Die lockere Selbsthilfegemeinschaft „Auswege“ unterstützt Drogensüchtige und Alkoholiker in Bassum

„Den Scheiß mach‘ ich nicht nochmal mit“

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Fünf Prozent der Deutschen sind alkoholkrank, zehn Prozent gefährdet. Die Dunkelziffer ist hoch.

Bassum - Von Maik Hanke. Als er sich nach dem ersten Schluck Bier übergibt und trotzdem weiter trinkt, weiß er, dass er ein Problem hat. Der Mann, der namentlich nicht genannt werden möchte, ist Alkoholiker.

Es hat Jahre gedauert, bis er sich überwunden und eine Therapie angefangen hat. Jetzt ist er trocken. Geholfen hat ihm die Selbsthilfegruppe „Auswege“. Eine besondere Gemeinschaft für ihre Mitglieder – und die vielleicht lockerste Selbsthilfegruppe der Gegend.

„Im Moment stehe ich richtig unter Stress“, sagt ein junger Mann mit kurzgeschorenen Haaren. Mit seiner Exfrau habe er Streit ums Sorgerecht des gemeinsamen Kindes, sagt er. Gleichzeitig ist seine aktuelle Freundin hochschwanger. „Ansonsten läuft alles gut.“

Ein Mann mit müden Augen sorgt sich um seine Oma. „Sie sieht so an die Decke, als ob sie schon den lieben Gott sieht“, sagt er leise. „Sonst gibt es nichts Neues.“

Es ist die wöchentliche Einführungsrunde bei der Selbsthilfegruppe „Auswege“ für Alkohol- und Drogensüchtige. Neun Menschen sitzen an einem Donnerstagabend in der Release-Suchtberatungsstelle an der Meierkampstraße in Bassum. Sechs Männer, drei Frauen. Alkohol ist erst mal kein Thema.

Alle haben bereits eine Therapie hinter sich, es gibt mittlerweile auch andere Themen in ihren Leben. Probleme, über Drogen zu sprechen, hat aber keiner von ihnen. Sie wissen, wer und was sie sind. Jede Biografie ist einzigartig, und doch haben alle mehr oder weniger das Gleiche durchgemacht.

„Wenn ein Neuer in die Runde kommt, fragen wir nicht: Was hast du gemacht? Das wissen wir alle“, sagt Uwe Fischer. „Wir warten, bis jemand von alleine erzählt.“ Er ist so etwas wie der Kopf der Gruppe. Uwe Fischer ist nicht sein richtiger Name. Er und die anderen wollen ihre Namen und ihre konkreten Geschichten lieber nicht in der Zeitung lesen. Zu sehr ist das Thema noch mit sozialem Abstieg verbunden.

Fischer ist der Fünfte in der Runde, der zu Wort kommt. Als Erster spricht er über Alkohol. Der Mann mit grauen Haaren hat Angst vor einem Rückfall. Seine Lebenspartnerin sei kürzlich gestorben, erzählt er. Das Alleinsein falle ihm schwer. „Die Abende sind wirklich, wirklich scheiße.“ Vorsichtshalber hat er allen Alkohol, der im Haus war, weggekippt. Manchmal gehe er in die Kirche. Das helfe. Vor allem gibt ihm die Selbsthilfegruppe Halt. Ihr kann er alles anvertrauen. Fast wie einem Tagebuch. Bloß dass es hier auch eine Antwort gibt.

„Wer in eine Selbsthilfegruppe geht, hat wesentlich höhere Chancen, trocken zu bleiben“, sagt Fischer. Aber die Gruppe müsse auch zu einem passen. Den meisten, die bei „Auswege“ mitmachen, hat es bei den anderen Gruppen der Gegend nicht gefallen. Die waren ihnen entweder zu groß, zu streng und/oder zu alt. Viele Teilnehmer seien dort schlicht schon zu lange trocken und „raus aus dem Thema“, wie Fischer sagt.

