Martin Freye kritisiert die zunehmende Dokumentationspflicht

„Das ist für Gastwirte völlig realitätsfremd“

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Arbeitsplatte gewischt: Martin Freye trägt es ein.

Bassum - Von Frauke Albrecht. In der Küche und den Lagerräumen von Martin Freye vom gleichnamigen Gasthaus hängen überall Listen. Das ist nicht etwa, weil Martin Freye so vergesslich ist. Die tägliche Dokumentation sämtlicher Arbeiten gehört für ihn zum Geschäft – „und das nervt unglaublich“, sagt der Gastwirt. Denn vieles von dem, was der Gesetzgeber fordert, hält Freye für unsinnig und Geldschneiderei. „Und der Papierkram wird immer mehr“, ärgert er sich über die zunehmende Bürokratisierung.

Seit kurzem müssen sämtliche Arbeitszeiten von Arbeitnehmern für jeden Tag mit Pausen aufgeschrieben werden. „Früher reichte ein Stundenzettel“, erinnert sich Freye, der zugleich Ansprechpartner im Dehoga-Ortsverband Bassum ist.

Das größte Problem stelle das Arbeitszeitgesetz dar. Dieses lege eine Höchstarbeitszeit von acht Stunden pro Tag fest. „Diese kann zwar auf maximal zehn Stunden verlängert werden, muss dann aber innerhalb eines halben Jahres ausgeglichen werden. Das ist für einen Gastwirt völlig realitätsfremd“, sagt Freye.

Besonders bei den Nebenbeschäftigten, die sich in seinem Betrieb etwas dazu verdienen möchten, könne er nicht sicher sein, wie lange sie an dem Tag vorher gearbeitet haben. „Außerdem haben sie einen Zweitjob, weil sie sich etwas dazuverdienen müssen oder wollen“, gibt er zu bedenken.

Er wünscht sich eine praxisorientierte Lösung: Unter klar definierten Voraussetzungen müsse eine Verlängerung auf 12 Stunden für volljährige Arbeitsnehmer möglich sein. „Ich kann mir bei einer Feier nicht eine zweite Schicht leisten. Vor allem weiß ich gar nicht, wo ich die ganzen Leute hernehmen soll.“ Konsequent umgesetzt würde die Änderung bedeuten, dass die Familienfeier demnächst um Mitternacht enden muss, egal wie gut die Stimmung ist.

Der Dehoga-Landesverband fordert eine Ausnahmeregelung für das Gastgewerbe. Ähnliches gilt bereits für die Landwirtschaft, Schausteller und Pflegeberufe. Auch Freye hat unterschrieben, bisher aber noch keine Rückmeldung erhalten.

Damit endet die „Dokumentationswut der Behörden“, wie Freye sagt, noch lange nicht: „Ich darf nicht mal einen Fliegenfänger aufhängen, ohne das zu notieren.“ Arbeitsplatte abgewischt? Wer hat‘s wann gemacht? Angaben zu Hygiene, Arbeitsschutzunterweisungen, Speisentemperaturen, Kühlhaustemperaturen und weiteres müssen aufgelistet werden – täglich.

Bei Verstößen drohen Bußgelder.

Auch Allergene müssen auf der Speisekarte notiert sein. Für jedes Gericht, für jede Zutat. Freye schimpft: „Was für ein Schwachsinn. Allergiker fragen nach.“

Was den Bassumer Gastwirt regelmäßig auf die Palme bringt, sind die Forderungen der Gema. Das ist die Gesellschaft, die die Urheberrechte für Musiker und Künstler vertritt. „Das ist der größte Kostenfaktor für jedes Haus.“

Im März hatte Martin Freye Kohl-Partys veranstaltet und diese bei der Gema gemeldet. Seine Kalkulation: „Ich nehme 41 Euro Pauschale pro Person. 15 Euro sind fürs Essen, 24,10 für Getränke und 1,90 für Musik.“ Die Gema fordert 9,94 Euro pro Person für die Musik. „Um dann noch zu verdienen, müsste ich die Preise anheben. Das würde aber keiner bezahlen wollen“, erklärt der Bassumer das Dilemma.

Ebenfalls neu: Seit Januar müssen Gastwirte in Niedersachsen für die Routinekontrollen der amtlichen Lebensmittelüberwachung Gebühren zahlen. „Das gibt es in keinem anderen Bundesland.“

Bereits seit drei Jahren Pflicht: Überwachung der Hausinstallation laut Trinkwasserverordnung. „Das sind mal eben rund 200 Euro“, lässt sich Freye in die Bücher gucken. „Da kommt einer vom Landkreis, dreht den Wasserhahn auf und nimmt eine Probe.“ Freye hat nicht etwa eine eigene Wasserversorgung. Er ist, wie alle, an das öffentliche Netz angeschlossen, bekommt das Trinkwasser von den Wasserwerken.

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