Erika Menz ist mit der Bassumer Ehrenamtsmedaille ausgezeichnet worden

Ein Leben mit Wach-Koma

Erika Menz am Bett ihrer Schwägerin Anke. Die Tür zu Ankes Zimmer steht immer auf. „Anke ist tierlieb“, sagt Menz. Deshalb dürfen auch die beiden Hunde zu ihr. - Foto: Albrecht

Bassum - Von Frauke Albrecht. „Kommen Sie ruhig herein. Hallo Anke, wir haben Besuch.“ Was für Erika Menz und ihre Familie selbstverständlich ist, bereitet vielen Menschen Unbehagen. Erika Menz pflegt seit elf Jahren ihre Schwägerin. Anke liegt im Wachkoma – sie wird nie wieder aufwachen. „Das sagen die Ärzte.“

Für ihre aufopfernde Pflege wurde Erika Menz kürzlich von der Stadt Bassum mit der Ehrenamtsmedaille ausgezeichnet.

„Als ich die Einladung erhalten habe, war mein erster Gedanke: Warum ich? Ich mache doch gar nichts für die Öffentlichkeit“, erinnert sich Menz. Doch dann dachte sie: „Schön, dass das anerkannt wird.“ Sie ist stolz auf die Medaille.

Sie werde oft gefragt: „Warum machst du das?“ „Weil ein Mensch Hilfe braucht“, sagt Menz. „Vielleicht habe ich ein Helfersyndrom.“ Dabei kam sie früher gar nicht besonders gut mit ihrer Schwägerin aus, erzählt sie. „Wir sind vom Typ grundverschieden.“

Dann kam der Tag, an dem Anke plötzlich umfiel – das war 2002. Hirnschlag. Sie fiel ins Koma. Zwei Jahre später kam sie in ein Pflegeheim. „Es hat sich keiner um sie gekümmert“, sagt Erika Menz. Ihr Bruder hatte eine neue Frau kennengelernt. „Er kam vielleicht zweimal im Jahr zu Besuch. Ich habe einen Menschen gesehen, der hilflos ist und Hilfe braucht“, sagt Menz. Als gelernte Krankenschwester konnte sie nicht anders: Sie spach mit ihrer Familie und entschied sich, die Schwägerin zu sich zu nehmen. Seitdem kümmert sich Erika Menz um die Patientin. Es ist Schwerstarbeit.

Die Ärzte haben eine Beobachtung von 12 bis 19 Stunden für Anke angeordnet. Der Tag beginnt für Erika Menz morgens zwischen fünf und sechs Uhr: Sie wäscht ihre Schwägerin, lagert sie um, überwacht die Ernährung und gibt die Medikamente.

„Wachkoma-Patienten bekommen viel mehr mit als man glaubt“, ist sie überzeugt. „Es ist wichtig, liebevoll mit ihnen umzugehen und Verständnis zu haben.“

Anke soll sich wohlfühlen. Ihre Tür steht immer auf. Die Vorhänge sind geöffnet, die Sonne scheint ins Zimmer. „Es gibt nur wenige Koma-Patienten, die so lange leben“, sagt Menz. Es sei ein Zeichen für eine gute Pflege. Das würden die Ärzte bestätigen, die regelmäßig nach der Patientin schauen. Ist es ein Leben? Für Erika Menz überhaupt keine Frage – „Ja“.

Sie selbst ist in Bremen geboren und aufgewachsen. „Ich war als Kind pummelig und wurde viel gehänselt“, erinnert sie sich an keine schöne Kindheit. „Mein Umfeld hat mir nie etwas zugetraut.“ Und so hatte sie als junges Mädchen auch wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Obwohl sie schon früh davon geträumt hat, Krankenschwester zu werden, ließ sie sich beschwatzen und lernte Einzelhandelskaufrau. „Als Kind lag ich sechs Monate in der DDR im Krankenhaus. Ich hatte dort meine Tante besucht und einen Unfall gehabt. Es gab eine junge Lernschwester, die war toll. So wollte ich sein“, erinnert sich Menz. Doch es dauerte Jahre, bis sie ihren Traum wahr machte.

„Ich habe sehr früh geheiratet, mit 21 Jahren.“ Kurz nach der Hochzeit kamen die beiden Töchter auf die Welt. Erika Menz arbeitete als Datatypistin, später in einer Reinigung. „Zwischenzeitlich habe ich auch geputzt.“

Erst 1992 verwirklichte sie sich ihren Traum. Die damals 32-Jährige ließ sich zur Krankenschwester umschulen. Schnell erhielt sie Anerkennung und ein Angebot. „Es ist ein harter Job, aber wenn man dazu steht, ist es ein schöner Beruf.“

Die junge Frau emanzipierte sich in diesen Jahren, sie arbeitete Vollzeit, trennte sich von ihrem ersten Mann und zog nach Bassum. Im Jahr 2000 kaufte sie ein Grundstück dort.

Zwei Jahre später erkrankte Erika Menz an Brustkrebs. Es folgten Operation, Chemotherapie und Bestrahlung. Die Bassumerin kämpfte sich zurück ins Leben. Sie lernte ihren jetzigen Mann kennen und zog zu ihm nach Koblenz.

2004 kehrte das Paar zurück nach Bassum. „Ich hatte ja noch das Haus.“ In dem Jahr nahm die Familie auch die Schwägerin auf.

Im Jahre 2010 erkrankte Erika Menz das zweite Mal an Krebs. Über ihr eigenes Schicksal denkt die 56-Jährige nicht nach. „Ich habe auch keine Patientenverfügung“, sagt sie. Ihr sei wichtig, für andere da zu sein. „Dass man Verantwortung hat.“ Dafür opfert sie viel. „Wir haben nicht viele Freunde“, sagt Menz. Es kann anscheinend nicht jeder so gut mit der Situation umgehen. Die meisten Menschen verdrängen die Gedanken an ein solches Schicksal. Für Erika Menz ist es Alltag.

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