leben wir in einer Wegguck-Gesellschaft, in der sich kaum noch jemand einmischen will, um keinen Ärger zu bekommen. Dabei sind Mobbing-Opfer auf Hilfe von außen angewiesen. Aber man hat den Eindruck, so lange es die Leute nicht direkt betrifft, interessieren sie sich auch nicht dafür. Das ist einfach nur sehr traurig.

Brigitte Hamacher

Wird genug über das Thema gesprochen?

Hamacher: Es gibt immer Wellen, wo es viel diskutiert wird, die dann aber auch wieder verebben. Dann erfährt das Thema wieder weniger Aufmerksamkeit. Dabei sollten sich die Politik, Schulen, Krankenkassen, kurzum die Gesellschaft, damit befassen.

Wie Sie schon sagten, wurden auch früher manche Kinder gehänselt. Wann hört Hänseln auf und fängt Mobbing an?

Hamacher: Das ist gar nicht schwer festzustellen. Die Schwelle ist überschritten, wenn jemand so sehr leidet, dass er seine Identität verliert oder verändert. Die Schmerzgrenze ist bei jedem Menschen individuell verschieden. Wo der eine vielleicht nur mit den Schultern zuckt, ist der andere schwer getroffen. Dieser psychische Schmerz hinterlässt im Gehirn den gleichen Abdruck, wie ein körperlicher. 

Manche Täter gehen da sehr geschickt vor, sodass das Mobbing nicht offensichtlich ist. Wir müssen deswegen lernen, genauer hinzuschauen, denn wenn wir Einblick bekommen oder sich ein Betroffener offenbart, ist in der Regel schon sehr viel passiert.

Woran merke ich, dass mein Kind womöglich gemobbt wird?

Hamacher: Das Kind zieht sich zurück, kapselt sich ab und wird schweigsam. Es klagt über Kopf- und Bauchschmerzen, möglicherweise leiden auch die Zensuren.

Was können Eltern in solch einer Situation tun?

Hamacher: Seien Sie für Ihr Kind da und sagen Sie ihm das auch. Hören Sie zu, machen Sie Angebote, vielleicht etwas Schönes mit ihm zu unternehmen. Beziehen Sie die Schule mit ein, kehren Sie das Thema nicht unter den Teppich. Aber sorgen Sie dafür, dass das Vertrauen des Kindes nicht missbraucht wird, in dem es vor der Klasse bloßgestellt wird. 

Von irgendwelchen Workshops, in denen Kinder beispielsweise Schlagfertigkeit lernen, halte ich nichts. Ein introvertiertes Kind werden Sie damit nicht umkrempeln. Wichtiger ist, zu schauen, wo kommt das Mobbing her? Welche Strukturen begünstigen es? Natürlich erfordert das viel Arbeit und kann nicht in ein paar Tagen abgehandelt werden.

Was sollte man nicht tun?

Hamacher: Machen Sie auf keinen Fall Schuldzuweisungen, so nach dem Motto: „Denk mal über dein Verhalten nach, vielleicht hast du ja auch etwas falsch gemacht.“ Ein Mobbing-Opfer wird nur ein Mal nach Hilfe suchen. Wenn es dann kein Verständnis erfährt, wird es sich nicht wieder öffnen. 

Geben Sie keine Ratschläge wie „Ich an deiner Stelle würde dies und das machen“. Wenn das Kind das probiert und scheitert, wird es vermutlich nicht nur noch mehr unter Mobbing leiden, sondern auch noch das Gefühl haben, trotz Ratschlag versagt zu haben.

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