Auftrag beendet 

Impfzentrum in Bassum schließt

Die letzten Materialien werden verpackt: (v.l.) Nadine Bode (Mitarbeiterin der Klinik Bassum), Gülsah Bekirogullari, Nadine Brandt (Klinikverbund) und Anne Sudmann bei den letzten Arbeiten im Impfzentrum.
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Die letzten Materialien werden verpackt: (v.l.) Nadine Bode (Mitarbeiterin der Klinik Bassum), Gülsah Bekirogullari, Nadine Brandt (Klinikverbund) und Anne Sudmann bei den letzten Arbeiten im Impfzentrum.

Bassum. Nackt und kahl wirken die Räume, die Tausende von Menschen wohl ihr Leben lang nicht vergessen werden. Hier haben sie ihre Impfung gegen die gefährliche Seuche erhalten, gegen Corona. Jetzt streichen Maler das Refugium im Bassumer Krankenhaus, das neun Monate lang das Impfzentrum war. Noch liegt – als Fracht für die FTZ Wehrbleck – unbenutztes medizinisches Material auf Paletten im Flur.

Eine Szenerie, die Mitarbeitern des Impfzentrums fast unwirklich erscheint. So intensiv haben sie hier gearbeitet. So viele Menschen erlebt – freundliche, abweisende, unbelehrbare. Alles Geschichte.

Das Impfzentrum ist aufgelöst. Bilanz ziehen die Verantwortlichen mit Landrat Cord Bockhop an der Spitze am Freitag. Unter den Mitarbeitern herrscht Abschiedsstimmung, die letzte Impfung in „ihrem“ Zentrum ist am Freitag verabreicht worden. 95 Kräfte haben in dieser Ausnahme-Einrichtung gearbeitet – 25 pro Schicht.

Unsicherheit und Unwillen

„Wir hatten hier alle Berufsgruppen“, blickt Schichtleiterin Anne Sudmann gemeinsam mit ihrer Kollegin Gülsah Bekirogullari zurück. Zentrumsleiterin Nadine Brandt nickt. Medizinische Fachangestellte und Ärzte haben Hand in Hand gearbeitet mit Polizisten im Ruhestand sowie Handwerkern und anderen, die im Organisationseinsatz waren. „Wie eine Familie“, formuliert es Anne Sudmann, sind die Kollegen im Impfzentrum zusammengewachsen. Immer wieder mussten sie neue Herausforderungen stemmen. Immer wieder veränderten neue Regeln ihre Organisation und ihre Zeitpläne. Dazu kamen Unsicherheit oder Unwillen der Impflinge, wenn es um den Impfstoff ging.

Sicherheitsdienst führt zwei Personen aus dem Haus

Zwei mussten vom Sicherheitsdienst aus dem Haus geführt werden, so ist im Gespräch zu erfahren: „Sie haben die Mitarbeiter wüst beschimpft und wären fast handgreiflich geworden, weil sie einen anderen Impfstoff haben wollten.“ Frust ist in der Zeit, als der Impfstoff mehr als knapp ist, als Berichte über Nebenwirkungen das Fernsehprogramm prägen und die Impfhotline des Landes nicht zu erreichen ist, ein ständiger Gast im Impfzentrum.

Anne Sudmann wird das nie vergessen: „Der Telefondienst war mit drei Mitarbeitern besetzt. Trotzdem konnten wir nicht alle Anrufe entgegennehmen.“ Das vervielfachte sich beim Astrazeneca-Impfstopp noch: „Da war es ganz schlimm.“

Immer wieder kippt die Terminplanung wegen neuer Vorgaben. Der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung ändert sich von zwölf auf neun Wochen, dann der von Biontec von drei auf sechs Wochen, der von Moderna von vier auf sechs Wochen. Die Mitarbeiter müssen jedes Mal für Tausende von Menschen einen neuen Zweitimpfungstermin organisieren und die schriftliche Benachrichtigung aktivieren – was bei nicht wenigen Adressaten zu völliger Verwirrung führt. „Welcher Termin gilt denn nun?“ lautet die bange Frage am Telefon, das unaufhörlich klingelt.

Immer wieder gibt es Überraschungen und Stress: „Im System hatten wir knapp 700 Impflinge, aber dann kamen 300 Leute mehr.“ Die Folge: lange Schlangen vor dem Impfzentrum, Frust und Enttäuschung bei den Wartenden. Ganz zu schweigen davon, dass sich immer wieder Menschen ohne Termin und ohne Impfberechtigung dazwischen mogeln. Andere haben ihren Impfausweis vergessen, das muss geregelt werden und kostet Zeit. „Wir haben manchmal gedacht: Man geht doch auch nicht ohne Geld einkaufen“, sagt Nadine Brandt.

Überstunden eher die Regel als die Ausnahme

Zeitweise ist der Impfstoff so knapp, dass die Mitarbeiter um jede Dosis kämpfen. Manchmal steht nur noch ein Impfling auf der Liste. Dann bitten die Mitarbeiter ihn: „Kommen Sie morgen wieder.“ Denn in einer Ampulle sind zehn Dosen, neun würden verfallen. Manche haben Verständnis und stimmen zu. Andere sehen nur sich, sie pochen auf ihr Recht. Dann telefonieren die Mitarbeiter die Warteliste ab, laden neun weitere Menschen schnell ins Impfzentrum ein und bleiben, bis alles erledigt ist.

Überstunden sind in diesen Zeiten eher die Regel als die Ausnahme. „Unter den Mitarbeitern waren auch Minijobber. Die haben das dann ehrenamtlich gemacht“, erinnern sich die Schichtleiterinnen. Manche Tage sind so lang, dass kein Familienleben mehr möglich ist: „Wir haben unsere Kinder nicht mehr gesehen“, sagt Gülsah Bekirogullari.

Davon wissen die Bürger nichts, die sich immer wieder beschweren. Andere monieren ihren Zweitimpfungstermin: „Da sind wir im Urlaub.“ Manche haben kein Verständnis dafür, dass die Mitarbeiter im Impfzentrum ihnen keine Sonderwünsche erfüllen können – weil sie möglichst schnell möglichst viele Menschen immunisieren müssen, um die Ausbreitung des Virus so schnell wie nur eben möglich zu stoppen.

Aber es gibt auch Impflinge, die sich bedanken. Davon zeugen viele Karten und süße Aufmerksamkeiten für die Mitarbeiter. „Unser Schrank war immer voll mit Süßigkeiten“, so Anne Sudmann und Gülsah Bekirogullari. Eine dankbare Klientin hat sogar Schlüsselanhänger mit der Aufschrift „Impfengel“ gestickt, eine andere das Corona-Virus als Maskottchen gehäkelt. Auch Badesalz gehört zu den Aufmerksamkeiten für die Mitarbeiter, die immer wieder die Folgen überregionaler Entscheidungen ausbaden müssen.

Das ist vorbei, ihr Arbeitsauftrag beendet. Manche haben einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Andere suchen noch. Gülsah Bekirogullari hat eine Perspektive in der Verwaltung: „Ich habe gleich ein Bewerbungsgespräch.“

Von Anke Seidel

Handwerker streichen die Räume des Impfzentrums, die wieder von der Klinik Bassum genutzt werden.

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