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Selbstverteidigung für Rollstuhlfahrer: Mit wenig Druck Schmerz erzeugen

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Von: Frauke Albrecht

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Jeder Griff hat eine Schwachstelle: Torsten Paul und Peer Klausing (Bild rechts) zeigen den Teilnehmern, wie sie sich verteidigen können.
Jeder Griff hat eine Schwachstelle: Torsten Paul zeigt den Teilnehmern, wie sie sich verteidigen können. © Albrecht

Die Kampfsportler Torsten Paul und Peer Klausing engagieren sich für die Initiative Inklusion braucht Aktion. In einem kostenlosen Workshop machen sie Rollstuhlfahrer fit.

Bassum – „Drück richtig fest zu. Ja, genau – jetzt hast du den Punkt. Jaaaaaa. Ich liebe das! Doller.“ Hannah muss lachen. Noch pikt sie ihren Trainer eher zaghaft mit dem Finger in den Hals. Sie traut sich nicht, möchte ihm nicht wehtun. Aber im Ernstfall weiß sie, was sie machen muss. Die 20-Jährige wird ihren Angreifer nicht ausknocken können, schon gar nicht wird sie ihm entkommen, denn Hannah sitzt im Rollstuhl. Sie kann ihm aber wehtun. Genau darum geht es. Hannah soll lernen, sich zu verteidigen, ihr Gegenüber abzuwehren, ihm im besten Fall Schmerzen zuzufügen. Somit kann sie Zeit gewinnen. Wertvolle Zeit, um Hilfe zu bekommen.

Neben Hannah trainieren an diesem Vormittag drei weitere Rollstuhlfahrer mit ihren Begleitern in der Sporthalle am Schützenplatz in Bassum Techniken der Selbstverteidigung. Eingeladen dazu haben Torsten Paul, Taekwondo-Trainer im TV Heiligenloh, und sein Schüler Peer Klausing.

Kurze Filmbeiträge bei Youtube zu sehen

Die beiden trainieren seit fünf Jahren zusammen. Peer Klausing sitzt selbst im Rollstuhl. Um zu zeigen, was dennoch möglich ist, haben sich die beiden Kampfsportler unter anderem an einer Film-Challenge beteiligt. So wurde die Initiative „Inklusion braucht Aktion“ auf sie aufmerksam. Deren Ziel ist es, Menschen für das Thema zu sensibilisieren.

Paul und Klausing sind mittlerweile Botschafter der Kampagne. Sie drehen unter anderem kurze Filmbeiträge mit Übungen, die zu Hause zum Nachmachen einladen. Mittlerweile sind zwölf Kurzfilme entstanden, die bei Youtube zu sehen sind.

Parallel dazu bildet Paul Klausing aus, damit der Bassumer andere Rollstuhlfahrer fit machen kann. Das kostenlose Selbstverteidigungstraining an diesem Vormittag ist quasi die Premiere. Die Kosten dafür übernehmen „Inklusion braucht Aktion“ und „Aktion Mensch“.

Förderung durch „Aktion Mensch“

Ein wirklich tolles Projekt, das sich allerdings erst einmal herumsprechen muss. Etwas überrascht hat die beiden die Zurückhaltung auf das Angebot. Ob es an Corona liegt oder daran, dass sich die Betreffenden nicht trauen oder eine falsche Vorstellung von Kampfsport haben? Paul: „Wir haben Plakate drucken lassen und verteilt, Werbung in den sozialen Medien gemacht, auch in der Zeitung. Es gab keine Reaktion.“ Zum Glück wurde die Rollstuhl-Rugby-Sparte des TSV Achim auf den Workshop aufmerksam und meldete sich mit sechs Personen an.

Rollstuhlfahrer verteidigt sich gegen Angreifer.
Peer Klausing (l.) trainert seit fünf Jahren mit Torten Paul. Er wird Rollstuhlfahrer bald selbst fit machen. © Albrecht, Frauke

Das Training ist auch für den erfahrenen Taekwondo-Trainer Paul eine Herausforderung. Denn jeder Teilnehmer hat eine andere Einschränkung, und so ist es nicht einfach, für jeden die richtige Technik zu finden. „Ich lerne heute mindestens genauso viel wie ihr“, sagt Paul. Anders als beispielsweise bei Peer Klausing, dessen Oberkörper noch sehr beweglich ist und der vor allem viel Kraft in den Armen hat, können Hannah und die anderen nicht kraftvoll boxen. Deshalb zeigen Paul und Klausing ihnen vor allem die empfindlichen Stellen des Körpers. Die Stellen, an denen mit wenig Druck starker Schmerz hervorgerufen werden kann. Unter anderem an der Innenseite des Arms, oberhalb des Ellenbogens, unter dem Kehlkopf, unter den Ohrläppchen, an der Innenseite der Oberschenkel oder unter der Nase, um nur einige zu nennen. Für den 15-jährigen Henry wertvolle Tipps. „Fußgänger sind uns Rollstuhlfahrern überlegen. Deshalb sind die Druckpunkte wichtig“, sagt er.

Mit wenig Druck starken Schmerz erzeugen

Geübt wird in Zweiergruppen. Einer mimt den Angreifer, der andere wehrt ab. Danach wechselt die Rollenverteilung. Sie lernen, sich aus Würgegriffen zu lösen und wie sie sich entziehen können, wenn sie festgehalten oder gezogen werden. „Jeder Griff hat eine Schwachstelle“, weiß Paul. Nämlich da, wo die Finger umfassen. „Kommt der Griff von oben, müsst ihr nach unten ziehen. Ruckartig“, lautet sein Tipp. Am besten noch mit einer Ablenkung. Wer kann, sollte treten, oder, wenn eine Hand frei ist, eine Backpfeife geben. Überhaupt: kneifen, beißen, kratzen, ins Auge piken. Im Ernstfall ist alles erlaubt. Keiner der Teilnehmer behauptet am Ende des Vormittages, wirklich vorbereitet zu sein. Aber: „Ich bin weniger ratlos als vorher“, bringt es Hannah auf den Punkt.

Mehr über die Kampagne

www.inklusion-braucht-aktion.de

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