Rettung vor der Tonne

Sandy Ockendorf kämpft gegen Lebensmittelverschwendung

Sandy Ockendorf möchte möglichst viele Lebensmittel retten. Dafür hat sie extra Kühlschränke und -truhen angeschafft.
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Sandy Ockendorf möchte möglichst viele Lebensmittel retten. Dafür hat sie extra Kühlschränke und -truhen angeschafft.

Bassum – Es sind etwa 60 bis 90 Paletten pro Woche, schätzt Sandy Ockendorf. Soviele Lebensmittel, die noch völlig in Ordnung sind und ohne Bedenken gegessen werden könnten, würden einfach weggeworfen – wenn es Ockendorf und ihre Mitstreiter nicht gäbe. Denn die sorgen dafür, dass diese Lebensmittel Abnehmer finden und ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt werden. Sie sind die „Lebensmittelretter“.

Angefangen hat es damit, dass Ockendorf auffiel, wie viele Lebensmittel im Müll landen. „Ich sah die vollen Tonnen bei den Supermärkten. Ich sah es bei Feiern von Bekannten, wo viel gekocht oder gegrillt wurde, was gar nicht alles gegessen werden konnte – und dann weggeworfen wurde. Da fängt man an, nachzudenken, wie man einen Beitrag leisten könnte, damit das weniger wird.“

Ockendorf recherchierte im Netz zum Stichwort Lebensmittelrettung und fand Gleichgesinnte. Eine Bekannte stellte den Kontakt zu einem großen Unternehmen her, das verschiedene Lebensmittel vertreibt. „Wir haben dort angefragt, ob sie etwas abzugeben haben und das Unternehmen war einverstanden.“

Wichtig ist Ockendorf, dass sie der Tafel oder anderen Einrichtungen nicht ins Gehege kommen. „Wir kommen als letzte an die Reihe und nehmen nur das, was die anderen übrig lassen.“ An zwei festen Abholtagen in der Woche fährt einer der insgesamt 15 Großabholer der Gruppe, zu denen auch Ockendorf zählt, mit einem 40-Tonner zu diesem Unternehmen. Eine Sulinger Spedition stellt den Lastwagen samt Fahrer zu einem günstigen Preis zur Verfügung. Von dort aus geht es zu einem Umschlagplatz in Martfeld. Dort warten die übrigen Großabholer – und meist noch viele freiwillige Helfer, ohne die das Ganze kaum möglich wäre.

Die Ware wird umgeladen und zu verschiedenen Stationen in vier Landkreisen gebracht: Delmenhorst, Nienburg, Diepholz und Bremen. Zwei Stationen liegen in Bassum. Eine davon ist das Elternhaus von Ockendorf, die selber in Ehrenburg lebt. Sobald die Ware angekommen ist, packt Ockendorf sie in Kühlschränke und Truhen, die sie extra für diesen Zweck angeschafft hat. Auch ein Pavillon mit Tischen und Kisten steht auf dem Hof bereit.

Danach schickt Ockendorf eine Nachricht an ihre Messenger-Gruppe, die den Namen „Tischlein deck dich“ trägt. Sie informiert die Leute in ihrem Verteiler, welche Ware bei ihr zwischenlagert. Das kann alles Mögliche sein, von Obst und Gemüse bis hin zu verschiedenen Kühlprodukten.

Danach kann jeder kommen und sich etwas holen – kostenlos. Dabei spielt es keine Rolle, ob derjenige sich das Essen leisten könnte oder nicht. „Wir sind nicht die Tafel, wo Leute nachweisen müssen, dass sie bedürftig sind. Hier geht es ja um etwas anderes. Nämlich darum, dass keine Lebensmittel weggeworfen werden, die noch völlig in Ordnung sind, und Ressourcen zu schonen.“

So kommt es, dass zu der Gruppe Gutverdiener zählen, ebenso wie Leute, die ihr Geld zusammenhalten müssen. „Und die kommen dann oft auch bei uns miteinander ins Gespräch“, freut sich Ockendorf. „Richtige Freundschaften sind auf diesem Weg schon entstanden. Es ist schön, etwas Gutes zu tun und damit auch Leute glücklich zu machen.“ Das entschädige auch den Aufwand, der nicht gering ist. „Für sowas macht man das gerne.“

Einfach weggeworfen. Dabei sind viele Lebensmittel, die in der Tonne landen, noch völlig in Ordnung. Damit das nicht passiert, hat sich Sandy Ockendorf mit Gleichgesinnten zusammengetan.

81 Mitglieder zählt „Tischlein deck dich“, die nun seit knapp zwei Jahren existiert. „Die meisten sind über Mundpropaganda reingekommen“, so Ockendorf. „Und das Interesse wächst. Die Leute in Bassum sind aufgeschlossen, während sie in Ehrenburg zurückhaltender waren. Vielleicht, weil es etwas kleiner ist und die Leute Hemmungen haben – was wirklich niemand haben muss.“

Zurzeit gibt es einen Aufnahmestopp in der Gruppe. „Aber Interessierte können sich immer gerne melden“, versichert Ockendorf. „Entweder rutschen sie irgendwann nach oder ich vermittelte sie an einen anderen Verteiler.“ Auch Unternehmen, die Lebensmittel abgeben möchten, können sich melden. „Jeder kann mit Kleinigkeiten etwas zum großen Ganzen beitragen“, ist Ockendorf überzeugt. So finde nach und nach ein Umdenken bei den Leuten statt. „Vielen entwickeln durch die Gruppe ein neues Bewusstsein, und darum geht es. So sind zum Beispiel viele Helfer, die zum ersten Mal beim Ausladen der Waren helfen, regelrecht erschlagen, wenn sie sich klar machen, dass all das weggeschmissen worden wäre.“

Kontakt

verteilerbassum@gmx.de

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