Selbsthilfegruppe Kopfsalat aus Bassum

Lockdown setzt Menschen mit Depressionen zu

Mit der inneren Dunkelheit ringen Menschen mit Depressionen immer wieder. Durch den Lockdown wird ihnen dieser Kampf meist noch schwerer gemacht.
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Mit der inneren Dunkelheit ringen Menschen mit Depressionen immer wieder. Durch den Lockdown wird ihnen dieser Kampf meist noch schwerer gemacht.

Der Lockdown ist für alle Menschen eine schwere Zeit. Doch diejenigen, die emotional instabil sind, leiden besonders. Wie zum Beispiel Menschen mit Depressionen.

Bassum – Es ist, als wäre man sich selbst fremd. Wer ist diese Person, die sich von allem zurückgezogen hat und allein bei dem Gedanken, das Haus zu verlassen, Angstzustände bekommt? Das fragt sich Sandra Hille aus Twistringen noch immer. Sie selbst kann es nicht sein, denn sie war mal ganz anders. „Ich war viel auf Hobbymärkten unterwegs und gern unter Menschen.“

Doch in ihr sah es meist anders aus, als ihr Umfeld vermutete. „Nach außen war ich eine, die immer lachte. Ich ließ es nicht raus, gestand mir nicht ein, dass ich mich kaputt fühlte.“ Dann kam der erste Lockdown. Und das, was Sandra Hille nie zeigen wollte, brach sich gewaltsam Bahn und übernahm die Kontrolle. Diagnose: Depression.

So wie der Twistringerin geht es vielen Menschen. Wer schon vor der Krise psychisch angegriffen war, hält der Dauerbelastung durch den Lockdown mit seinen Auswirkungen kaum mehr stand. Mehr als 40 Prozent der Menschen mit Depressionen berichteten laut Apotheken Umschau von einer Verschlechterung ihres Krankheitsverlaufs in den letzten sechs Monaten. Sie erlitten zum Beispiel einen Rückfall oder ihre depressiven Symptome nahmen zu.

Selbsthilfegruppe ist oft einzige Anlaufstelle

Das bestätigen auch Thomas Dicks und Jennifer Marshall. Sie sind Gruppenleiter in der Selbsthilfegruppe Kopfsalat in Bassum und selbst betroffen. Bei ihnen sind Menschen willkommen, die an Depressionen, Angstzuständen, Burnout oder unter Mobbing leiden. „Für viele sind wir der einzige Strohhalm, weil die professionellen Stellen alle überlaufen sind“, weiß Thomas Dicks. Das sei schon vor Corona so gewesen. Aber nun habe sich die Lage noch mal verschärft, weil nicht mehr so viele Plätze vorgehalten werden können. „Manche rufen hier an und sagen, dass sie seit einem Jahr vergeblich auf eine Behandlung warten.“

Auch Sandra Hille ist seit einem Dreivierteljahr bei der Gruppe. Nachdem sie in einer Rehaklinik war, hätte sie eigentlich eine Art Nachsorge-Behandlung erhalten müssen, um langsam in den Alltag zurückzufinden. Doch die fand coronabedingt nicht statt. Haben sie, Jennifer Marshall und Thomas Dicks das Gefühl, dass Menschen mit Depressionen in der Krise oft vergessen werden? Alle drei nicken.

„In der Reha hatte ich drei Schritte nach vorne gemacht. Zuhause machte ich wieder zwei zurück und war wieder in meinem Tunnel“, schildert Sandra Hille. „Zu den Treffen der Gruppe zu gehen, ist das Einzige, was ich machen kann. Hier kann ich Sorgen und Ängste schildern, bekomme Ratschläge – und werde verstanden.“

Das Klima wird in der Krise rauer

Verstanden oder zumindest akzeptiert werden, das wünschen sich die Betroffenen, weiß Jennifer Marshall, die bereits seit zwölf Jahren mit ihrer Krankheit ringt. „Stell dich nicht so an“, „Nimm doch ‘ne Pille“ oder „Die Krankheit gibt es nicht“ – das sind Sätze, die wehtun. Und durch die Pandemie, das spüre man deutlich, würden die Menschen noch gereizter und ungeduldiger. „Depressive sind sensibler, was Störungen von außen angeht“, sagt Thomas Dicks. Dementsprechend treffen sie der raue Umgangston und das Unverständnis, das ihnen unter anderem bei manchen Ämtern entgegengeht. „Schlimm ist auch, wenn sie dich behandeln, als hättest du einen Dachschaden“, findet Thomas Dicks.

Betroffene neigten dazu, sich abzukapseln und kaum noch Menschen zu treffen, zumal sie sich nur schwer aufraffen können. „Daher ist es gerade für sie wichtig, draußen zu sein, spazieren zu gehen und Kontakte zu pflegen“, schildert der Gruppenleiter. Dementsprechend hart war der Schlag im ersten Lockdown, als die Gruppe sich für drei Monate nicht mehr treffen durfte, die für viele ein sicherer Ankerpunkt war. „Da ist uns die Kinnlade heruntergefallen“, so Thomas Dicks. „Ich war fertig“, gesteht Sandra Hille.

Gruppe darf sich treffen

Mittlerweile darf die Gruppe sich wieder unter Coronabedingungen treffen – was auch nicht von jedem gutgeheißen wird. „Manche regen sich darüber auf, aber ich denke mir, dass die Menschen, die zu uns kommen, schon genug leiden müssen“, findet Jennifer Mashall. Sie hätten es eine Weile auch per Video-Konferenz versucht, doch der Erfolg sei mäßig gewesen, weil nicht jeder die Technik versteht. Thomas Dicks sei auch zu den einzelnen Mitgliedern hingefahren, die zwischen 23 und 65 Jahren sind. „Wir sind ja wie eine kleine Familie“ und Sandra Hille ergänzt: „Im Notfall ist immer jemand da, den man anrufen kann.“

Jennifer, Thomas, Sandra und die ganze Gruppe laden jeden Betroffenen, aber auch Menschen, die glauben, betroffen zu sein, herzlich ein, sich mal bei Kopfsalat zu melden. Denn sie wissen auch: „Depression ist ein schleichender Prozess und es dauert eine Weile, bis man merkt, dass etwas nicht stimmt. Und sie verschwindet selten ganz. Man lernt nur, damit umzugehen.“

Kontakt

Interessierte können sich im Internet unter www.shg-kopfsalat.de oder unter der Nummer 04246/2999872 melden.

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