Neues Haus mit Intensivbetreuung / Ziel: Selbstständig für die Kinder sorgen

Lernaufgabe: Zuverlässig Mutter sein

Dieses weiße Wohnhaus in Bassum wird zu einem Schutzhaus für Mütter und ihre Kinder: Bernhard Schubert und Lina Kirck erwarten die ersten Bewohner Ende März 2021. Bis dahin werden notwendige Umbaumaßnahmen umgesetzt.
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Dieses weiße Wohnhaus in Bassum wird zu einem Schutzhaus für Mütter und ihre Kinder: Bernhard Schubert und Lina Kirck erwarten die ersten Bewohner Ende März 2021. Bis dahin werden notwendige Umbaumaßnahmen umgesetzt.

Bassum – Das Kinderheim „Kleine Strolche“ erweitert sein Angebot in Bassum. Direkt neben der Strolchenvilla entsteht ein neues Haus für junge Mütter mit ihren Kindern. Dort sollen sie lernen, zuverlässige und kompetente Mütter zu sein. Das Haus ist gekauft, die Genehmigung des Landesjugendamtes liegt vor. Ende März sollen die ersten Frauen einziehen.

Vier Mütter mit insgesamt sieben Kinder können in Bassum Hilfe erhalten. Zwar hat jede von ihnen ein eigenes Schlaf-/Wohnzimmer und einen Sanitärbereich. Aber Küche und einen offenen Wohnbereich teilen sich jeweils zwei Mütter. „Sie sollen sich ganz bewusst nicht abkapseln“, sagt Bernhard Schubert als Geschäftsführer des Kinderheims und der neuen Einrichtung. Gemeinschaftskontakt sei wichtig, um auch dem schlimmsten Fall vorzubeugen: Kinder, die von ihren Müttern ungesehen misshandelt werden – zum Beispiel dann, wenn sie die Jungen und Mädchen nachts nicht zur Ruhe bringen können und überfordert sind.

Weil diese Gefahr bei Müttern mit Handicap zum Alltag gehört, werden sie in der neuen Einrichtung rund um die Uhr von pädagogischen Fachkräften betreut. Auch eine Hebamme und eine hauswirtschaftliche Fachkraft gehören zum Team. Die Leitung des neuen Hauses hat Lina Kirck. Sie arbeitet bereits im Kinderheim „Kleine Strolche“ in Asendorf mit Müttern, die das Muttersein erst einmal lernen müssen. Dort erhalten zurzeit sechs Mütter mit insgesamt sieben Kindern Unterstützung, davon fünf Mütter mit insgesamt fünf Kindern im intensivpädagogischen Bereich.

Die neuen Bewohner in Bassum kommen voraussichtlich aus dem gesamten Bundesgebiet und haben eines gemeinsam: Sie stehen unter Betreuung des Jugendamtes, weil sie ihre Kinder vernachlässigt haben oder Misshandlungsgefahr besteht. Es sind Mütter, die überfordert sind oder elementare Defizite aus ihrer eigenen Kindheit mitgenommen haben. Manchmal betreuen Lina Kirck und ihr Team Mütter, die erst 14 Jahre alt sind – selbst noch Kinder. Aber auch eine Frau mit 35 Jahren musste noch lernen, ihre Kinder richtig zu versorgen.

Mütter in der intensivpädagogischen Betreuung sind erziehungsunfähig, leiden zum Teil unter kognitiven Einschränkungen oder einer Suchtproblematik. „Viele haben psychische Belastungen“, weiß Lina Kirck. Allerdings sind diese Handicaps nicht immer gleich erkennbar – wie bei einer Mutter, die auch in der intensivpädagogischen Betreuung keine Fortschritte in ihrer Entwicklung machte. Erst später konnte sie sich öffnen, Vertrauen fassen und ihr Trauma offenbaren: Ihr Lebenspartner hatte ihr immer wieder Gewalt angetan, sie sogar mit dem Tod bedroht. „Aus Angst ist sie nicht zur Polizei gegangen“, so Lina Kirck.

Diese Frau schaffte es im zweiten Anlauf, ihre Stärken wieder zu entdecken und für sich sowie ihr Kind ein stabiles Leben aufzubauen. Doch jetzt ist genau das wieder in Gefahr: „Der Vater verlangt ein Umgangsrecht mit seinem Kind“, berichtet Bernhard Schubert. „Und jetzt ist die Angst wieder da.“

Obwohl alle Betreuer davon dringend abraten, dem Vater ein solches Recht einzuräumen, könnte der Richter eine andere Entscheidung fällen. „Das Elternrecht wird sehr hoch gehängt“, weiß Bernhard Schubert aus Erfahrung – und fragt sich: „Aber wo bleibt das des Kindes, wenn es dadurch einem hohen Risiko ausgesetzt ist?“

Zurück zu den Müttern mit Unterstützungsbedarf: Um Stabilität und kindeswohlgerechte Verantwortung entwickeln zu können, bleiben sie mit ihren Kindern bis zu dreieinhalb Jahren in der Betreuung – vor allem dann, wenn sie eine Ausbildung machen möchten. Intensivbetreuung erhalten Mütter mit Kindern so lange wie notwendig, um sich dann mit weiteren Betreuungsschritten eine neue eigene Basis zu schaffen.

Bernhard Schubert und Lina Kirck wissen, dass die Intensivbetreuung mit hohen Kosten für das Jugendamt verbunden ist. Aber die Alternative wäre eine Inobhutnahme der Kinder, oft ein Leben im Heim – womöglich für viele Jahre. Auch diese Betreuung müsste das Jugendamt zahlen – und verbunden wäre sie für die Kinder mit einer traumatischen Erfahrung, womöglich mit einem Heimkind-Stigma fürs Leben.

In diesem Wissen setzen Jugendämter verstärkt auf die Intensivbetreuung von Müttern mit ihren Kindern. „Aber es gibt zu wenig Plätze“, weiß Bernhard Schubert. Mit der neuen Einrichtung in Bassum reagiert er auf die bundesweite Nachfrage nach dieser Betreuungsform.

Wie erfolgreich ist sie? „In manchen Fällen ist es so, dass die Mütter es nicht schaffen, ihre Ressourcen auszubauen“, so Lina Kirck. In etwa 25 Prozent, sagt Bernhard Schubert, würde diese Betreuung nicht zum Erfolg führen. In diesen Fällen bleibt den Kindern die Pflegefamilie oder das Heim nicht erspart.

Von Anke Seidel

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