„Resignative Rückzugswelle“

Beratungsstellen Bassum und Sulingen: Lockdown ließ Anmeldungen sinken

Der Psychologe Markus Melnyik und die Ehe-, Familien- und Lebensberaterin Gaby Hübner.
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Eine angenehme Gesprächsatmosphäre ist (v.l.) Gaby Hübner und Markus Melnyk, hier in der Beratungsstelle Bassum, wichtig.

Beratungsstellen in Bassum und Sulingen ziehen Bilanz: im Lockdown weniger Anmeldungen für Hilfen in Krisensituationen.

  • Aber insgesamt rund gleich viele Anmeldungen wie im Vorjahr.
  • Beraterin: „Wir spüren eine große Verunsicherung“.
  • Insbesondere Menschen aus Pflege-Berufen sind enorm belastet.

Landkreis Diepholz – Corona hat die Welt verändert – und Menschen in ohnehin schwierigen Lebenslagen mit neuen Herausforderungen belastet. Das wissen der Psychologe Markus Melnyik und die Ehe-, Familien- und Lebensberaterin Gaby Hübner aus Erfahrung. Als Fachkräfte der psychologischen Beratungsstellen Bassum und Sulingen arbeiten sie – gemeinsam mit ihren Kollegen – mit Menschen auf der Suche nach einem Ausweg aus der Lebenskrise oder aus einer schwer belastenden Situation.

Weniger Anmeldungen im Lockdown

Doch mit dem Lockdown ist die Zahl der Anmeldungen spürbar gesunken.

Markus Melnyk, Leiter der Beratungsstellen in Bassum und Sulingen, spricht von einer „resignativen Rückzugswelle“, hinter der sich wahrscheinlich ein großer Bedarf an Hilfe anstaue. Aber in Zeiten der Angst vor Ansteckung wächst die Passivität, gerade ältere und belastete Menschen trauen sich nicht mehr aus dem Haus. „Wir spüren eine große Verunsicherung“, berichtet Gaby Hübner.

Telefon-Beratung hat an Bedeutung gewonnen

Deshalb hat die telefonische Beratung einen enormen Stellenwert. „Aber die Erfahrung zeigt: Die meisten möchten gerne kommen.“ Was auch in Corona-Zeiten kein Problem ist, weil die gebotenen Hygieneregeln strikt eingehalten werden. „Eine Ausnahme waren die ersten sechs Wochen der Lockdown-Phase im Frühjahr 2020, in der aber telefonische Beratungsgespräche geführt werden konnten“, stellen Markus Melnyk und Gaby Hübner klar.

Pflegekräfte leiden unter Belastung und mangelnder Wertschätzung

Andererseits berichten sie über eine große Erleichterung der Ratsuchenden: „Sie nahmen persönliche Gespräche größtenteils sehr gerne an.“ Vor allem Klienten aus dem pflegerischen und medizinischen Bereich, die vor großen seelischen Herausforderungen stehen, suchen Unterstützung: „Es sind Menschen, die andere Menschen sterben sehen“, formuliert es Gaby Hübner. Eine Supervision, also eine systematische reflektierende Entlastung, gebe es in diesen Bereichen bekanntlich nicht, bedauert sie. „Corona deckt auf, wie wenig diese Menschen wertgeschätzt werden.“ Dabei würden sie so viel für die Gesellschaft leisten.

Familien unter Druck

Die Pandemie wirft aber genauso lange Schatten auf Familien. Beispielhaft berichten die Mitarbeiter der Beratungsstelle über eine Mutter, deren Kinder sich gegenseitig angegriffen haben – nicht nur mit aggressiven Worten, sondern auch körperlich: „Ihnen fehlen der Kontakt und die Spielmöglichkeiten mit anderen Kindern.“

Auch Erwachsene stehen stark unter Druck – in unterschiedlicher Hinsicht. Markus Melnyk beschreibt das so: „Es gibt Spannungen und Konflikte in Partnerschaften, es gibt depressive Verstimmungen und es gibt Ängste.“ Es sind Probleme, „die nicht unbedingt mit Corona zusammenhängen, die sich aber potenzieren“.