„Auswege“ ist hingegen die vielleicht lockerste Selbsthilfegruppe der Gegend. Die Donnerstage sind den Mitgliedern heilig. Es hat sich eine Freundschaft entwickelt. Zwei bis drei Mal im Jahr gehen sie zusammen essen, manchmal machen sie Ausflüge. Die Verbindung geht über das Thema Alkohol hinaus.

Die meisten Mitglieder kennen sich seit zwei oder drei Jahren. Voraussetzung dabei sein zu dürfen, ist eine professionelle Therapie. Denn die kann die Selbsthilfegruppe nicht ersetzen.

Fünf Prozent der Deutschen sei alkoholkrank, berichtet Fischer, zehn Prozent gefährdet, und die Dunkelziffer hoch. Es sei kein Problem, heißt es, wenn jemand jeden Abend sein Bier trinke. Nur, – Kontrollfrage! – was ist, wenn kein Bier mehr im Haus ist? Kann man auch ohne? „Wenn ich zur Tanke fahre und mir welches hole, sollte ich mir Gedanken machen“, sagt Fischer.

So ziemlich jeder Alkoholiker leugnet zunächst, ein Problem zu haben. „Ich doch nicht! Das sind die Haste-mal-n-Euro-Leute am Bahnhof“, rekonstruiert Fischer. Auch die Mitglieder bei „Aushilfe“ haben zunächst so gedacht.

Aber selbst wenn man eines Tages sein Problem erkennt, dauert es oft Jahre, ehe man sich traut, sich Hilfe zu suchen. Man sollte sich zunächst an jemandem wenden, dem man vertraut, sagt Fischer.

So komplex wie die Auswege aus der Sucht sind auch die Gründe für die Abhängigkeit. Jede Geschichte ist einzigartig, zeigt sich in der Selbsthilfegruppe. Der eine hatte süchtige Eltern, rutschte im frühen Teenager-Alter fast zwangsläufig in die gleiche Schiene. Andere wollten nach der frustrierenden Arbeit abschalten, besser schlafen, sich mit einem Drink belohnen. Manche hofften auch, durch Alkohol einen Schicksalsschlag zu vergessen.

Übergang in die

Sucht ist fließend

Wiederum andere haben regelmäßig Party gemacht, tranken, um die Zunge zu lockern, Frauen ansprechen zu können. Ob es destruktive oder gut gemeinte Gründe waren, mit dem Trinken anzufangen: Der Übergang zur Sucht war bei allen fließend.

„Sucht ist richtig Stress“, sagt Fischer. Es sei peinlich, dauernd im Supermarkt Flaschen zu kaufen und zurückzubringen. Man wechselt also ständig die Läden, stellt sich Pläne zusammen, wann man wie wo welche Flaschen kaufen kann. Das ganze Leben dreht sich um die Sucht.

Wer vom Alkohol wegkommen will, muss sich eine Ersatz-Beschäftigung suchen. Die Zeit, die man dem Alkohol gewidmet hat, muss anders gefüllt werden. Man muss sein Leben völlig umkrempeln. Besonders schwer sei es, dass einem Alkohol überall begegne. Die kleinen Flaschen an der Supermarktkasse seien „so verführerisch wie die Süßigkeiten bei den Kindern“, sagt Fischer.

Er hat damit zu leben gelernt. Ihm hat es nichts ausgemacht, dass seine Frau zu Hause gelegentlich Alkohol trank. Nach ihrem Tod aber ist die Gruppe „Auswege“ für Fischer wichtig wie eh und je. Um sich immer zu erinnern, wie schlecht es ihm ging, und dass nichts einen Rückfall wert ist. Fischer: „Diesen Scheiß mach‘ ich nicht nochmal mit.“

Info und Kontakt:

„Auswege“ – Selbsthilfegemeinschaft in der Suchtkrankenhilfe im Landkreis Diepholz e.V. wurde 2010 gegründet und ist seit 2013 ein eingetragener Verein.

Die Mitglieder treffen sich jeden Donnerstag von 19 bis 20.30 Uhr in der Release-Suchtberatungsstelle an der Meierkampstraße 17 in Bassum. Eine professionelle Therapie leisten und ersetzen die Treffen nicht.

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