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Kumpel mit Mikro: Johannes Oerding beim Bassum Open Air

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Von: Frank Jaursch

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Mehr als 4000 Besucher erlebten am Sonntagabend in Bassum einen zum Plaudern aufgelegten Künstler.
Mehr als 4000 Besucher erlebten am Sonntagabend in Bassum einen zum Plaudern aufgelegten Künstler. © Defort

Ein Mann und seine Stimme – und mehr als 4000 Menschen, die ihm zuhören: Johannes Oerding beim Bassum Open Air.

Bassum – 23 Uhr durch. Eigentlich ist die letzte Zugabe schon gespielt. Längst hat die Band die Bühne verlassen. Nur Johannes Oerding steht noch auf der Bühne und lässt das Publikum ein bisschen „An guten Tagen“ grölen. Er lächelt, hält inne und murmelt ein „Ach komm, ihr kriegt noch’n Song.“ Holt sich noch einmal die Gitarre und spielt sein leises Frühwerk „Für immer ab jetzt“.

Wo eben noch Jubelstimmung herrschte, ist es mucksmäuschenstill. Für die letzte Strophe verzichtet Johannes Oerding sogar auf die Gitarrenbegleitung. Nur ein Mann und seine Stimme – und mehr als 4000 Menschen, die ihm zuhören.

„Damals war die Freudenburg noch ein Puff, jetzt ist es Weltkulturerbe“

Der Auftritt des Deutschpop-Superstars am Sonntagabend – der Höhepunkt der diesjährigen Bassum-Open-Air-Saison – fand mit diesen leisen Tönen einen intensiven Abschluss. In den vorangegangenen zweieinhalb Stunden hatte der mittlerweile 40-Jährige unter Beweis gestellt, welche Qualitäten ihn seit seinem ersten Auftritt in Bassum vor sechs Jahren in die Riege der deutschsprachigen Superstars gespült haben. Eine dieser Qualitäten: Der Mann kann nicht nur außergewöhnlich gut singen, sondern auch ziemlich entspannt vor großem Publikum schnacken.

Der große Auftritt der kleinen Lotta.
Der große Auftritt der kleinen Lotta. © Defort

In Bassum plauderte er sich dabei phasenweise fast um Kopf und Kragen. Beim Rückblick auf seinen ersten Auftritt in Bassum im Jahr 2016 kalauerte er: „Damals war die Freudenburg noch ein Puff, jetzt ist es Weltkulturerbe“. An anderer Stelle rutschte ihm schon mal die (vermeintliche) Handynummer von Max Giesinger raus („extra vorm Konzert auswendig gelernt“). Immer wieder suchte er den Kontakt zum Publikum, reagierte auf Zwischenrufe, nahm sich Zeit, als die kleine Lotta ihm einen Brief überreichte („Na, Lotta, was willste, ‘n Bier?“), redete mit Konzertbesuchern, die seinen Nachnamen tragen. Und all das so normal, als würde man mit seinem Kumpel auf einen Plausch in der Kneipe sitzen.

Bei seinem launigen Gesabbel bediente der Wahl-Hamburger gekonnt das Klischee des Rockstars („Auf Tour wird niemals viel getrunken. Und da gibt’s auch keine anderen Frauen.“) – ebenso wie in den Titeln: Bei „Nie wieder Alkohol“ mogelte sich eine Passage aus Amy Winehouses „Rehab“ ein. Nach gut einer Stunde hatte Oerding gerade vier Titel geschafft. „Wir haben noch 44 Songs!“ verkündete er gut gelaunt.

Große Gesten und leise Töne: Johannes Oerding in Bassum.
Große Gesten und leise Töne: Johannes Oerding in Bassum. © Defort

Die schaffte er zwar nicht alle, stellte aber anschließend andere Kernkompetenzen seines künstlerischen Schaffens in den Vordergrund: eine Stimme, die derzeit im deutschen Pop-Business ihresgleichen sucht und mindestens (!) so gut klingt wie auf CD – und die durchaus bemerkenswerte Fähigkeit, kleine Textjuwelen in seine eingängigen Melodien einzuweben.

„Weiße Tauben“: Kraftvolle Kritik am Krieg

„Wenn überall immer alles geht, ist der Moment nichts mehr wert“: In „Anfassen“ beklagte Oerding den Verlust des echten Lebens durch das Leben in den sozialen Netzwerken. Und lächelte ein paar Textpatzer souverän weg. Es muss eben nicht überall immer alles gehen.

Es gab kraftvolle Kritik am Krieg durch das leider wieder aktuell gewordene „Weiße Tauben“, nostalgische Blicke in die Vergangenheit bei „Hundert Leben“ – und zerbrechliche Liebeslyrik in „Porzellan“. Dabei durfte die kleine Lotta sogar mit auf die Bühne und den Text für Oerding halten. Belohnung für den Job: Oerdings Ersatzhut.

Keine Berührungsängste: Johannes Oerding präsentiert sich als Star zum Anfassen.
Keine Berührungsängste: Johannes Oerding präsentiert sich als Star zum Anfassen. © Defort

Dass sich Oerding auf sein Team auf der Bühne verlassen konnte, versteht sich von selbst. Bassist Robin Engelhardt, Moritz Stahl an der Gitarre und Drummer Simon „Sissi“ Gattringer bekamen Raum und Zeit für hochklassige Soli.

„Wir kommen immer wieder“, rief Johannes Oerding am Ende seinem Publikum zu. Und man hofft, das sei ernst gemeint. Die Freudenburg wäre bereit.

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