Einschränkungen verstärken schwierige Partnerschaften

Kein Sport, keine Musikveranstaltungen, keine Freizeitmöglichkeiten – und damit keine Entlastungen: Die Einschränkungen durch die Pandemie wirken also in ohnehin schwierigen Partnerschaften oder Lebenssituationen wie ein Brandbeschleuniger. Überforderung trifft Familien genauso wie Alleinstehende und Paare – vor allem aber Alleinerziehende, so die Erfahrung der Fachkräfte. Mehr als ein Drittel der Klienten, exakt 36 Prozent, waren 2020 Alleinerziehende.

Gesamtzahl der Anmeldungen etwa gleichgeblieben

Die Beratungsstelle in Trägerschaft des Bistums Osnabrück arbeitet an zwei Standorten mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In Bassum bildet die Ehe-, Familien- und Lebensberatung einen Schwerpunkt, in Sulingen die Beratung von Eltern, Kindern und Jugendlichen. Insgesamt verzeichnete die Einrichtung im vergangenen Jahr 257 Anmeldungen – davon 163 in Bassum: „Dies ist, trotz der deutlich rückläufigen Anmeldungen im Frühjahr infolge der ersten Lockdown-Phase, eine im Vergleich zu den Vorjahren fast gleich hohe Zahl.“

Insgesamt 570 Ratsuchende

Unabhängig von den Neuanmeldungen: Hinter den nackten Zahlen stehen insgesamt 570 Ratsuchende, mit denen die Berater in 369 Fällen arbeiteten – in manchen also weiterführend. Wie lange dauert es, bis eine Lösung gefunden ist? Laut Statistik liegen zwischen Erstgespräch und Beratungsabschluss im Schnitt 6,4 Sitzungen. Wobei Jugendhilfefälle offenbar weniger Zeit brauchen, denn dafür liegt der Durchschnittswert bei sechs Sitzungen, während es in der Ehe- und Lebensberatung 6,9 sind.

In manchen Fällen blieb es bei Null: „Bei 16 Prozent der angemeldeten Fälle hat 2020 kein Beratungskontakt stattgefunden“, berichten die Fachkräfte – und erläutern: „Diese Ratsuchenden sagten den Termin zum Erstgespräch aus unterschiedlichen Gründen entweder vorzeitig ab oder sie erschienen ohne vorherige Abmeldung nicht.“ Dafür gab es manchmal pandemiebedingte Gründe: „Es zeigte sich vermehrt, dass Eltern häufiger kurzfristig ihren Beratungstermin absagen mussten, da sie aufgrund der Coronaregelungen keine Fremdbetreuung für ihre Kinder einrichten konnten.“

Unterschiedliche Schwerpunkte in den Beratungsstellen

Dabei sind Umgangs- oder Sorgerechtsstreitigkeiten nach Trennung eines Elternpaares immer wieder Thema. Denn darauf entfallen 19 Prozent aller Beratungsfälle in Sulingen – gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um zehn Prozent. Mehr als ein Viertel (exakt 27 Prozent) der betroffenen Kinder waren laut Statistik zwischen 15 und unter 18 Jahre alt.

In der Partnerschafts- und Lebensberatung in Bassum waren knapp die Hälfte (exakt 43 Prozent) Paarberatungen mit dem Schwerpunkt Beziehungskonflikte, Trennung oder Scheidung. 32 Prozent von ihnen haben Kinder im Alter unter 18 Jahren. „Die Beratungen haben für die betreffenden Kinder eine hohe präventive Bedeutung“, betonen die Fachkräfte. Denn: „Gelingt es den Eltern, die Paarberatung so zu nutzen, dass sie ihre Beziehungsfähigkeit verbessern und womöglich eine Trennung vermeiden, hat dies positive Auswirkungen auf die seelische Entwicklung ihrer Kinder und für deren zukünftige eigene Paarberatungen.“

Frauen holen sich häufiger Hilfe

Die Statistik beweist aber auch, dass sich Frauen schneller Hilfe holen als Männer – zumindest bei den Einzelberatungen: 68 Prozent waren Frauen, sie bildeten also mehr als zwei Drittel dieses Klientels. Fast die Hälfte (exakt 43 Prozent) dieser Ratsuchenden waren 51 bis 60 Jahre alt. Trauer bildete dabei einen Beratungsschwerpunkt.

Hintergrund

Das Bistum Osnabrück ist Träger der Beratungsstelle in Bassum (04241/1003) und Sulingen (04271/ 6575). Fünf feste und fünf freie Mitarbeiter waren 2020 mit insgesamt 125,25 Wochenstunden im Einsatz. Die Beratung ist kostenfrei.

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