Kulinarischer Herbst: Harald Focke erzählt Schifffahrts-Geschichten

Der blinde Passagier

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Eine schier unglaubliche Geschichte erzählte Harald Focke (l.) den Mitgliedern der von Richard Reiners geleiteten SovD-Ortsgruppe Neubruchhausen.

Neubruchhausen - Von Heiner Büntemeyer. Die spannende Geschichte eines blinden Passagiers erzählte der Bassumer Schifffahrts- und Technikhistoriker Harald Focke beim Kulinarischen Herbst derSoVD-Ortsgruppe Neubruchhausen. Eingeladen hatte der Vorsitzende Richard Reiners ins Gasthaus Zur Post, wo den Gästen ein Drei-Gänge-Menü aufgetischt wurde.

Der ehemalige Gymnasiallehrer Focke hat Material über die letzten großen Atlantik-Liner des Norddeutschen Lloyd gesammelt. Er selbst ist allerdings nie zur See gefahren. „Als ich das gekonnt hätte, gab es die für damalige Zeiten ungewöhnlichen Fahrgastschiffe ‚Berlin‘, ‚Bremen‘ und ‚Europa‘ schon nicht mehr“, erklärt er. Aber er sammelte Material und veröffentlichte 2002 ein Buch zum Thema.

Nachdem das Buch erschienen war, meldeten sich bei ihm zahlreiche Leser und meinten: „Hättste mich man gefragt, ich hätte auch noch was gewusst.“

Was genau sie noch wussten, erfuhr Focke in etwa 40 Interviews, die er mit den früheren Passagieren und dem ehemaligen Bordpersonal führte.

Auch der Maler Wiegbert Schwedries meldete sich bei ihm und erklärte, er sei 1961 als blinder Passagier auf der „Berlin“ mit nach New York gereist. Er erzählte Focke seine Story, die der allerdings nicht ungeprüft übernehmen wollte.

Später, bei einem Gespräch mit einem 2. Offizier der „Berlin“, erzählte dieser eher beiläufig, man habe auf einer Reise auch mal einen blinden Passagier entdeckt, der sich in einem der Rettungsboote versteckt hatte. Focke wurde hellhörig und fragte nach. Es zeigte sich, dass beide Versionen übereinstimmten.

Danach hatte Schwedries aus Visselhövede seine Mutter und seine Schwester an Bord der „Europa“ begleitet, mit der die eine Reise zu Verwandten in den USA unternehmen wollten.

Und als es hieß „Besucher von Bord“, sei er in ein Rettungsboot gekrochen, habe sich unter der Persenning, also der Abdeckung, versteckt und von der dort gelagerten Notration gelebt.

Ein aufmerksamer Funkoffizier entdeckte ihn später. Schwedries musste sein Versteck verlassen und als Maler an Bord arbeiten. In New York durfte er nicht von Bord und fuhr mit der „Berlin“ wieder zurück nach Bremerhaven.

Später gab es eine Gerichtsverhandlung. Der Richter verurteilte Schwedries zu einer Strafe von fünf D-Mark, die dieser der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger überweisen musste.

Focke hatte zu diesem Vortrag auch einige Fotos mitgebracht. Eines dieser Fotos zeigt den abenteuerlustigen jungen Mann noch im Rettungsboot, kurz nachdem ihn die Besatzung dort entdeckt hatte.

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